HIV : Vor allem hilft eine frühe Therapie

Dass ein französischer Teenager HIV ohne Medikamente in Schach hält, ist spektakulär. Doch für die meisten der 37 Millionen Infizierten ändert das nichts. Ihnen hilft vor allem eines: eine möglichst frühe Therapie. Ein Kommentar.

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Vernachlässigt. Nur jedes dritte HIV-positive Kind wird behandelt. Foto: dpa
Vernachlässigt. Nur jedes dritte HIV-positive Kind wird behandelt.Foto: dpa

Warum die Eltern ihrer fast sechsjährigen HIV-positiven Tochter keine Medikamente mehr geben wollten, ist nicht bekannt. Sie setzten sie einfach ab, gegen den Rat der Ärzte. Trotzdem blieb das Mädchen gesund. Nicht ein oder zwei Jahre. Die Französin ist heute 18, in ihrem Blut ist nach wie vor kein Virus nachweisbar. Und das, obwohl sie nicht geheilt ist. Das Aidsvirus ist in ihren Immunzellen in einen Dornröschenschlaf gefallen.

Eine derart lang anhaltende Remission ist spektakulär, keine Frage. Doch bisher können die Forscher um Asier Sáez-Cirión vom Institut Pasteur in Paris nicht erklären, wie dieser Erfolg zustande kam (siehe Seite 22). Vielleicht entdecken sie nun einen Aspekt der Immunreaktion auf das Virus, der bei der Entwicklung eines Impfstoffes hilft. Vielleicht finden sie erhellende Gemeinsamkeiten mit dem „Mississippi-Baby“. Das Kind galt als geheilt; zwei Jahre später war HIV mit Macht zurück. Vorerst gehört die junge Frau zu einer verschwindend kleinen Minderheit, die das Virus ohne Medikamente im Zaum halten können. Für die etwa 37 Millionen Menschen, die mit HIV leben, ändert das im Moment nichts. Niemand kann ihnen ernsthaft raten, die Therapie nach Gutdünken abzubrechen. Im Gegenteil.

Wenn man derzeit überhaupt eine Lehre aus dem Fall ziehen kann, dann nur eine: Es ist vorteilhaft, das Virus möglichst bald nach der Ansteckung zu bekämpfen. Das bestätigen Studien mit tausenden Teilnehmern. Die Ergebnisse stellten Forscher in diesen Tagen auf der Konferenz der Internationalen Aidsgesellschaft in Vancouver vor. Die Weltgesundheitsorganisation WHO kündigte sofort an, dass sie in den nächsten Monaten ihre Therapieempfehlungen anpassen wird.

Wer früh therapiert wird, ist langfristig gesünder

Selbstverständlich ist das nicht. Es galt lange als unmöglich, jeden Infizierten mit Medikamenten zu versorgen. Und so bekamen zunächst jene die Wirkstoffcocktails, deren Immunsystem bereits angegriffen war. Den Grenzwert von weniger als 200 CD4+-Helferzellen pro Kubikmilliliter hob die WHO in den vergangenen Jahren schrittweise an. Umstritten blieb, ob die Therapie sofort nach der Diagnose beginnen sollte – auch wenn das Immunsystem noch intakt ist. Schließlich haben die Medikamente Nebenwirkungen.

Diese Zweifel sind nun Geschichte. Wer früh therapiert wird, ist langfristig gesünder. Das zeigte eine Studie mit 4685 Teilnehmern in 35 Ländern. Ihr Risiko, an Aids zu sterben, schwere HIV-assoziierte Erkrankungen oder andere schwere Leiden zu bekommen, ist um 57 Prozent niedriger. Die Häufigkeit heftiger Nebenwirkungen – wie Nierenschäden – änderte sich dagegen nicht. Verstreicht zwischen dem positiven HIV-Test und Therapiebeginn keine Zeit, hat das noch andere Vorteile. Bisher ging ein Drittel der Patienten in dieser Zeit „verloren“, berichtete die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ über 41 ihrer Projekte. Reißt der Kontakt gar nicht erst ab, könnten künftig mehr Infizierte behandelt werden.

Nur jedes dritte HIV-positive Kind bekommt Medikamente

Gleichzeitig ist es ein Beitrag zur Prävention, das zeigt eine Studie mit 1763 heterosexuellen Paaren aus Afrika, Brasilien, Indien, Thailand und den USA. Begann die Therapie sofort, hatte der gesunde Partner ein um 93 Prozent geringeres Risiko, sich mit dem Virus anzustecken. Nur in Einzelfällen kam es doch zu einer Übertragung; etwa weil die Therapie das Virus noch nicht vollständig unterdrückt hatte, weil der infizierte Partner seine Pillen nicht regelmäßig nahm oder weil das Virus resistent geworden war. Ähnliche Zahlen gibt es für homosexuelle Paare.

Ob jeder Infizierte sofort behandelt werden sollte, ist für die Wissenschaft keine Frage mehr. Nun ist die Politik am Zug. Die Vereinten Nationen haben kürzlich verkündet, dass sie die Epidemie bis 2030 beenden wollen. Damit das gelingen kann, müssen die Geldgeber bis 2020 jedes Jahr nochmals acht bis zwölf Milliarden Dollar mehr als jetzt in den Kampf gegen Aids investieren, statt zu kürzen.

Bisher haben 15 Millionen Patienten Zugang zu den Medikamenten. Das ist ein riesiger Erfolg und doch zu wenig. Viel zu viele Infizierte haben nie einen Test gemacht. Viel zu viele werden stigmatisiert. Selbst Kinder müssen darunter leiden. Nur jedes dritte HIV-positive Kind bekommt die lebensrettende Therapie. Der Rest wird meist nicht einmal fünf Jahre alt. So etwas ist nicht akzeptabel.

Der Fall der jungen Französin gibt der HIV-Forschung indes wieder Aufwind. Denn die Wissenschaftler begnügen sich nicht mit der Beschreibung von Einzelfällen, sie wollen das Virus, den Erkrankungsverlauf und die Antwort des Körpers auf den Eindringling immer besser verstehen. Jede neue Erkenntnis hilft dabei, gezielter nach einem Impfstoff beziehungsweise nach einem Heilmittel zu suchen. Auch wenn der Durchbruch bislang ausblieb.

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