Hochschule : „Homo-Umpoler“ an der Uni Marburg

Lesben und Schwule protestieren gegen einen Kongress von Psychotherapeuten an der Universität Marburg. Dort würden Referenten auftreten, die Homosexuelle zu Heterosexuellen machen wollten.

Tilmann Warnecke

Der Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) fordert die Universität und die Stadt Marburg auf, sich von einem im Mai an der Uni geplanten Psychotherapeuten-Kongress zu distanzieren. Man habe „mit großer Besorgnis erfahren, dass dort Referenten auftreten wollen, die Homosexuelle zu Heterosexuellen ,verändern‘ wollen“, heißt es in einem offenen Brief des LSVD. Vorstandsmitglied Manfred Bruns sagte der Nachrichtenagentur ddp: „Wir kritisieren, dass man ,Homo-Umpolern‘ eine Basis bietet, sich zu präsentieren.“ „Dubiosen und einseitigen Beratungspraktiken“ würde so Seriosität bescheinigt. Organisator des „6. Internationalen Kongress für Psychotherapie und Seelsorge“ ist die „Akademie für Psychotherapie und Seelsorge“, die von evangelikalen Christen getragen wird. Thema der Veranstaltung soll „Identität“ sein.

Die Kritik des LSVD richtet sich gegen zwei Seminare. Eines wird vom Vorsitzenden des Vereins „Wüstenstrom“ unterrichtet, der psychologische Beratung im Bereich Sexualität anbietet, das andere von der Leiterin des „Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft“, ein Studienzentrum der „ökumenischen Kommunität der Offensive Junger Christen“. Beide Referenten verträten Organisationen, deren Therapieangebote homosexuellen Ratsuchenden eher schaden als nützten, sagte Bruns. Eine „affirmative Therapie“, die Menschen helfe, mit ihrer sexuellen Orientierung zu leben, würden die Organisationen strikt ablehnen. Bruns forderte die Veranstalter auf, die Referenten wieder auszuladen.

„Wüstenstrom“ hatte sich im vergangenen Jahr mit einer einstweiligen Verfügung gegen einen Journalisten gewehrt, der geschrieben hatte, der Verein würde Schwule und Lesben „umpolen“. Der Journalist konnte allerdings erfolgreich dagegen Widerspruch einlegen. Die Organisation erklärte jetzt auf die Vorwürfe schriftlich, sie würde Probanden sehr wohl „ergebnisoffen beraten“.

Auch die zweite Organisation wies die Vorwürfe zurück. Von Umpolung und Homophobie könne keine Rede sein. „In einer offenen Gesellschaft muss es doch möglich sein, über so etwas zu forschen“, sagte eine Sprecherin des „Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft“ der „Frankfurter Rundschau“. „Wir wollen Menschen helfen, die sich eine Verringerung ihrer homoerotischen Gefühle wünschen.“ Die Veranstalter kritisierten die „wenig hilfreichen Diffamierungen“. Die 120 Referenten der Tagung würden das gesamte Spektrum der kirchlichen Diskussion abbilden. Stadt und Universität sahen bislang keinen Anlass, etwas zu unternehmen.

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