Hochschule : Rätselhaftes Ranking

CHE hält FU-Physik und TU-Chemie für schwach. Sieben deutsche Hochschulen seien forschungsstark. FU kritisiert das Ranking.

Anja Kühne

Sieben deutsche Hochschulen sind besonders forschungsstark: die beiden Münchener Unis, die Unis Freiburg, Stuttgart, Heidelberg, Karlsruhe und Frankfurt. So beurteilt jedenfalls das neue Forschungsranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) die Lage. Die Berliner Universitäten gehören nicht zu dieser Spitzengruppe. Allerdings schrammte die Humboldt-Universität knapp an ihr vorbei. Gemeinsam mit Göttingen und Köln liegt sie unmittelbar darunter und führt damit die Liste der vom CHE in die Mittelgruppe verwiesenen Universitäten an, der auch die Freie Universität (FU) und die Technische Universität Berlin angehören.

Wie ist es möglich, dass Hochschulen, die soeben in einem aufwendigen Verfahren im Exzellenzwettbewerb an die deutsche Spitze gewählt wurden – darunter neben der FU auch die RWTH Aachen, Konstanz und Göttingen – aus Sicht des CHEs in der Forschung nur im Mittelfeld liegen? Das CHE-Ranking hat eine eigene Logik. Als „forschungsstark“ gelten danach Hochschulen, die in mindestens der Hälfte der gerankten Fakultäten forschungsstark sind. Das CHE untersucht insgesamt 16 Fächer. Von diesen gibt es zum Beispiel an der FU Berlin 13 Fächer, fünf davon gelten als forschungsstark: Anglistik, Chemie, Erziehungswissenschaft, Medizin und Pharmazie. Das entspricht einem Anteil von 38,5 Prozent. An der HU sieht das CHE sechs Fächer als forschungsstark an: Erziehungswissenschaft, Geschichte, Mathematik, Medizin, Soziologie und VWL. Das entspricht einem Anteil von 46, 2 Prozent, was nicht ganz für die Spitzengruppe reicht.

Auch die Bewertung der einzelnen Fächer durch das CHE wirft Fragen auf. Warum gilt zum Beispiel die Physik der FU als „nicht forschungsstark“? Die Physik der FU hat drei der großen renommierten Sonderforschungsbereiche (SFB) der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingeworben, an zwei weiteren SFBs sind Physiker der FU maßgeblich beteiligt. Ebenso rätselhaft scheint, dass die Chemie der TU Berlin im CHE-Ranking als „nicht forschungsstark“ eingestuft wird. Dabei hat die Chemie der TU im Herbst gegen die scharfe Konkurrenz des Elitewettbewerbs ein riesiges Forschungsprojekt („Cluster“) durchgekämpft. Auch hat der Wissenschaftsrat der Chemie der TU gerade erst sehr gute und gute Noten gegeben – sogar über einen langen Beobachtungszeitraum hinweg: die Jahre 2001 bis 2005.

Im CHE sieht man für solche Diskrepanzen verschiedene Ursachen. Möglich, dass eine Fakultät zu Zeiten der Erhebung (im Fall der Physik zwischen 2002 und 2004) noch nicht so viele Sonderforschungsbereiche hatte wie heute, sagt Sonja Berghoff vom CHE auf Anfrage. Denkbar auch, dass Fakultäten anderer Unis noch erheblich mehr Drittmittel aus weiteren Quellen nachweisen konnten. Auch hänge manches von den Indikatoren im Einzelnen ab. Betrachtet werden Drittmittel, Publikationen, Erfindungen und die Zahl der Promotionen. Hochschulen, die sich in einem Fach bei mindestens der Hälfte der Indikatoren in der Spitzengruppe platzieren können, werden als forschungsstark eingestuft. „Man verliert immer etwas, wenn man für eine Übersicht zusammenzieht“, sagt hingegen Berghoff. Wenn das Ranking nur als Uni-Hitliste, nicht aber die Auswertung der einzelnen Indikatoren wahrgenommen wird, entsteht zwangsläufig ein etwas schiefes Bild.

Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität, kritisiert, dass das Ranking alte Zahlen mit neuen vermischt. Schließlich wurden für diesen Durchgang nur vier an der FU vorhandene Fächer neu begutachtet. Zwei davon – Erziehungswissenschaft und Anglistik – gelten als forschungsstark. Würde man die CHE-Kriterien nur auf diese vier neu betrachteten Fächer anwenden, würde die FU mit 50 Prozent forschungsstarken Fächern zur Spitzengruppe gehören, merkt Lenzen ironisch an. Auch der enge Fächerkanon des Rankings schwäche seine Aussagekraft. Fächer wie Germanistik, Romanistik oder die an der FU starken Theaterwissenschaften oder die Altertumswissenschaften bleiben links liegen.
Das Ranking im Internet:

www.che-ranking.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar