Hochschule : Was Top- Wissenschaftler von Deutschland erwarten

Nach dem Fall Tuschl: Andere Spitzenforscher, die aus dem Ausland zurückkehren, sind mit den Bedingungen hierzulande sehr zufrieden. Der TU München droht dagegen ebenfalls ein Top-Wissenschaftler wegen schlechter Erfahrungen bei den Berufungsverhandlungen abzuspringen.

Paul Janositz

Wie attraktiv sind deutsche Universitäten für Spitzenforscher aus dem Ausland? Als das Bundesforschungsministerium im letzten Jahr die neuen millionenschweren Humboldt-Professuren vorstellte, waren die Hoffnungen groß. „Weltstars“ sollten mithilfe des höchstdotierten deutschen Forschungspreises für die hiesige Wissenschaft gewonnen werden – das sagte Helmut Schwarz, der Präsident der Humboldt-Stiftung, die die Professuren mit dem Ministerium vergibt.

Ein halbes Jahr nach der Verkündung der ersten Preisträger zeigt sich ein gemischtes Bild. Die Hälfte der ausgewählten Forscher hat die Professur inzwischen angenommen. Sie sind sehr zufrieden über die Bedingungen. Der Zellbiologe Thomas Tuschl sagte der Freien Universität dagegen wie berichtet ab. Und der Technischen Universität München (TUM) könnte ein ähnlicher Fall drohen. Der Bioinformatiker und Physiker Burkhard Rost, seit zehn Jahren an der New Yorker Columbia-Universität, äußerte sich gegenüber dem Tagesspiegel frustriert wegen der schwierigen Verhandlungen mit der Eliteuniversität.

Insgesamt neun Humboldt-Professuren wurden im Herbst an sieben Unis vergeben. Die Berufungsverhandlungen mit den Preisträgern sind Sache der Hochschulen. Im Mai sollen die Verträge unter Dach und Fach sein. Vier Preisträger haben den Ruf angenommen, neben Rost verhandeln noch drei weitere. Der Chemiker Tuschl, der der FU einen Korb gab, begründete dies mit einem „Affenzirkus“ bei den Berufungsverhandlungen. Die FU wies die Vorwürfe zurück.

Auch Rost beklagt sich über die Verhandlungen. Diese schleppten sich hin, er bekomme zu wenig Unterstützung durch die TUM. Dabei seien er und seine Frau „bereit, es mit weniger als 55 Prozent unseres Nettoeinkommens in Deutschland zu versuchen“, sagt der Physiker. Bezüglich der Effizienz der Forschung würden sie Abstriche akzeptieren.

Ob Berufungen gelingen, hänge auch von „weichen Faktoren“ ab, sagt Helmut Schwarz. Wenn die Familie mitkomme, seien Hilfen bei der Suche nach Wohnung oder Schule entscheidend, ebenso wie die Unterstützung für den Partner. Tatsächlich bieten einige Unis mit „Welcome Centern“ allumfassende Betreuung ihrer Gäste. Die TU München hat auch ein „Dual Career Office“ eingerichtet. Dort will man sich um Paare kümmern, bei denen beide Partner hochqualifiziert sind.

So schien alles bestens geregelt, als die TU München Mitte Oktober bekannt gab, Rost habe seinen Ruf angenommen. Die TU bot sogar eine Stelle für Rosts Frau an, die Zellbiologin Karima Djabali. Die Professorin der Columbia-Universität soll in München eine Forschungsgruppe für Dermatologie und Allergologie leiten.

Doch die Mitteilung der Rufannahme war offensichtlich vorschnell. Er habe nur zugesagt unter der Voraussetzung, dass die Verhandlungen positiv verliefen, erklärt Rost. Der Physiker hat den größten Teil seines Forscherlebens im Ausland verbracht und ist schnelle Entscheidungen gewöhnt. „In den USA ist allein der Dekan für die Finanzen seiner Fakultät zuständig und hat bei Verhandlungen alle Freiheiten“, sagt er. So könne der Dekan auch das Gehalt festsetzen.

„Wir arbeiten mit Hochdruck daran, Rost optimale Möglichkeiten zu bieten", erklärt Uni-Sprecher Ulrich Marsch. Rost bekomme neben seiner „maximal ausgestatteten“ Professur die Stellung eines Gast-Fellows am „Institute for Advanced Study“. Dies verschaffe ihm weitere Arbeitsräume und zwei zusätzliche Stellen für Wissenschaftler. Für die Tochter sei ein Schulplatz gefunden, Wohnungsangebote seien vorgelegt worden. Für Rosts Frau sei eine Professorenstelle vorgesehen. „Wir sind jedoch kein rechtsfreier Raum“, sagt Marsch. Nach deutschem Recht müssten Professuren eben ausgeschrieben werden. Das koste Zeit. „Was wir bieten, mag im Vergleich zu Amerika noch immer wenig sein, für deutsche Verhältnisse ist es außergewöhnlich.“

Mit fünf Millionen Euro ist eine Humboldt-Professur über fünf Jahre dotiert. Die Preisträger können jährlich maximal 180 000 Euro als persönliches Gehalt entnehmen. Die Uni kann den Betrag aus eigenen Mitteln aufstocken. Sie erhält 15 Prozent der Fördersumme als Verwaltungspauschale. Als „mit ausländischen Auszeichnungen konkurrenzfähig“, bezeichnet der 50-jährige Astrophysiker Norbert Langer die Humboldt-Professur, die ihn aus Utrecht nach Bonn zieht. Auch der Quantenphysiker Martin Plenio vom Imperial College London hält das Programm für „ausgezeichnet dotiert“. Trotz eines Rufes nach Cambridge verhandelt er derzeit mit der Uni Ulm.

Festgelegt hat sich Oliver Brock. Der 38-jährige Informatiker kehrt von der Uni von Massachusetts Amherst (USA) an die TU Berlin zurück. Nach Berlin kommt auch der niederländische Festkörperphysiker Piet Brouwer. Er wechselt von der amerikanischen Cornell-Uni und soll das „Dahlem Center for Quantum Systems“ an der FU aufbauen. Die Ausstattung der Humboldt-Professur sei attraktiv für Top-Wissenschaftler, sagt Brouwer.

Er zeigt sich beeindruckt von der Qualität der physikalischen Forschung in Deutschland, die in hohem Maße international orientiert sei. So falle es Forschern aus dem Ausland leicht, sich in den Wissenschaftsbetrieb zu integrieren. Vorteile für die USA sieht Brouwer, wenn es um die Verwaltung geht. „Es gibt an den meisten amerikanischen Universitäten erstaunlich wenig Bürokratie.“ Die „Bedingungen für Wissenschaftler in den USA sind (noch) sehr gut“, so dass Forscher nur dann weggingen, wenn sie von der deutschen Lebensart angezogen würden.

Das dürfte bei Ulrike Gaul nicht ausschlaggebend gewesen sein. Sie sieht sich als Kosmopolitin. Die schwäbische Entwicklungsbiologin ist seit 15 Jahren an der New Yorker Rockefeller-Universität. Als der Ruf an die Münchner Ludwig-Maximilians-Uni kam, habe sie eine „Deutschlandtournee durch 20 Institute“ gemacht und sei positiv überrascht gewesen, sagte sie der „Zeit“. Die Strukturen seien „weniger hierarchisch, weniger bürokratisch und weniger rigide“ als früher. Die Befristung des Preises mache ihr keine Probleme. „Das ist ein Forschungspreis, keine Lebensversicherung. Irgendwann muss man wieder Anträge schreiben, wie alle anderen auch“, erklärte die Grundlagenforscherin. Paul Janositz

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