Hochschule : Wissenschaft ohne Frauen

Professuren besetzen Männer gerne mit Männern. Frauen mit Familie wird eine Laufbahn in der Wissenschaft zusätzlich erschwert

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Im Vergleich zu ihrem Anteil an den Professuren sind Frauen überdurchschnittlich häufig befristet.
Im Vergleich zu ihrem Anteil an den Professuren sind Frauen überdurchschnittlich häufig befristet.Foto: dpa

Die Historikerin Tatjana Tönsmeyer von der Universität Wuppertal ist in den letzten Jahren von Universitätsstadt zu Universitätsstadt gependelt und sieht sich von Projekt zu Projekt getrieben. Stationen waren Leipzig, Mainz, Berlin, Prag und London. Über ihre Pendeltätigkeit sagt sie: „Verträge mit nur einem Jahr Dauer sind der Höhepunkt der Unplanbarkeit. Man kann nicht in einem Jahr ein Buch schreiben oder ein Projekt abschließen.“ Ihre Forderung lautet: Frauen brauchten verlässliche Programmangebote am Ort und nicht eine derartig ausufernde Mobilität. Denn in der Zeit dieser kurzfristigen Ortswechsel sei an ein Kind nicht zu denken.

Christina Sichtmann, die an der Universität Wien eine Professur für Betriebswirtschaftslehre hat, schildert ihre Situation als „Leben auf dem Sprung“. Sie lehrt in Wien, und ihr Ehemann arbeitet bei einer Bank in Deutschland. Einen Ortswechsel zu organisieren, mit dem beide zufrieden sind, sei schwierig. „Unsere unsichere Situation macht es uns schwer, eine Familie zu gründen.“

Die Wissenschaftlerinnen äußerten sich jetzt auf einer Podiumsdiskussion in der Humboldt-Universität zum Auftakt des neunten Durchgangs des Berliner ProFiL-Programms. Damit bemühen sich Humboldt-Universität, Freie Universität und Technische Universität um die „Professionalisierung für Frauen in Forschung und Lehre“ (ProFiL). Inzwischen ist der neunte Durchgang dieses Programms gestartet worden. Der Erfolg ist beachtlich. 125 Teilnehmerinnen an dem ProFiL-Programm haben inzwischen Rufe auf Professuren erhalten, 75 Frauen wurde die Chance geboten, Vertretungsprofessuren wahrzunehmen, 89 schlossen die Habilitation ab, und 33 Wissenschaftlerinnen erhielten Rufe auf Juniorprofessuren.

Es gibt keine Partei im deutschen Bundestag, die daran zweifelt, dass für Frauen in der Wissenschaft etwas getan werden muss. Vor Kurzem hat der Bundestagsausschuss für Wissenschaft und Forschung über die Geschlechtergerechtigkeit in Wissenschaft und Forschung debattiert. Spitzenorganisationen wie der Wissenschaftsrat und die Deutsche Forschungsgemeinschaft haben sich mit Nachdruck dafür ausgesprochen, Frauen in der Wissenschaft viel intensiver zu fördern als bisher. Der Wissenschaftsrat hat kürzlich eine Quote gefordert. Im Rahmen der Exzellenzinitiative mussten die Universitäten bereits nachweisen, wie sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf konkret fördern.

Seit Einführung der Juniorprofessuren durch die sozialdemokratische Bildungsministerin Edelgard Bulmahn gab es neues Licht am Ende des Tunnels. Juniorprofessuren konnten immerhin für die Dauer von bis zu sechs Jahren einige Planungssicherheit bieten. Zwar wurden statt 6000 versprochener Juniorprofessuren nur 1400 finanziert. Doch der Frauenanteil liegt bei 35,6 Prozent, während es bei allen Professuren nur knapp 20 Prozent sind. Das Bundesprogramm für die Juniorprofessur aber ist ausgelaufen, eine von der Opposition geforderte Fortsetzung mit verbesserten Bedingungen nicht in Sicht. Die Regierungskoalition hat kürzlich angeregt, die Juniorprofessuren durch „Assistenzprofessuren“ zu ersetzen. Ob die Länder dem folgen und gleichzeitig den hoch qualifizierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit dem Tenure Track den Weg in die Vollprofessur öffnen, ist vollkommen unklar.

Aus der Sicht der betroffenen Frauen in der Wissenschaft bewegt sich auch an den Hochschulen nicht genug. Irrationale Haltungen seien weit verbreitet, sagt Tatjana Tönsmeyer: „Wenn eine Frau nach 18 Uhr gehen will, um sich um ihr Kind zu kümmern, dann fragen sich viele Kollegen, ob diese Frau es mit der Wissenschaft wirklich ernst meint.“ Äußere ein männlicher Wissenschaftler den gleichen Wunsch, sich um sein Kind zu kümmern, „dann gilt er als ein positives Beispiel für den Kulturwandel“.

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