Hochschulen : Auf der Suche nach dem besseren Fach

Wirtschaft statt Sozialarbeit, Tanz- statt Ingenieurwissenschaft: Dank neuer Masterprogramme können Akademiker ohne Vorkenntnisse in ein komplett anderes Fach wechseln. Wie gut klappt das wirklich?

Tina Rohowski
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Wechselspiel. Rund 80 Prozent der Studierenden in BWL-Masterprogrammen erhoffen sich bessere Karrierechancen.Foto: Thilo Rückeis

Ein Praktikum im letzten Semester brachte für Saniye Garip die Entscheidung. Damals stand die Studentin der Fachhochschule Kiel kurz vor ihrem Diplom als Sozialarbeiterin und musste feststellen: „Ohne BWL-Kenntnisse kommt man in der Branche nicht weit.“ Wie man neue Projekte anwirbt oder mit engen Budgets plant, hatte aber im Studium keine Rolle gespielt. Außerdem erfuhr Garip, dass die Arbeitsbedingungen in ihrem erlernten Beruf eher abschreckend sind: geringes Gehalt, viel Unsicherheit, immer nur befristete Stellen.

Saniye Garip dachte über einen Jobwechsel nach. Noch vor ein paar Jahren hätte sie nun bestenfalls Weiterbildungskurse besuchen können – oder gar ein zweites Diplomstudium machen müssen. Doch Garip, 28, gehört zur ersten Studentengeneration, für die es einen neuen Weg gibt: 2007 schrieb sie sich, ebenfalls in Kiel, für ein sogenanntes nicht konsekutives Masterstudium in BWL ein, das sie in diesem Jahr beenden wird. Aus der Sozialarbeiterin Saniye Garip wurde damit in knapp zwei Jahren eine Wirtschaftswissenschaftlerin.

Was in den USA schon lange in vielen Bildungsbiografien steht, ist mit Bachelor und Master nun auch an deutschen Universitäten möglich: Nach dem ersten Abschluss können Akademiker ohne Vorkenntnisse in ein komplett anderes Fach wechseln. Der nicht konsekutive Master gehört neben dem konsekutiven und dem weiterbildenden Studium für Berufserfahrene zu den drei Mastertypen, für die die Kultusminister der Länder 2005 Zugangsregeln und Ausbildungsinhalte festgelegt haben. Einzige länderübergreifende Bedingung für die Zulassung in einem nicht konsekutiven Programm ist demnach ein erster Hochschulabschluss. Ferner müssen die Studieninhalte in diesen Masterfächern so anspruchsvoll sein, dass sie „zu dem gleichen Qualifikationsniveau und denselben Berechtigungen führen“ wie die regulären Master. Die Studenten sollen also nach vier Semestern im neuen Fach sogar zu einer Promotion fähig sein. Einige Unis legen, um den Anforderungen gerecht werden zu können, deshalb zumindest Fächergruppen fest, aus denen sie bevorzugt Bewerber erwarten.

Etwa 4000 Masterprogramme sind derzeit bei der Hochschulrektorenkonferenz gemeldet, weniger als zehn Prozent davon gelten als nicht konsekutive Master. „Die meisten Angebote kommen aus den Wirtschaftswissenschaften“, sagt Sedika Rashid, Programmbetreuerin bei der Akkreditierungsagentur Fibaa, die die Qualität der neuen Masterstudiengänge bewertet. Bei den nicht konsekutiven Programmen seien die wichtigsten Fragen der Prüfer: Haben die Studieninhalte überhaupt Masterniveau? Kann das Programm einen gemischten Jahrgang auf den gleichen Wissensstand bringen? Oder fällt das Niveau ab, weil alle Studenten so unterschiedliche fachfremde Ausbildungen mitbringen?

Die Kurse dürften sich nicht mit den Grundlagen aufhalten, sagt Rashid, da das Studium dann nur Bachelorniveau habe. Viele Programme nutzten Brückenkurse vor Studienbeginn oder zusätzliche Tutorien im ersten Semester, um die Studenten möglichst schnell auf ein Level zu bringen. Oft gebe es in den ersten Wochen eine kurze Einführungsphase, die mit einer Klausur abgeschlossen wird. Nur wer besteht, darf im Master bleiben.

Auch für Saniye Garip und ihre Kommilitonen – darunter Ingenieure, Juristen oder Architekten – bedeutete der Einstieg in den Master einen enormen Arbeitsaufwand: „Wir hatten 28 Kursstunden pro Woche“, sagt Garip. „Dazu bekamen wir ein paar dicke Schinken, die wir durcharbeiten sollten. Nach zwei Wochen war Klausurtermin.“ Von Anfang an gab es Seminare, die die Neu-BWLer gemeinsam mit regulären Masterstudenten belegten, die bereits drei Jahre BWL-Bachelor hinter sich hatten. „Ich saß jeden Abend an der Vor- und Nachbereitung. Das war knallhart“, erinnert sich Garip.

Probleme mit dem neuen Stoff haben vor allem Erstsemester, sagt BWL-Professor Hans Klaus, der an der FH Kiel das Programm mitentwickelt hat. „Danach gewöhnt man sich an die wirtschaftswissenschaftliche Denke.“ Die Abbrecherquote liege unter zehn Prozent. Die Studenten brächten eine große Motivation mit, „weil sie genau wissen, was sie mit dem Master wollen“. Zwei Gruppen gebe es dabei. Erstens Akademiker, die mit dem zweiten Abschluss ganz aus ihrem ursprünglichen Fach wechseln wollen – zum Beispiel Juristen ohne Prädikatsexamen, die als Anwalt schlicht keine Zukunft sehen. Und zweitens Masterstudenten, die sich selbstständig machen möchten und dafür Wirtschaftskenntnisse brauchen. Das betreffe etwa Psychologen oder Pädagogen, die eine Beratungsfirma oder einen Pflegedienst gründen wollen. Allerdings werde in den vier Semestern eher ein Überblick und eine „allgemeine Managementkompetenz“ vermittelt, sagt Klaus. „Aus einem Juristen wird kein Marketingspezialist.“

Die nicht konsekutiven Master zählen noch zur Ausnahme an deutschen Hochschulen. Gerade nach Programmen mit niedrigen Gebühren habe sie auf dem kleinen Markt lange suchen müssen, sagt Garip. Meist kosten die Master für Fachfremde mehrere tausend Euro, weil zunehmend Privatunis diesen Bereich für sich entdecken.

Doch nicht alle Master werden von Fachwechslern genutzt. An den Berliner Universitäten sind bislang weniger als zehn nicht konsekutive Programme gestartet – etwa „British Studies“ an der Humboldt-Universität oder „Umweltmanagement“ an der FU. Eingeschrieben haben sich für diese Fächer aber vor allem Studenten, die bereits Abschlüsse in verwandten Fächern besitzen und nun ihr Wissen vertiefen wollen. Im Master zur „Geschichte der jüdisch-deutschen Beziehungen“, den die FU anbietet, sind ausschließlich Historiker oder Religionswissenschaftler immatrikuliert. Das Programm „Tanzwissenschaft“ belegen Profitänzer sowie Germanisten, Slawisten, Theater- und Medienwissenschaftler.

Ein Wirtschaftsingenieur könnte zwar zugelassen werden, da nur die Note des ersten Studienabschlusses entscheide, sagt Annemarie Matzke, Dozentin im Fach Tanzwissenschaft. „Aber um erfolgreich zu studieren, müsste er sich schon sehr für Tanz begeistern und sich in seiner Freizeit viel Wissen angeeignet haben.“ Der Master baue auf geisteswissenschaftlichen Methoden auf, und selbst mit der momentanen Zusammensetzung des Jahrgangs sei es schwer genug, „diese heterogene Gruppe auf ein gemeinsames Niveau zu bringen“. Überhaupt verlangen die nicht konsekutiven Master von den Dozenten eine andere Lehre, sagt Matzke: „Man muss viel stärker auf den einzelnen Studenten eingehen.“

Dass es nach zwei Jahren im neuen Fach schwer werden könnte, eine wissenschaftliche Karriere einzuschlagen, zeigt eine neue Studie des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), für die Studenten aus BWL-Masterprogrammen befragt wurden. Wer in einem nicht konsekutiven Fach eingeschrieben war, bewertete den Forschungsbezug des Programmes schlechter als dies Studenten aus den regulären BWL-Mastern taten. Dafür erhielten die nicht konsekutiven Master bessere Noten für die Betreuung sowie den Praxis- und Arbeitsmarktbezug. „Bessere Karrierechancen“ nennen 80 Prozent der Studenten als Grund für die Aufnahme eines nicht konsekutiven Studiums. Ein wissenschaftliches Interesse zählt mit zehn Prozent dagegen zu den seltensten Motivationen.

Am Ende des BWL-Masters habe ihr Wissen tatsächlich „nicht die gleiche Tiefe wie ein Wirtschaftswissenschaftler nach fünf Jahren im Fach“, gibt die Kieler Masterstudentin Saniye Garip zu. Außerdem bleibe im zweijährigen Studium, das auch eine Pflichtpraktikum einschließt, nicht viel Zeit, sich umzuschauen und verschiedene Bereiche auszuprobieren. „Am besten, man weiß schon vorher, welche Themen einen interessieren.“ Garip kann sich einen Job in der Vertriebsabteilung oder im Kundenmanagement eines Unternehmens vorstellen. Sie ist inzwischen sicher, dass sie sich von ihrem alten Metier, der Sozialpädagogik, verabschieden wird – auch wenn sie ihr erstes Studium aus echtem Interesse für das Fach begonnen hat. „Ein bisschen Wehmut“, sagt sie, „kommt da schon auf.“

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