Hochschulen : „Das ruiniert den Ruf“

Die Humboldt Universität diskutiert weiter über ihre Zukunft – und ringt sich zu neuen Beschlüssen durch.

Anja Kühne

Die Humboldt-Universität streitet noch immer – rauft sich aber zusammen. In der vergangenen Woche hatte ihr Präsident Christoph Markschies im Akademischen Senat (AS) mit Rücktritt gedroht. Denn das Gremium hatte in großen Teilen des Zukunftskonzepts des Präsidenten nur eine Diskussionsgrundlage sehen wollen. Gestern fasste der AS in seiner Sitzung nach eindringlichen Appellen des Präsidiums und mehrerer Professoren einen anderen Beschluss. Dieser ähnelt inhaltlich im Kern zwar dem der vergangenen Woche: Die Kritik des Wissenschaftsrats am Konzept des Präsidenten soll bei der Weiterentwicklung des Zukunftskonzepts berücksichtigt werden, die Humboldt-Universität setzt fünf Arbeitsgruppen ein. Doch der neue Beschluss ist in freundlicherem Ton gehalten als der in der vergangenen Woche mit knapper Mehrheit beschlossene Antrag der Studierenden der „Offenen Linken“.

In dem neuen von den Professoren Hartmut Böhme und Werner Röcke eingebrachten Papier heißt es jetzt aber auch, zur Vorbereitung auf die Verhandlungen mit dem Berliner Senat über die Mittel aus dem Masterplan und über die Hochschulverträge werde die HU ein Zukunftskonzept erarbeiten, das von dem des Präsidenten ausgehe und den Beschluss des Kuratoriums einbeziehe. Die Zustimmung zu diesem Antrag war breit: 18 AS-Mitglieder stimmten mit Ja, sechs mit Nein, ein Mitglied enthielt sich.

Der AS beschloss auch mehrere im Exzellenzwettbewerb eingeworbene Professuren. In der vergangenen Woche hatte es darüber in der Sitzung einen Eklat mit dem Präsidenten gegeben. Nachdem eine Professur für das Cluster „Neurocure“ nicht die nötigen Stimmen erhalten hatte, weil mehrere AS-Mitglieder bei der Abstimmung gefehlt und die Studierenden sich enthalten hatten, war die Sitzung abgebrochen worden.

Hintergrund des Konflikts ist eine Grundsatzfrage: Ein Teil der Mitglieder des AS befürchtet, dass im Exzellenzwettbewerb eingeworbene Professuren nach Auslaufen der Fördermittel in fünf Jahren nur auf Kosten anderer Institute weiterfinanziert werden können. Bevor Exzellenzprofessuren vom AS bewilligt werden, sollten die betreffenden Institute also erklären, ob sie in der Lage seien, diese Professuren später mit eigenen Mitteln fortzufinanzieren, forderte etwa Andreas Griewank vom Matheon.

Dazu ist aber zum Beispiel die Biologie nicht in der Lage, wie Christian Limberg vom Cluster „Neurocure“ sagte. Er wehre sich aber gegen den Eindruck, „dass die Biologie die Uni aussaugt“. Die Biologie habe sich in einem Wettbewerb durchgesetzt, an dem sich jedes Fach habe beteiligen können. Das Präsidium sieht in der späteren Fortfinanzierung auch zulasten anderer Bereiche eine nützliche Profilbildung, wie Präsident Christoph Markschies hervorhob. Die gesamte Uni stehe dabei zur Disposition, sagte Vizepräsident Frank Eveslage.

Allerdings müssen die nun beschlossenen Arbeitsgruppen ihre Pläne mit einer Reihe von Unbekannten schmieden. Die Beschlüsse für die Zukunft werden vermutlich erfordern, auch potenzielle Sparopfer oder zumindest ihre Zahl zu benennen. Doch die Stärken- Schwächen-Analyse, auf deren Basis dies eigentlich geschehen soll, soll erst in einem Jahr vorgenommen werden. Auch weiß die HU noch nicht, welche Ergebnisse sie bei den Verhandlungen über die Hochschulverträge erzielen wird, die erst Ende 2008 beginnen sollen.

Markschies appellierte „mit Nachdruck“, die HU müsse jedenfalls „zu den Verpflichtungen stehen, die wir im Exzellenzwettbewerb gemeinsam eingegangen sind“. Schließlich handle es sich insgesamt um nur acht neue unbefristete Professuren, die später aus Bordmitteln weiter finanziert werden müssten. Michael Linscheid, amtierender Vizepräsident für Forschung, sagte, die letzte AS-Sitzung habe nach außen und nach innen einen „verheerenden Eindruck“ von der HU hinterlassen. „Es sieht so aus, als könnten wir nicht mal mit unseren Erfolgen umgehen.“ Linscheid las aus einer Mail eines HU-Wissenschaftlers vor, der die Uni „im freien Fall“ sieht und berichtete, an der Charité erwäge man bereits die „Abkoppelung“ von der HU und wolle fortan nur noch zur FU gehören.

Auch der Germanist Hartmut Böhme redete dem Gremium ins Gewissen. Die HU befinde sich mit den anderen beiden Berliner Universitäten in einer „massiven Konkurrenzsituation“. „Es ist außerordentlich gefährlich, wenn die Beteiligten an verschiedenen Strängen ziehen“, sagte Böhme. Die HU könne in die politische Bedeutungslosigkeit absinken. Auch werde „der Ruf der Universität als verlässlicher Partner in der Forschung bundesweit ruiniert, wenn hier über Exzellenzprofessuren diskutiert wird.“

Der Mathematiker Griewank verwahrte sich gegen solche „Einschüchterungsversuche“. Die Juristin Rosemarie Will hob hervor, bei den offenen Zukunftsfragen gehe es nicht nur um Leitlinien in der Forschung, sondern um strukturelle und finanzielle Weichenstellungen. Sie habe nichts dagegen, wenn das Präsidium diese Aspekte als seine Hausaufgabe begreife und dem AS Vorschläge unterbreite. Markschies konterte, sein Zukunftskonzept enthalte bereits konkrete Angaben. Der Eindruck, die HU sei ohne jede Planung und werde von Volltrotteln geleitet, sei falsch. Anja Kühne

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