Hochschulen : Deutsche Stiftungsunis: Mit kleiner Münze

In Deutschland sind die neuen Stiftungsuniversitäten noch immer vom Staatsgeld abhängig – in der Finanzkrise wird das als Glücksfall empfunden.

Frank van Bebber
256269_0_f87a4f13.jpeg
Große Erwartungen. Anfang 2008 wurde die Universität Frankfurt am Main zur Stiftungshochschule, aber noch immer kommen 87 Prozent...Foto: dpa

Frankfurt (Oder) und Frankfurt am Main trennen 600 Kilometer – und ein paar Nullen auf den Schecks der Uni-Spender. In der Stadt an der polnischen Grenze empfing Uni-Präsident Gunter Pleuger kürzlich Vertreter eines regionalen Finanzunternehmens. Die Belegschaft hatte auf Weihnachtsgeschenke verzichtet und stattdessen für die Stiftungsuniversität Frankfurt (Oder) gesammelt. „Äußerst dankbar“ nahm Pleuger die Spende in Empfang, als Zeichen des Engagements der hiesigen Wirtschaft. Es ging um 1000 Euro.

In Frankfurt am Main stiftete unterdessen der zum Jahresende ausgeschiedene Uni-Präsident Rudolf Steinberg 85 000 Euro für einen nach ihm benannten Stipendienfonds, der Abiturienten aus nichtakademischen Familien ein Jurastudium ermöglichen soll. Über 100 Millionen Euro hat Steinberg in achteinhalbjähriger Amtszeit für Stiftungen und Lehrstühle von anderen eingesammelt. Und während Pleuger an der Oder jubiliert, die Universität habe im ersten Jahr als Stiftungsuniversität „erstaunlich hohe Zustiftungen von rund 200 000 Euro aus der Region erhalten“, rechnet man in Frankfurt am Main damit, das Stiftungskapital der Frankfurter Universität werde 2009 wohl auf 135 Millionen Euro steigen. Noch kurz vor Weihnachten stiftete Unternehmerin Johanna Quandt der Goethe-Universität drei Millionen Euro.

Vor allem linke Studenten und der von ihnen geprägte Asta sehen den scheinbar üppigen Kapitalfluss im Schatten der Frankfurter Bankentürme skeptisch. Ende November 2008 besetzten Studierende gemeinsam mit Frankfurter Autonomen das neue „House of Finance“, in dem sich umgeben von Marmor und Parkett seit kurzem Rechts- und Wirtschaftsforscher einquartiert haben. Die Universität mache sich durch die Umstellung in eine Stiftungsuniversität von wirtschaftlichen Interessen abhängig, erklärte der Asta. Tatsächlich tragen Hörsäle im „House of Finance“ Namen von Banken.

Eine tiefe Verneigung vor den Spendern, die allerdings die wahren Verhältnisse verschleiert. Denn der Beitrag der Banken war vergleichsweise bescheiden: Sie förderten den Finanztempel mit einer Million Euro, die Steuerzahler dagegen mit 30 Millionen Euro. Ein Vorgang, der symptomatisch ist: Keine der neuen Stiftungsunis in Deutschland konnte bisher große private Beträge einwerben, die an die Zuschüsse des Staates heranreichen.

So arbeitet zwar die Marketingabteilung der Universität am Main unentwegt am Bild einer Hochschule, die zurückkehrt zu ihren Wurzeln als Stiftung Frankfurter Mäzene 1914. Doch von den Stiftungsmillionen kommen nur 32 Millionen aus einem Bankiers erbe. Die Mehrzahl der Millionen fließt dagegen indirekt oder direkt aus öffentlichen Kassen. Das Land stockt jede Spende bis 50 Millionen Euro um denselben Betrag auf. Die Stadt Frankfurt stiftet 15 Millionen Euro, 20 Millionen Euro fließen aus dem Verkauf des Campus Bockenheim, der nach und nach aufgegeben wird. Und so stammen nur ein Prozent des Haushalts aus eigenen Erlösen, wie den Erträgen des Stiftungskapitals. Neben einem weiteren Teil privater Drittmittel speisen sich damit immer noch 87 Prozent des Hochschulhaushaltes aus öffentlichen Kassen.

Im Dezember eröffnete der erste Ausbauabschnitt am neuen Uni-Hauptcampus im Stadtteil Westend. Hier entsteht hinter dem historischen IG-Farben-Haus ein neues Universitätsviertel, wahlweise als Deutschlands modernster oder Europas schönster Campus gefeiert. Erstmals seit 28 Jahren habe er Frankfurter Studenten gesehen, die ihren Eltern stolz ihre Universität zeigten, sagte Steinberg. Dazu errichtet die Universität einen neuen Campus für Naturwissenschaften vor der Stadt und einen weiteren am Uni-Klinikum. Rund eine Milliarde Euro kostet das alles bis 2014 – es zahlt das Land. Und jüngst kündigte Ministerpräsident Roland Koch an, im nächsten Jahr als Konjunkturspritze 500 Millionen Euro in Bau und Sanierung hessischer Hochschulbauten zu stecken. Statt über die weltweite Finanzkrise zu klagen, freuten sich die Rektoren über den „Schritt in die richtige Richtung, um die chronische Unterfinanzierung der Universitäten abzumildern.“ An privaten Mitteln könnten sie so viel ohnehin niemals einwerben.

Als das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) kürzlich eine Analyse der fünf Stiftungsuniversitäten in Niedersachsen sowie der beiden Frankfurter Modelle vorlegte, jubilierte das liberal geprägte CHE zwar erwartungsgemäß über eine durchweg positive Wahrnehmung. In Frankfurt am Main, wo die Universität seit 2008 selbst eine Stiftung ist, und an der Oder, wo die Uni von einer Stiftung getragen wird, hätten sich die Hochschulen von Staatsbürokratie befreit, seien eigenständiger bei Berufungen, Personal und Zulassungsfragen und intern habe die neuen Form erhebliche Kräfte mobilisiert. Beim Geld endete die Jubelstimmung: „Nimmt man aber den Zufluss privater Mittel zugunsten der Stiftungshochschule als Erfolgsindikator, dann ist der Durchbruch noch nicht gelungen.“ Es sei allen Beteiligten klar, dass die Hochschulen auf absehbare Zeit am staatlichen Tropf hängen blieben.

Tatsächlich hält sich die Wirtschaft hierzulande – anders als etwa in den USA – mit bedeutenden Spenden an Hochschulen sehr zurück. Die 100-Millionen-Euro-Spende, die der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim  gerade der Universität Mainz übergab, bleibt ebenso eine Ausnahme wie der Geldsegen für die Uni Karlsruhe: Ein SAP-Mitbegründer schenkte der Hochschule im März 2008 für eine Stiftung 200 Millionen. Ein Sonderfall ist die Technische Universität Bergakademie Freiberg in Sachsen. Ihr überschrieb der 1924 in Freiberg geborene Münchner Unternehmer Peter Krüger im Dezember 2006 sein gesamtes Immobilienvermögen mit einem Verkehrswert in dreistelliger Millionenhöhe. Die jährlichen Mieteinnahmen in zweistelliger Millionenhöhe – genaue Zahlen werden nach einer Verfügung des 2007 verstorbenen Spenders nicht bekannt gegeben – fließen in die Stiftung zurück. Bislang werden jährlich nur 1,1 Millionen Euro in Forschung und Lehre investiert und ansonsten weitere Immobilien erworben, erklärt ein Sprecher. Ab 2011 aber sollten die dann noch gestiegenen Mieteinnahmen voll an die Uni gehen – viel Geld für die kleine Hochschule mit nur 4500 Studierenden und einem Landeszuschuss von 50 Millionen Euro.

Dass die Stiftungsuniversitäten bislang vergeblich auf entsprechende Großspenden warten, wird gemeinhin als Makel empfunden. Heute erweist es sich als Glücksfall. In Amerika sind Universitäten gerade Milliarden Dollar ihres Grundkapitals in der Finanzkrise verglüht (siehe nebenstehenden Artikel). Erstmals wird an den Elite-Schmieden über Gehaltskürzungen und Sparrunden geredet.

Unipräsident Gunter Pleuger in Frankfurt (Oder) gibt sich gelassen. Natürlich könne sich die Finanzkrise auf den Ausbau des Stiftungsvermögens auswirken, sagt er. Aber die Universität gehe ihren Weg so engagiert weiter wie im ersten Jahr, „das ja bislang sehr erfolgreich war“. Im April soll eine Tafel mit den 30 größten Stiftern enthüllt werden. „Künftig werden wir uns auch bundesweit und international um weiteres Stiftungskapital bemühen“, sagt Pleuger.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben