Hochschulen : Europas Unis im Aufbruch

Mehr Geld und größere Autonomie: In vielen Ländern wird entschlossener reformiert als in Deutschland.

Peter Gaehtgens
Forscher
Blick in die Zukunft. Dänemark gilt unter europäischen Hochschulmanagern als Musterland. -Foto: Visum

Es geht rund im Europa der Hochschulen: Mehrere Länder haben in der letzten Zeit die Rahmenbedingungen für ihre Universitäten grundlegend verändert und dabei teilweise alte Traditionen geopfert. Überall zieht sich der Staat aus der Hochschulsteuerung zurück und konzentriert die Wissenschaftslandschaft durch Fusionen und Clusterbildung.

Wichtigster Motor dieser Entwicklungen ist der globale Wettbewerb: Denn Bildung und Forschung sind Voraussetzungen für die Innovationskraft eines Landes; Investitionen in diese Bereiche sichern ökonomischen Erfolg und politischen Einfluss: Daher die massive Förderung der Ausbildung neuer Wissenseliten und die weltweite Werbung der „neuen Riesen“ China und Indien – aber auch Korea und Singapur – um die besten Wissenschaftler. Daher auch das starke Engagement guter australischer, amerikanischer und kanadischer Universitäten auf dem internationalen Bildungsmarkt. Europas Universitäten aber schneiden in den weltweiten Rankings nicht besonders gut ab – und das erzeugt Veränderungsdruck.

Anders als in den USA sind europäische Hochschulsysteme vorwiegend öffentlich finanziert und unterliegen einer dominanten staatlichen (Über-)Regulation. Steuerung und Finanzierung sind daher die wichtigen Reformthemen. Dies gilt weniger für die starken Universitäten Großbritanniens („second only to the US“), die nie als nachgeordnete Staatseinrichtungen behandelt wurden, schon immer selbständig über ihre Budgets und Immobilien verfügten und die Forschungsproduktion des Landes zu mehr als 70 Prozent bestimmten – anders als in Deutschland, wo sich gut die Hälfte davon in den Max-Planck-, Helmholtz-, Leibniz- und Fraunhofer-Instituten sowie Einrichtungen der Ressortforschung abspielt.

Rückzug des Staates, straffere Leitung der Hochschulen – in den letzten Jahren war es zunächst Österreich, das mit dem Universitätsgesetz von 2002 die Richtung vorgab. Studiengebühren wurden eingeführt, die Medizinischen Universitäten verselbständigt, die Gründung einer Eliteuniversität anvisiert. Für eine Weile bildete das neue österreichische Universitätsgesetz den Standard für Reformbemühungen in anderen Ländern.

Weit radikaler ging es im Jahr 2003 in Dänemark zu, das seine Wissenschaftslandschaft völlig neu ordnete. Die strategische Führung der Universität einschließlich der Haushaltsentscheidungen und der Einstellung des Rektors obliegen jetzt einem Hochschulrat als höchster Autorität der Universität mit mehrheitlich externen Mitgliedern und einem ebenfalls externen Vorsitzenden. Dieser vertritt die Universität auch rechtlich nach außen und unterzeichnet gemeinsam mit dem Rektor die mehrjährigen Leistungs- und Finanzierungsverträge mit dem Ministerium – diese hervorgehobene Rolle setzt natürlich ein enges Vertrauensverhältnis zum Rektorat voraus. Nur so können die Universitätsinteressen wirkungsvoll wahrgenommen werden – etwa bei Konflikten mit dem Ministerium.

Rektoren und Dekane werden nicht mehr nebenamtlich in internen Wahlen bestimmt, sondern nach professionellen Findungsprozeduren unter Beteiligung externer Expertise hauptamtlich besetzt. In einigen Universitäten wurden sogar die Akademischen Senate abgeschafft, in deren vielstündigen Sitzungen sich nach bisheriger Tradition der „bottom-up“-Prozess der Meinungs- und Entscheidungsfindung vollzogen hatte. Das ist das Ende der Gremien- und Gruppenuniversität. Natürlich kann ein Rektor die Universität nicht „top-down“ regieren, sondern er muss vor allen strategischen Entscheidungen eine angemessene Beteiligung der Universitätsmitglieder sicherstellen. Deren wissenschaftlich-akademische Kompetenz bestimmt schließlich die Leistung der Universität. Aber dieser unverzichtbare Prozess der internen Konsultation funktioniert informell und ohne gesetzlich haarklein vorgeschriebene Vorschriften.

Zugleich mit diesen neuen Regeln gliederte Dänemark zehn von insgesamt 13 außeruniversitären staatlichen Forschungsinstituten in vier Universitäten ein und stärkte damit deren Forschungspotenzial durch kritische Masse. In der Folge wurde die Zahl der Universitäten durch Fusion von 13 auf acht und damit die Zahl der staatlichen Forschungseinrichtungen des Landes von insgesamt 25 auf elf vermindert. Mit dem Argument, dass es nicht verantwortbar sei, wenn Menschen mit Forschungsexpertise ihr Wissen nicht weitergäben, wurden alle Wissenschaftler der bisher nicht-universitären Forschungsinstitute auch an der Hochschullehre beteiligt. Aus der Universitätsreform wurde so eine Reform des staatlichen Wissenschaftssystems insgesamt – begleitet von einer Steigerung der Mittel um insgesamt 30 Prozent bis 2010.

Was in Österreich und Dänemark geschah, mag für Europa insgesamt beispielhaft sein. Vor allem auf Frankreich und Deutschland, die beiden größten Volkswirtschaften des Kontinents, richtete sich seit langem der hoffnungsvolle Blick derjenigen, die die Wettbewerbsfähigkeit Europas in den Bereichen von Bildung, Forschung und Innovation gefährdet sahen.

Nun aber ist selbst in Frankreich der Knoten geplatzt. Jahrelang schnitt das seit jeher einem rigiden Staatszentralismus unterworfene französische Hochschulsystem im internationalen Leistungsvergleich bestenfalls mäßig ab. Nennenswerte Forschung fand weder an den Universitäten statt noch an den Grandes Écoles, den renommierten Ausbildungsstätten der Elite, sondern in den Instituten der CNRS, INSERM und anderer außeruniversitärer Organisationen. Die französischen Unis, durch Zersplitterung in Einheiten mit oft engem Fächerspektrum, unterkritischer Masse und mangelnder Eigenständigkeit geschwächt, rechtfertigten – so die derzeit zuständige Ministerin – trotz erheblichen Bedarfs keinen größeren Einsatz öffentlicher Gelder.

Vieles wird nun mit dem französischen Universitätsgesetz von 2007 anders: Mit einer Übergangsfrist von fünf Jahren werden die Universitäten die Autonomie erhalten, die es ihnen erlaubt, Budget, Immobilien und Personal selbst zu verwalten, Gebühren und Gehälter selbst zu bestimmen, Lehrprogramme einzurichten, herausragende Wissenschaftler in Forschungsschwerpunkten selbst anzuwerben und individuell zu bezahlen, ihre Präsidenten selbst zu bestellen und zusätzliche Mittel aus Kooperationen mit der Wirtschaft sowie öffentlichen Förderprogrammen einzuwerben. Die bisherigen Hochschulräte mit ihren bis zu 60 Mitgliedern werden radikal verkleinert, Universitätsleitungen mit mehr Kompetenz ausgestattet, haushaltsrechtliche Vorschriften liberalisiert, Forschungskooperation mit der Wirtschaft erleichtert – „eine riesige Baustelle“, sagt die Ministerin.

Viele Universitätspräsidenten werden sich an ein anderes Klima von Verantwortung gewöhnen müssen: „Universitäten brauchen Manager“ ist die Ministerin überzeugt. Um die Forschung in die Universitäten zurückzuholen, begleitet die Regierung die Strukturreform, die – etwa in Straßburg – die Bildung regionaler Kooperations-Cluster bis hin zur Universitätsfusion ermutigt, mit einem Haushaltszuwachs von acht Prozent für 2008 und einer zusätzlichen Investition von 15 Milliarden Euro. Die Regierung weiß: Reformen gibt es nicht zum Nulltarif.

Initiativen wie die beschriebenen sind auch in Deutschland überfällig – der Veränderungsdruck ist hier keineswegs geringer. Zwar ist einiges schon geschehen: Die Universitätsautonomie ist in einigen Bundesländern gewachsen, Hochschulen denken über engere Zusammenarbeit nach und neue Kooperationsformen zwischen Unis und außeruniversitären Instituten sind infolge der Exzellenzinitiative auf der Agenda. Aber vieles davon bleibt ohne gesicherte Perspektive, und an eine grundlegende Strukturreform, etwa durch Eingliederung außeruniversitärer Institute in die Universitäten, traut sich niemand. Vor allem aber bestehen die dringend revisionsbedürftigen rechtlichen und materiellen Rahmenbedingungen des Hochschulsystems angesichts zersplitterter Zuständigkeiten und föderalistischer Kirchturmperspektiven fort: Regionale Eigenständigkeit verstellt den Blick auf das Ganze. Unsere europäischen Nachbarn sind uns darin deutlich voraus.

Der Autor ist Mitglied im Vorstand der European University Association.

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