Hochschulen : Freie Universität vor ungewöhnlicher Gremienwahl

Das könnte spannend werden: Bei den Gremienwahlen der Freien Universität tritt erstmals seit Jahrzehnten eine neue Professorenliste an, aber auch "linke" Gruppen haben eine Chance auf die Mehrheit im akademischen Senat.

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Gespannter als sonst erwartet die Freie Universität ihre Gremienwahlen. Denn nicht nur tritt erstmals seit Jahrzehnten eine neue Professorenliste an. Auch haben „linke“ Gruppen jetzt erstmals seit langem die Chance, eine Mehrheit im Akademischen Senat (AS) zu erringen.

Die neue Professorenliste wird von Raúl Rojas angeführt, jenem Informatik-Professor, der im vergangenen Frühjahr gerne Präsident der FU geworden wäre. In kurzen Hosen und mit Laufschuhen hatte der 54-Jährige auf seiner Homepage „running for president“ für sich geworben und gefordert, die FU solle mit der TU fusionieren, um in die Weltspitze aufzurücken. Und er hatte den „Winterschlaf“ „politisch-akademischer Blöcke“ in den Uni-Gremien kritisiert.

Rojas’ Selbstinszenierung als Ketzer wider das professorale Establishment kam jedenfalls bei einigen Studierenden gut an. Doch unmittelbar vor der Wahl im Mai zog Rojas seine Kandidatur zurück. Auch, weil er (zu Recht) davon ausging, die Mehrheit habe sich bereits für einen anderen entschieden: für den Germanisten Peter-André Alt – aus Rojas’ Sicht ein neuer Beweis für die intransparenten Entscheidungswege an Berlins Unis.

Jetzt will Rojas die FU noch einmal durchschütteln. Am kommenden Dienstag und Mittwoch tritt er mit einer eigenen Liste für die Wahl zum AS an. Wird er gewählt – schon acht Stimmen aus der Professorenschaft könnten reichen –, kann er fortan bei den Sitzungen mit dem Präsidium streiten oder über den Haushalt beraten. Aber selbst wenn Rojas keinen Sitz erringt, ist ihm eine Fußnote in der Gremiengeschichte der FU sicher. Denn seit 1979 hat es keine neue Professoren-Liste für die Gremienwahlen mehr gegeben, wie Rojas und seine Mitstreiter selbst recherchiert haben. Damals wurde die „Unabhängige Mitte“ gegründet, die seit 1990 „Vereinte Mitte“ heißt. Schon länger bildet sie die stärkste Fraktion bei den Professoren, kann also maßgeblich beeinflussen, wer Präsident wird. Schließlich haben die Professoren einen Sitz mehr im AS als die Gruppen der Studierenden, der wissenschaftlichen und der sonstigen Mitarbeiter zusammen.

Die beiden kleineren Professorenfraktionen, der linke „Dienstagskreis“ und die konservative „Liberale Aktion“, sind ins Präsidium über von ihnen bestimmte Vizepräsidenten eingebunden. Dieser Ausgleich hat an der FU in der Professorenschaft jahrzehntelang zu Zufriedenheit geführt, erst recht heute, wo die politischen Grabenkämpfe längst einem übergreifenden Pragmatismus gewichen sind.

Rojas aber kann bei den etablierten Listen „den Willen, etwas zu verändern, nicht richtig sehen“, erklärt er auf Anfrage. Seine Liste „Exzellenz und Transparenz“, auf der noch vier weitere Professoren antreten, empfindet den jetzigen AS eher als „Abnickgremium“. An der Basis herrsche darum „Ohnmacht“, heißt es auf der Homepage der Liste (www.exzellenz-und-transparenz.de). Zwar seien vor zwei Jahren noch 61 Prozent der Professoren zur Wahl gegangen. Doch beim Mittelbau lag die Wahlbeteiligung bei nur 24 Prozent, bei den Studierenden gar bei nur 4,9 Prozent, kritisiert Rojas. Er hofft, dass seine Forderungen (mehr Kooperationen zwischen den drei Berliner Unis, Berufungsrecht für die Uni, bessere Gehälter, tenure track) die FU in Schwung bringen.

Tatsächlich könnte Rojas’ Liste die lange stabile Sitzverteilung im AS verändern. Etwa, wenn er der mächtigen „Vereinten Mitte“ Sitze wegnimmt, wie an der FU spekuliert wird. Leo Brunnberg, Professor für Veterinärmedizin und Sprecher der „Vereinten Mitte“, sieht Rojas’ Kandidatur indes gelassen: „Kommt er in den AS, ist das kein Problem. Er wird aber auch nicht dazu beitragen, dass irgendein Problem dann besser gelöst wird als bislang.“ Rojas habe sich bei der Gremienarbeit „bisher defensiv“ verhalten, also nicht daran teilgenommen. Im Tagesgeschäft der zeitraubenden Gremienarbeit würden Rojas’ Ideen jedenfalls mit der Realität konfrontiert, weshalb er auch gut eingebunden werden könne.

Mehr Sorgen als Rojas bereitet Brunnberg, dass „linke“ Gruppen nach der Wahl im AS dominieren könnten. Wenn auch nur aus einem bürokratischen Grund: Die nicht gewerkschaftlich gebundenen wissenschaftlichen Mitarbeiter haben vergessen, ihre Wahlvorschläge rechtzeitig einzureichen. Nun werden alle Sitze dieser Gruppe an die Liste GEW/Verdi fallen. Verbünden sich die „Linken“ aller Gruppen, könnten sie versuchen, „linke“ Projekte anzuschieben. Was in Gewerkschaftskreisen Hoffnungen weckt, erscheint Brunnberg gefährlich: Bei Abstimmungen könne dann nicht mehr eine „sachliche“ Sichtweise den Ausschlag geben, sondern der Wunsch nach „ideologischen Umwälzungen“. So würden manche linke Studierende die FU als „Tummelplatz“ betrachten, ohne zu erkennen, dass die Masse schnell studieren und in den Beruf wolle.

Brunnberg denkt dabei vor allem an die Studierendenvertreterin Sarah Walz. Die hoch engagierte Osi-Studentin ist im AS bekannt für ihre ungezählten Wortmeldungen und für ihre hartnäckigen Forderungen, etwa nach ungehinderter Einsicht in alle Akten der FU. Walz und ihre Mitstreiter wollen sich keinen Millimeter Boden von den Professoren streitig machen lassen. Unter diesen sieht man in den AS-Sitzungen viele verzweifelt mit den Augen rollen, wenn Walz sich erneut zu Wort meldet, um auf die Einhaltung der Geschäftsordnung zu pochen oder um einen weiteren Antrag auf die Tagesordnung zu setzen: „Sie beansprucht bis zu drei Viertel der Zeit“, sagt Brunnberg. Er wirft Walz fehlende Kompromissbereitschaft vor. Überall sehe sie Verschwörungen. Würde Walz nun durch mehr „Linke“ im AS auch noch Auftrieb bekommen, würde das Gremium noch mehr unter ihrer Filibusterei leiden und die FU unter am „Sozialismus“ orientierten Beschlüssen, befürchtet Brunnberg.

Steht die FU vor einer Revolution? Könnten die Linken etwa versuchen, die Grundordnung so zu ändern, dass die Professorenmehrheit im AS gebrochen wird – ein Wunsch Linker sogar im Abgeordnetenhaus? Mechthild Leutner, Sinologie-Professorin und Sprecherin des „Dienstagskreises“, winkt ab. Man wolle zwar über die Grundordnung diskutieren. Die Abschaffung der Professorenmehrheit sei aber sicher kein Ziel.

Auch FU-Präsident Peter-André Alt meint, im AS werde auch nach der Wahl keine „Betonstimmung“ herrschen. Man werde die bewährte gemeinsame Suche nach pragmatischen Lösungen fortsetzen. Dazu lädt Alt auch Rojas ein: „Welcome to the club.“ Anja Kühne

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