Hochschulen : Harvard in Berlin

Alle europäischen Spitzenunis haben eine Filiale in Berlin. Die bewegte Geschichte und die geographische Lage in der Mitte Europas ziehen viel amerikanische Studenten in Deutschlands Hauptstadt.

Jan Oberländer

Am liebsten, sagt Johanna Santos Bassetti, fahre sie mit ihrem Rennrad durch Berlin. Das Tolle sei, dass es für jede Stimmung den passenden Bezirk gebe. Die 22-Jährige studiert Kunst an der US-Elite-Universität Stanford, aber derzeit macht sie ein Praktikum als Bühnenbildnerin bei einer Off-Theater-Produktion in Berlin. Lust darauf hat sie im vergangenen Winter bekommen, während ihres Auslandssemesters am Stanford Overseas Studies Center, der Berliner Außenstelle der kalifornischen Hochschule.

Neue Perspektiven zu eröffnen, dieses Motto würden sich wohl alle amerikanischen Spitzen-Unis auf die Fahnen schreiben, die in Berlin Außenstellen haben, um Studierendenaustausche zu organisieren oder ihr akademisches Netzwerk zu pflegen. Mindestens acht von ihnen sind mit Büros oder, wie Stanford, mit eigenen Häusern vertreten.

Ganz bewusst haben sie sich mit ihren Auslandsbüros in der deutschen Hauptstadt angesiedelt. Berlins Standortvorteile sind seine bewegte Geschichte, seine Lage in Europas Mitte, seine drei Universitäten und das nahezu unerschöpfliche Kulturangebot. „Die Amerikaner würden nicht kommen, wenn das anders wäre“, meint Carmen Müller, Leiterin des „Berlin Consortium für German Studies“, das die Aktivitäten von sechs amerikanischen Spitzen-Unis wie Chicago, Columbia, Johns Hopkins und Princeton in Berlin koordiniert. Die Columbia University ist mit seinem „Global Program“ weltweit allein noch in Peking, Schanghai, Kyoto, Paris und Venedig vertreten. Stanford hat in Europa neben Berlin noch in Madrid, Moskau und Paris, Florenz und Oxford eine Außenstelle. Außerhalb Europas betreibt die Universität ihr Programm in Peking, Kyoto, Santiago de Chile, Queensland und als Pilotprojekt in Kapstadt. Das Berliner Projekt ist jedoch bei weitem das älteste: Schon 1975 zog Standford in die damals geteilte Stadt.

Für Ulrich Brückner, Jean Monnet Professor für Europäische Studien am Stanford Overseas Studies Center, ist das internationale Engagement seiner Hochschule eine pädagogische Prinzipienfrage: „Wenn man sagt: Wir wollen, dass aus euch reife Gesamtpersönlichkeiten werden, dann macht es Sinn, ein weltumspannendes Netzwerk von Filialen zu betreiben, in denen man die Dinge auf eine Weise studieren kann, auf die es zu Hause einfach nicht geht.“ Das ist der Grund, warum die Kurse in der exklusiven Dahlemer Stanford-Villa stets einen Berlin- oder Europa-Bezug haben. „German flavor“ nennt Brückner das, auch wenn die Seminare auf Englisch abgehalten werden. Die Stadt ist dabei Ressource: Der Filmkurs kriegt Berlinale-Karten, die Betriebswirtschaftler besuchen lokale Unternehmen, die Architekten machen Exkursionen ins Straßenbild, und die Politikwissenschaftler lernen, „wie Hauptstadt geht“, indem Brückner sie auf Dinnerpartys von EU-Kommissaren mitnimmt.

Ansonsten sei das Studium bei Stanford Berlin aber „fast wie zu Hause“, sagt Brückner. Die jährlich rund 90 Studierenden bekommen ihre Auslandssemester anerkannt, sogar die Formulare sind die gleichen wie daheim in Palo Alto. Es gibt ein Gastfamilienprogramm, Sprachkurse und Exkursionen.

Auch das 1995 gegründete Berlin Consortium for German Studies der sechs Universitäten um Columbia und Johns Hopkins ist mit der Freien Universität assoziiert. 442 amerikanische Studierende hat es bisher an die FU gebracht – umgekehrt existiert ein Austauschprogramm für FU-Studierende. Anders als bei Stanford Berlin nutzen die jungen Amerikaner das Studienangebot der FU (und auf Wunsch auch der anderen Berliner Unis) – und zwar auf Deutsch. „Wir sind ein integriertes Programm, kein Inselprogramm“, sagt Carmen Müller. Die Studierenden, meist Geistes- und Sozialwissenschaftler, sollten nicht ständig „aufeinanderglucken“. Deswegen seien sie angehalten, nach dem Eingewöhnungsmonat in Berliner Gastfamilien raus in die Stadt zu gehen und sich ein WG-Zimmer zu suchen.

Diesem Prozess der akademischen Globalisierung kann sich auch die Ivy-League-Universität Harvard nicht verschließen. Mit dem „Center for European Studies Berlin“ (CES) existiert seit 2002 die „erste und einzige“ europäische Harvard-Filiale, wie Koordinatorin Abby Collins sagt. Das CES Berlin sei durch die Eigeninitiative einiger engagierter Mitglieder des amerikanischen Mutterinstituts entstanden. Das Zentrum bietet kein Austauschprogramm für Studierende an, sondern veranstaltet in Zusammenarbeit mit der Hertie School of Governance und dem Wissenschaftszentrum Berlin ein Debattenprogramm zu politischen, sozialen und kulturellen Themen. Der diesjährige Durchgang der „Berlin Dialogues“ hat Anfang Oktober begonnen.

Die Veranstaltungen – Zielgruppe: „educated people“ – seien nicht nur akademisch spannend, sagt Collins, sie erweiterten auch das internationale Netzwerk aus exzellenten Wissenschaftlern, Journalisten und Intellektuellen, von dem wiederum die Bostoner Mutteruni profitiere. Die Filiale als Rekrutierungszentrum für Referenten oder Gastprofessoren: „So finden wir die besten Leute“, sagt Abby Collins. „Wir sollten das in jedem Land in Europa machen.“ Das Programm ist erfolgreich, die Podien sind hochkarätig besetzt. Das liegt an der Strahlkraft der Marke Harvard – aber auch an Berlin. „Die Stadt ist spannend“, meint Collins, „ich glaube nicht, dass das in München oder Frankfurt funktionieren würde.“

Die Filialen der US-Unis im Internet:

www.ces-berlin.fas.harvard.edu

www.ce.columbia.edu/berlin/program.cfm

www.stanford.fu-berlin.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar