Hochschulen : Helfende Hände für die Lehre

Berlin will neue Uni-Stellen und mehr Luft im Bachelor schaffen – es gibt Kritik. Widerspruch ist aus den Unis gegen Wissenschaftssenator Zöllners Vorschlag zu hören, einen neuen Typ von Dozenten einzuführen.

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Lehren, nicht forschen. Das neue Hochschulgesetz reagiert auf knappe Kassen. Foto: ddp
Lehren, nicht forschen. Das neue Hochschulgesetz reagiert auf knappe Kassen.Foto: ddp

Als Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner nach Berlin wechselte, gehörte ein neues Hochschulgesetz zu seinen ersten Versprechen. Das war im Januar 2007. Zu einem großen Wurf ist es bis jetzt nicht gekommen, wie auch schon in der Amtszeit seiner Vorgänger nicht. Eine große Novelle gilt als heikel, weil linke Kräfte (auch in der SPD) die Gelegenheit nutzen könnten, den Vorrang der Professoren in den Gremien auszuhebeln. Jene, die befürchten, die Hochschulen würden dann unregierbar, tasten das Gesetz darum lieber gar nicht erst an. Die Hochschulen operieren also weiter auf Basis der „Erprobungsklausel“, die ihnen seit 1997 größere Autonomie eröffnet – und sind damit recht zufrieden.

Jetzt hat Zöllner allerdings eine größere Novelle vor, selbst wenn sie sich nur auf einen Teilaspekt konzentriert: auf die Lehre. Anlass sei sowohl die bundesweit heftige Kritik der Studierenden am Bachelor-Studium gewesen, ist zu hören, als auch die knappen Kassen Berlins, die preiswertere Lösungen beim Hochschulpersonal erfordern. Ein Referentenentwurf liegt vor und soll von den Hochschulen bis Ende Oktober beurteilt werden.

Dozenten für Lehre

Widerspruch ist aus den Unis gegen Zöllners Vorschlag zu hören, einen neuen Typ von Dozenten einzuführen. Die „Hochschuldozenten“ sollen doppelt so viel unterrichten wie Professoren, also 18 Semesterwochenstunden (SWS) und als Angestellte befristet oder auf Dauer eingestellt werden. Obwohl sie wegen der hohen Lehrbelastung kaum Zeit zum Forschen haben werden, sollen sie auch das Recht zur Promotion haben. „Berlin führt die Akademischen Räte wieder ein, die aus gutem Grund abgeschafft wurden“, sagt TU-Präsident Jörg Steinbach. Denn die Vorstellung des Senators, die Dozenten könnten auch befristet eingestellt werden, sei falsch. Schließlich entfalle die Promotion als Befristungsgrund. Die Universitäten würden immer mehr zu Fachhochschulen, sagt Steinbach. Auch FU-Präsident Peter-André Alt will der FU empfehlen, die Dozenten nicht einzuführen. Zum Hochschullehrer gehöre natürlich auch die Forschung.

Wissenschaftliche Mitarbeiter für Lehre

Aus dem gleichen Grund lehnen Alt und Steinbach die von Zöllner geplante Unterkategorie der wissenschaftlichen Mitarbeiter mit dem Schwerpunkt Lehre ab. Wer 18 Semesterwochenstunden unterrichte, habe keine Zeit für die Dissertation. Die Forschung falle dann als „Qualitätsprinzip“ bei der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses weg, sagt Steinbach. Die TU wolle darum lieber auf Postdocs setzen, die zu zwei Dritteln in der Lehre eingesetzt werden sollen, also mit 12 SWS. Ein Befristungsproblem sieht Steinbach aber auch hier. Die FU will den Einsatz von Postdocs prüfen. Offen sei sie aber für Lehrprofessuren, die aber höchstens 12 SWS unterrichten sollten.

Die Leitung der HU will sich zu dem Gesetz nicht äußern, man müsse sich intern noch abstimmen, teilt die HU mit. Der HU-Studentenvertreter Tobias Roßmann hält die neuen Lehrkräfte für „fatal“. Aus der Finanznot geboren würden sie den Mittelbau schwächen. Wie die Mitarbeiter ohne eigene Forschung die Studierenden an die Wissenschaft heranführen sollten, sei ein Rätsel. Zöllner habe die Studierenden aber auch nicht nach ihrer Meinung gefragt.

Mehr Macht für Lehrbeauftragte

Zöllner will die Lehrbeauftragten zu Mitgliedern der Hochschulen machen. Damit wären sie berechtigt, in den Gremien mit zu entscheiden. FU-Präsident Alt hält das für „völlig unsinnig“. Es sei nicht einzusehen, warum Menschen, die nur kurzfristig zwei Stunden pro Woche an einer Uni seien, über deren zukünftige Gestaltung entscheiden sollten. Als sinnvoll gilt an den Unis aber Zöllners neue Regel, wonach Lehrbeauftragte auch gleich für zwei Semester angeheuert werden dürfen.

Der Bachelor soll flexibler werden

Zöllner will im Gesetz ausdrücklich auch den sieben- oder achtsemestrigen Bachelor erlauben. Dass die Unis nun massenweise lange Bachelor-Studiengänge auflegen, ist aber nicht zu erwarten. In einigen Fächern werde man das erwägen, sagt Alt. HU-Student Roßmann befürchtet, ein langer Bachelor würde erst recht zum Regelstudiengang avancieren, nach dem die Mehrheit die Uni verlässt. Denn im Master wäre dann wegen der Umschichtung der Kapazität noch weniger Platz.

Dass Zöllner nur noch eine Prüfung pro Modul (meist zwei Lehrveranstaltungen) erlauben will, findet Roßmann jedoch gut. Er kann sich nicht vorstellen, dass manche Kommilitonen lieber für zwei kleine als für eine große Prüfung lernen. Schließlich lägen die Teilprüfungen ohnehin oft eng beieinander. Roßmann gefällt auch, dass Zöllner den Hochschulen die Möglichkeit eröffnen will, nur drei Viertel der Studienleistungen in die Endnote einfließen zu lassen, ähnlich wie beim Abitur. Denkbar ist allerdings, dass manche Fakultäten diese Regel als Niveauverfall empfinden würden.

„Schockierend“ findet Roßmann, dass Zöllner ausdrücklich erlauben will, Studierende zwangsweise zu exmatrikulieren, sollten sie Leistungen innerhalb bestimmter Fristen „schuldhaft nicht erfüllen“. „Was ist schuldhaft?“ fragt Roßmann. Der Willkür werde Tür und Tor geöffnet. TU-Präsident Steinbach glaubt allerdings nicht, dass solche Regelungen intern überhaupt große Chancen haben. Die Informatik der TU sei mit einem entsprechenden Vorstoß zuletzt im Akademischen Senat von den Studierendenvertretern gestoppt worden.

Mehr Teilzeit

Auf wenig Gegenliebe bei den Präsidenten stoßen Zöllners Regelungen für das Teilzeitstudium. Schon jetzt ist es berufstätigen Studierenden erlaubt. Doch Zöllner öffnet es nun ausdrücklich auch anderen Gruppen, wie Eltern oder Studierendenvertretern. Die Uni-Präsidenten sehen das als Signal, mit großem organisatorischen Aufwand „ein System im System“ schaffen zu müssen, wie Alt formuliert. Steinbach hält es für keine gute Idee, die Studierenden dazu zu animieren, das Studium zu strecken und schließlich schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Überhaupt mache Zöllner zu viele Detailvorgaben im Gesetz. Die Novelle behindere die Autonomie der Berliner Hochschulen. Ob Zöllner noch mit sich reden lässt, wird sich im Herbst zeigen.

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