Hochschulen : Kaum Studenten aus bildungsfernen Familien

Nach einer neuen Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks entscheidet die soziale Herkunft stark über die Aufnahme eines Studiums. Warum studieren so wenige Kinder aus unteren sozialen Schichten?

Anja Kühne

Kinder aus Akademikerfamilien sind an deutschen Hochschulen weit stärker vertreten als Kinder, deren Eltern nicht studiert haben. Das wurde vorab aus der Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks bekannt, die heute vorgestellt wird. Von 100 Akademikerkindern studieren 83. Von 100 Kindern mit Eltern ohne Hochschuldiplom sind es dagegen nur 23. Gemessen an ihrem Anteil an der Bevölkerung sind diese Kinder an Hochschulen also deutlich unterrepräsentiert.

Diese neuen Zahlen sind nahezu identisch mit den Daten aus der Sozialerhebung von vor zwei Jahren. Erneut wird deutlich, dass die Chancen auf Bildungsbeteiligung in Deutschland sehr ungleich verteilt sind. In den vergangenen 25 Jahren hat sich die Zusammensetzung der Studierendenschaft sogar immer mehr zugunsten der Oberschicht verschoben. Noch 1982 stammten nur 17 Prozent der Studierenden aus der vom Studentenwerk dem Beruf und den Bildungsabschlüssen der Eltern nach als „hohe Schicht“ bezeichneten Gruppe. Im Jahr 2005 waren es 37 Prozent. Während die Oberschicht an den Hochschulen also stetig wuchs, schrumpfte die „niedrige Schicht“. Aus ihr stammten 1982 noch 23 Prozent. Im Jahr 2005 waren es nur noch 12 Prozent.

Von einer sozial ausgewogenen Studierendenschaft kann also, 35 Jahre nachdem die Bundesrepublik ihre Hochschulen für die Massen öffnete, keine Rede sein. Die Ursachen sind vielfältig. Helmut Kohls Bafög-Politik habe sich in den 80er Jahren abschreckend ausgewirkt, heißt es. Ähnliche Effekte deuteten sich bereits in Bundesländern an, die wieder Studiengebühren einführen. Anders als in anderen Ländern öffnet Deutschland mit seinem dualen System aber auch interessante Karrieren jenseits eines Studiums, die gerade für Kinder aus bildungsfernen Familien attraktiv sein könnten. Doch dieser Weg ist nicht immer freiwillig gewählt, wie Ergebnisse der Pisa-Studie zeigen. Danach bekommen Kinder aus der Unterschicht bei gleicher Schulleistung weit seltener eine Gymnasialempfehlung als Kinder aus höheren Schichten. Schon weil diese Kinder nicht aufs Gymnasium kommen, finden sie sich später an den Unis seltener wieder.

Etwas gebracht hat die große Bildungsexpansion aber doch. Die katholische Landbevölkerung ist heute an den Hochschulen nicht mehr unterrepräsentiert wie einst. Und inzwischen ist jeder zweite Studienanfänger eine Frau. Allerdings ist der Bildungshintergrund von Studentinnen durchschnittlich höher als der von Studenten: Unter den Frauen an der Uni sind noch mehr „höhere Töchter“ als „höhere Söhne“ unter den Männern. Die soziale Selektion ist für Frauen also noch schärfer als für Männer.

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