Hochschulen : Langer Weg zur Professur

Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung zeigt, was Karrieren von Nachwuchsforschern behindert.

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Richtig jung sind Nachwuchsforscher in Deutschland nicht mehr, wenn sie zum ersten Mal Verantwortung übernehmen. Gut zwanzig Jahre dauert es in Deutschland im Schnitt vom Abitur bis zur ersten Professur. Um den Weg abzukürzen, wurde 2002 die Juniorprofessur eingeführt – sie sollte die langwierige Habilitation als Hauptqualifikation für eine Professur ursprünglich sogar ganz ablösen. Doch trotz dieser neuen Führungsposition gibt es bisher kaum „strukturelle Veränderungen von Karrierepfaden in der deutschen Wissenschaft“. So lautet das Resümee einer Studie der Sozialwissenschaftlerin Silke Gülker vom Wissenschaftszentrum Berlin. Auch andere neue potenzielle Alternativen zur Habilitation – wie etwa die Leitung einer mit viel Geld für die Forschung dotierten „Nachwuchsgruppe“ – hätten kaum etwas bewegt. „In der Realität kommen nur wenige Forscher ohne Habilitation ans Ziel“, heißt es.

800 Juniorprofessoren haben die Universitäten bisher eingestellt – deutlich weniger also als die ursprünglich geplanten 6000. Zwar sind sie mit 34 Jahren deutlich jünger als erstberufene reguläre Professoren. Allerdings bezweifele mehr als die Hälfte der Forscher, ob sie am Ende der im Regelfall sechs Jahre dauernden Juniorprofessur als genügend qualifiziert für eine Professur angesehen werden. Ein Drittel plant deswegen fest, doch noch eine Habilitation zu verfassen, ein weiteres Viertel denkt darüber nach.

Das hänge vor allem damit zusammen, dass nur die wenigsten damit rechnen können, von der eigenen Universität auf eine unbefristete Professur übernommen zu werden, heißt es in der WZB-Studie. Obwohl in zwölf von 16 Bundesländern dieser interne Aufstieg („Tenure Track“) inzwischen gesetzlich geregelt sei, haben nur acht Prozent der Juniorprofessoren bereits bei ihrem Dienstantritt eine Zusage für eine spätere Professur, sofern sie sich leistungsmäßig bewähren. Nur weitere zehn Prozent können sich zumindest an der eigenen Hochschule auf eine Professur bewerben.

Für den großen Rest gilt wie gehabt, dass Wissenschaftler aus dem eigenen Haus nicht auf eine Professur berufen werden dürfen – sie müssen an eine andere Universität wechseln und konkurrieren dann mit Habilitierten um Professuren. Die WZB-Studie beruft sich auf mehrere andere Untersuchungen zur Juniorprofessur, darunter eine des Centrums für Hochschulentwicklung von 2007, sowie eigene Befragungen von jungen Forscherinnen und Forschern.

Theoretisch könnte für junge Forscher auch die Leitung einer „Nachwuchsgruppe“ eine wissenschaftliche Leistung sein, die als so herausragend bewertet wird, um ohne Habilitation auf eine Professur berufen zu werden. Rund 550 solcher Gruppen gibt es inzwischen, die über ein eigenes Budget verfügen, unabhängig von Lehrstuhlinhabern sind und extra geschaffen wurden, um Forschern nach der Promotion Leitungserfahrung zu verschaffen. Anders als Juniorprofessoren, von denen zwei Drittel über zu wenig Zeit klagen, schätzen die Nachwuchsgruppenleiter ihre Forschungsautonomie als sehr hoch ein. Positiv wird auch gesehen, dass Stellen oft mit viel Geld verbunden sind.

Allerdings ist der Status von Nachwuchsgruppenleitern an Unis weit gehend ungeregelt. Die Forscher sehen sich in der Hochschulhierarchie mehrheitlich sogar unter Juniorprofessoren und eher auf der Stufe mit wissenschaftlichen Assistenten. Nur ein Viertel will deswegen auf die Habilitation verzichten. Ein befragter Jurist etwa sagte: „Das wäre Harakiri zu denken, ich könnte es mir leisten, mich nicht zu habiltieren.“

Gleichwohl könnte „mittelfristig Bewegung in die Strukturen kommen“, schreibt die WZB-Soziologin Gülker – und zwar aufgrund der Exzellenzinitiative. Geeignetes Personal für die neuen Cluster und Graduiertenschulen zu gewinnen, erwies sich für viele Universitäten als schwierig. Exzellente Nachwuchsforscher waren daher in einer starken Verhandlungsposition. Um sie zu ködern und konkurrierende Einrichtungen auszustechen, boten ihnen Universitäten daher verstärkt Tenure-Track-Optionen an. „Hier werden völlig neue Spielräume geschaffen“, heißt es in der Studie. Tilmann Warnecke

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