Hochschulen : Studium auf den billigen Plätzen

Studierende drängen an die Unis. Doch für eine gute Lehre reicht das Geld aus dem Hochschulpakt nicht. Für die Medizin sind mehr Plätze gar nicht erst vorgesehen.

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Beengte Verhältnisse. Die Berliner Universitäten sehen sich finanziell nicht in der Lage, dringend benötigte neue Seminarräume und Labore einzurichten. Im Bild das Mathegebäude der Technischen Universität.
Beengte Verhältnisse. Die Berliner Universitäten sehen sich finanziell nicht in der Lage, dringend benötigte neue Seminarräume und...Foto: TU Pressestelle/Boeck

Eigentlich ist es ein Grund zum Jubeln. Zwar fehlen schon viele Fachkräfte, besonders in den Natur- und Ingenieurwissenschaften. Aber es stehen genügend Jugendliche bereit, die ein Studium beginnen wollen. Mit 500 000 Studienanfängern rechnen die Hochschulrektoren in diesem Herbst. Das wären 160 000 mehr als 2005 – eine enorme Steigerung.

Dass ein Studium persönlich wichtig ist, steht außer Frage: Es erweitert den Horizont und bringt einen nicht zuletzt für das Berufsleben voran, auch deswegen, weil ein Hochschulabschluss noch immer am besten vor Arbeitslosigkeit schützt. Aber auch für Deutschland ist es bedeutsam, dass viele Abiturienten an die Hochschulen gehen. Es ist für das Land die letzte Chance, aus eigener Kraft mit den hier Geborenen Vorsorge für die Fachkräfte von morgen zu treffen. Nach den doppelten Abiturjahrgängen, die den aktuellen Ansturm auslösen, kommen die mageren Jahrgänge. Der rapide Einbruch bei den Geburten, der mit der Wiedervereinigung im Osten eingesetzt hatte, ist inzwischen auch für den Westen charakteristisch geworden.

Doch ob Deutschland diesen Herausforderungen wirklich gerecht wird, bezweifeln viele. Zum einen hat sich der Bund nach der Föderalismusreform aus der Finanzierung der für die Studienplätze nötigen Bauten zurückgezogen. Hätten die doppelten Abiturientenjahrgänge Politik, Wirtschaft und Hochschulen nicht herausgefordert – die Föderalismusreform wäre zum Nachteil der Bildung noch radikaler ausgefallen als ohnehin. Wer damals grob schätzte, was auf Deutschland an Kosten für mehr Studienplätze und Lehrpersonal zukommen würde, ahnte, dass ohne Milliardenhilfen vom Bund das Problem nicht gelöst werden konnte. Daher wurde von Bund und Ländern 2006 der Hochschulpakt für neue Studienplätze ins Leben gerufen. Allein der Bund will zwischen 2011 und 2015 4,7 Milliarden Euro ausgeben.

Die Kritik aber, der Pakt sei dennoch unterfinanziert, reißt bis heute nicht ab. „Was uns an finanziellen Mitteln zur Verfügung gestellt wird, reicht nicht annähernd aus“, sagt Peter-André Alt, Präsident der Freien Universität. Gerade die beliebten Massenfächer könnten „zusätzlich in Bedrängnis geraten“.

Wo liegen die kritischen Punkte? Die Finanzierungsperioden des Paktes von 2007 bis 2010, von 2011 bis 2015 und von 2016 bis 2020 machen es den Unis nahezu unmöglich, Professuren auf Lebenszeit zu vergeben. Die zusätzlichen Studienanfänger werden von wissenschaftlichen Mitarbeitern und Lehrbeauftragten betreut. Laut der Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern (GWK) wurden 35 Prozent mehr Lehrbeauftragte und 16 Prozent mehr hauptberufliches wissenschaftliches Personal über den Pakt bezahlt. Alles Stellen auf Zeit.

Hinzu kommt, dass der Pakt Studienplätze nur über vier Jahre finanziert. Die Kombination von Bachelor - und Masterstudium dauert jedoch mindestens fünf Jahre. Die Aufnahmekapazitäten für das Masterstudium werden so immer mehr zum Flaschenhals. Die Politiker erklären gerne, sie setzten für den Übergang vom Bachelor zum Master keine Quoten fest. De facto tun sie es aber über die Unterfinanzierung des Masters. Die Folge: hohe Zulassungshürden vor dem Master.

Die Studienplatzkosten pro Jahr werden zudem zu niedrig angesetzt. Für die erste Periode bis 2010 kalkulierten die Politiker mit 22 000 Euro. Für den folgenden Zeitraum bis 2015 sind es 26 000 Euro. Auch dieser Satz reicht nicht für die Ingenieur- und Naturwissenschaften an den Universitäten, weil dort die Studienplatzkosten für vier Jahre zwischen 27 000 und 29 000 Euro liegen. Bei fünf Jahren wären es bis zu 36 000 Euro. Noch teurere Medizin-Plätze sind gar nicht erst vorgesehen. Studienplätze werden eher in den „billigeren“ Geistes- und Sozialwissenschaften oder an den Fachhochschulen geschaffen, wo die Kosten auch in den Natur- und Ingenieurwissenschaften wesentlich niedriger sind. An den FHs wurden seit 2006 denn auch 38 Prozent mehr Studierende aufgenommen.

Besonders dramatisch zeigt sich die Unterfinanzierung an den Technischen Universitäten. Berlins TU-Präsident Jörg Steinbach kritisiert: „Die Durchschnittssätze für die Ausbildung von Ingenieuren und Naturwissenschaftlern liegen um 8000 Euro zu niedrig. Wenn wir Studienplätze aufbauen wollen, die volkswirtschaftlich besonders wichtig sind, ist das nach wie vor ein Zuschussgeschäft.“

Aber nicht genug damit. Das Geld aus dem Pakt wird rückwirkend gezahlt, die Unis müssen ständig Mittel für mehr Studierende vorschießen, was sie in zusätzliche Schwierigkeiten bringt. Auch das für die erbrachten Leistungen hereinkommende Geld müsse immer wieder als Vorschuss verwendet werden, klagen die Unis. Dies hindere sie daran, dringend benötigte zusätzliche Seminarräume, Laboratorien oder praktische Ausbildungsplätze zu bezahlen, die in den Sätzen ohnehin nicht enthalten sind.

Ein weiteres Problem kommt an der TU hinzu. Noch haben nicht alle Studierenden die TU verlassen, die ihren Abschluss noch im Diplom anstreben. „Für die über 8000 Diplomstudierenden erhalten wir keine Finanzierung mehr“, klagt Steinbach.

Aber wie viele zusätzliche Professuren wurden denn nun wirklich für den Studentenansturm geschaffen? Das will in den Spitzengremien der Wissenschaftspolitik niemand beziffern. Angefragt waren die Hochschulrektorenkonferenz, die GWK und das Bundeswissenschaftsministerium. Der Sprecher der Berliner Landesrektorenkonferenz, FU-Präsident Alt, sagt: „Es gibt seit vielen Jahren keinen Zuwachs bei den Professuren.“ Für alle Berliner Universitäten gelte, dass zusätzliche Lehrkräfte nur im Mittelbau geschaffen werden – mit Zeitverträgen. Anderes ließe der Hochschulpakt nicht zu. „Wir können bestenfalls an Juniorprofessuren denken“, sagt Alt. Die würden immerhin für sechs Jahre beschäftigt und täten etwas für den Nachwuchs. Darüber hinaus hätte vielleicht noch eine Reihe von geringer bezahlten W2-Professuren auf Zeit eine Chance. „Mehr ist nicht drin“, sagt Alt. Das gelte für alle Universitäten.

Reicht es für die Qualität des Studiums aus, bei den neuen Studienplätzen vor allem auf wissenschaftliches Personal zu setzen, das man nach wenigen Jahren wieder loswerden kann? Die Unis stecken in ihrer „Strukturproblematik“ fest, sagt Alt. Die FU habe vor 20 Jahren mit der doppelten Zahl an Professoren gearbeitet. Seitdem die FU unter den Sparauflagen des Senats die Zahl ihrer Professuren halbieren musste, werde die Lehre heute stärker von Nachwuchswissenschaftlern getragen. „Das ist ein Transformationsprozess, den ich aber keineswegs nur negativ bewerte“, sagt Alt. Die FU biete ihren jungen Wissenschaftlern heute mehr Möglichkeiten, Lehrerfahrungen zu sammeln – ein Qualifizierungselement für die akademische Karriere.

Resümee: Der Hochschulpakt soll zwar ein „atmendes System“ sein, wie es Bundesbildungsministerin Annette Schavan kürzlich in der Erwartung formuliert hat, dass auch der zusätzliche Andrang durch die Aussetzung der Wehrpflicht bewältigt werden kann. Doch die Anpassung an die tatsächliche Nachfrage nach Studienplätzen soll weiterhin nur auf Sparflamme finanziert werden, und nicht nach Qualität.

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