Hochschulen : "Superuni": Lokales Gerangel

Einstein-Stiftung: Museums-Chef Hermann Parzinger vermittelt im Streit um das Forum transregionale Studien.

Amory Burchard

Berlins „Superuni“ hatte einen schweren Start. Als Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner 2007 seine Idee von einem international sichtbaren Dach über exzellente Bereiche der Berliner Forschungslandschaft verkündete, meldeten die Universitäten massive Bedenken an: Wichtige Forschungsbereiche drohten ausgegliedert zu werden. Das Konzept mutierte zur „Superstiftung“, erhielt dann im Oktober 2008 den Titel „Einstein-Stiftung“. Doch die Unis fürchteten, dass die Finanzierung der Stiftung zu Lasten ihrer Haushalte geht. Bis heute hat die Stiftung ihre Arbeit nicht aufgenommen. Dass jetzt mit dem designierten Geschäftsführer Sebastian Turner eine wichtige Personalie bekannt wurde (Tagesspiegel vom 30. April), zeigt aber: Es bewegt sich etwas. Wie schwer sich indes auch die Wissenschaftler tun, die unter dem Dach der Stiftung gemeinsam forschen sollen, zeigt das Gerangel um die Regionalstudien.

Nach Aussagen Zöllners ist die Berliner Forschung zu den unterschiedlichen Weltregionen einer der Bereiche, die von der Einstein-Stiftung vorrangig gefördert werden sollen. Allerdings schwelt seit Jahren ein Konflikt zwischen Unis und außeruniversitären Institutionen. Die Idee, die Berliner Kompetenzen zu bündeln und Forscher aus den Regionen einzuladen, hat gewichtige Fürsprecher. Eine von dem Historiker Jürgen Kocka geleitete Arbeitsgruppe der Berliner Wissenschaftskommission empfahl 2006, ein „Forum transregionale Studien“ zu gründen – als außeruniversitäre Institution. Schon vorher hatte der ehemalige Rektor des Wissenschaftskollegs, Wolf Lepenies, vorgeschlagen, eine Institution nach dem Vorbild der „London School of Oriental und African Studies“ zu schaffen.

Das Wissenschaftskolleg spielt ohnehin eine prägende Rolle bei der Forums-Idee: Dort wurde bereits 2002 das Projekt „Wege des Wissens. Transregionale Studien“ gegründet, an dem Regionalforscher aller Unis, außeruniversitärer Institute und Museen beteiligt sind. Seit 2004 erhielt es eine Förderung vom Land Berlin, die Ende Mai ausläuft. Trotz der engen Beteiligung der Unis auch an der Empfehlung der Wissenschaftskommission blieb ein Dissens: Sie sind gegen ein außeruniversitäres Zentrum. Die Kompetenzen der Forscher und die Gelder, die sie einwerben, sollten an den Hochschulen bleiben, forderte etwa Kurt Kutzler, Präsident der Technischen Universität.

Insbesondere die Freie Universität wehrt sich dagegen, dass Wissenschaftler ausgegliedert werden. Denn die Regionalwissenschaften, darunter das John-F.- Kennedy-Institut, das Lateinamerika- und das Osteuropa-Institut, sind eine große Stärke der Uni. Auf ihr beruht wesentlich der Erfolg als „Internationale Netzwerkuniversität“ in der Exzellenzinitiative.

Ende April hat der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, die Konfliktparteien an einen Tisch gebracht. „Jede Seite hat sich bewegt, wir haben einen Konsens erzielt“, berichtet Parzinger. Ein Aufnahmeantrag in die Einstein-Stiftung, den der ehemalige Rektor des Wissenschaftskollegs Dieter Grimm verfasst hat, werde nun überarbeitet. „Wir wollen möglichst schnell in die Einstein-Stiftung“, sagt Parzinger.

Sollte das Projekt aufgenommen werden, müsste es wohl einen Sonderstatus erhalten. Denn die Forschungsschwerpunkte sollen als gemeinnützige GmbHs unter dem Dach der Stiftung betrieben werden. Parzinger betont aber, dass keine eigenständige Institution entstehen solle, die eigene Forschungsprojekte verfolgt. Vielmehr wolle man einen Verein gründen, in dem programmatische Forschungsziele entwickelt werden, die dann die Forscher an ihren Instituten umsetzen. „Damit bleiben die Regionalwissenschaften an ihren Orten, aus den Universitäten wird nichts herausgelöst“, sagt Parzinger. Mit dem Einstein-Geld wolle man zunächst zwei bis vier herausragende Projekte finanzieren, zudem Stipendien etwa für Nachwuchswissenschaftler oder Aufenthalte von Gastwissenschaftlern

FU-Vizepräsidentin Ursula Lehmkuhl spricht von einem „Forschungsverbund“. Als GmbH wäre das Forum automatisch außerhalb der Unis angesiedelt. Lehmkuhl betont, dass die FU mit ihren Regionalinstituten und dem 2006 gegründeten Center for Area Studies die meisten Kompetenzen in das gemeinsame Vorhaben einbringen würde. Deshalb müsse klar sein, „dass die Geschäftsführung von Dahlem aus betrieben wird“.

Wo die Geschäftsstelle des Vereins liegen könnte, sei noch nicht besprochen worden, sagt dagegen Joachim Nettelbeck, Generalsekretär des Wissenschaftskollegs. Auch sieht er in dem Forum „eine eigenständige außeruniversitäre Institution“, die gleichwohl „vielfältig mit den Universitäten verknüpft“ sei. Die Sorge, Kapazitäten für Lehre und Forschung könnten von den Unis abgezogen werden, kann Nettelbeck nicht nachvollziehen. Sicher müssten die Forscher, die das Forum leiten, teilweise von der Lehre freigestellt werden, aber die Belastung sei nicht größer als in den Exzellenzclustern. Die Arbeitsplätze der beteiligten Wissenschaftler blieben ohnehin an der Universität.

Die an der Planung des Forums beteiligten Institutionen haben unterdessen ein weiteres gemeinsames Projekt: Unter der Federführung von Ursula Lehmkuhl bewerben sie sich beim Bundesforschungsministerium (BMBF) um die Förderung eines „Kompetenznetzes transregionale Studien“. Zum Thema „Lern- und Diffusionsprozesse in Geschichte und Gegenwart“ wollen sich Regionalforscher von FU, HU und TU mit außeruniversitären Einrichtungen wie dem Zentrum Moderner Orient und dem Wissenschaftskolleg unter anderem mit dem Transfer von Wissen durch Migration befassen.

Das Kompetenznetz ist einer von neun Berliner Anträgen im BMBF-Programm zur Förderung der Regionalstudien. Lehmkuhl und ihre Mitstreiter haben im Januar eine Million Euro jährlich beantragt, für zunächst vier Jahre. Einen Widerspruch zum Forum transregionale Studien sieht Lehmkuhl nicht, im Gegenteil: Das Kompetenznetz sei „die inhaltliche Basis des Forums, sein intellektueller Kern“. Der Wettbewerb soll bis Ende Juli entschieden werden, heißt es aus dem BMBF.

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