Hochschulen : Unis verlieren hunderte Professoren

Hochschulen schlagen Alarm: Trotz Fachkräftemangel und Bildungsoffensive sinkt Zahl der Lehrstühle

Amory Burchard,Tilmann Warnecke

Berlin - Während deutschlandweit über einen Fachkräftemangel geklagt wird und die Bundesregierung eine „nationale Qualifizierungsoffensive“ vorbereitet, schlagen die Professoren Alarm. 1500 Lehrstühle an den Universitäten seien in den vergangenen zehn Jahren gestrichen worden, kritisiert der Deutsche Hochschulverband (DHV). „Angesichts des Mangels an Fachkräften ist es katastrophal, dass an den Hochschulen der Rotstift regiert“, sagte DHV-Präsident Bernhard Kempen am Montag. Der DHV beruft sich auf Daten des Statistischen Bundesamts.

Alarmierend sei die Streichung von 356 Lehrstühlen in den Ingenieurwissenschaften, ein Rückgang von 13, 3 Prozent. Kempen wirft den Wissenschafts- und Finanzministern der Länder vor, „keine gesamtstaatliche Verantwortung“ zu übernehmen. Jetzt müssten sie den Hochschulen die Lehrstühle zurückgeben. Ansonsten seien Elitewettbewerb und Hochschulpakt als Antwort auf die steigenden Studentenzahlen sinnlos, sagte Kempen.

Massiv vom Abbau betroffen sind auch die Geisteswissenschaften. Hier wurden 663 Professorenstellen nicht wiederbesetzt, das ist ein Rückgang von 11,6 Prozent. In der Klassischen Philologie wurden 35 Prozent der Stellen gestrichen. „Im Jahr der Geisteswissenschaften 2007 ist das ein Hohn“, sagte Kempen.

Der Präsident der Freien Universität Berlin, Dieter Lenzen, erklärt die Streichung in der Altphilologie mit dem rückläufigen Interesse an den Schulfächern Latein und Altgriechisch. Dem widerspricht Stefan Kipf, Fachdidaktiker für Alte Sprachen an der Humboldt-Universität und Vorsitzender des Altphilologenverbandes. Latein sei im Kommen: Die Schülerzahlen seien 2006 um 4,9 Prozent gestiegen. Als skandalös jedoch bezeichnet Lenzen den Verlust an Erziehungswissenschaftlern: Auch hier wurden 35 Prozent der Stellen gestrichen. Es sei „schrecklich“, dass sich die Unis trotz „Pisa“ und anderer Bildungsstudien ausgerechnet der Bildungsforscher „entledigt haben“.

Christiane Gaehtgens, Generalsekretärin der Hochschulrektorenkonferenz, kritisiert, dass die Hochschulen durch die Sparauflagen der Länder gezwungen seien, Schwerpunkte zu setzen und Fächer zu streichen. Davon seien auch ingenieurwissenschaftliche Studiengänge betroffen, in denen Studienplätze frei geblieben waren. Die Hochschulen sollten die nötigen finanziellen Mittel bekommen, um wichtige Fächer zu erhalten. Demnächst frei werdende Professuren sollten vorzeitig neu besetzt werden.

Dies sei in Berlin mit dem Masterplan für die Wissenschaft bereits auf den Weg gebracht, sagte Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner. Von Mitteln, die in Lehre und Forschung fließen sollten, sei ein großer Teil für neue Professuren vorgesehen. Der bundesweite Trend sei aber besorgniserregend, sagte Zöllner, der auch Präsident der Kultusministerkonferenz ist.

Tatsächlich ist der Fachkräftemangel schon heute dramatisch. Bis zu 100 000 Stellen sind frei. Das geht aus den vorläufigen Zahlen einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln hervor. Deutschland könnte der Fachkräftemangel bis zu ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts jährlich kosten. Der „Leidensdruck“ sei in den Unternehmen angekommen, heißt es. Facharbeiter würden für Stellen weiterqualifiziert, die eigentlich von Akademikern besetzt sein sollten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben