Hochschulen : Wirtschaft erforschen, aber wie?

"Grandioses Scheitern von Prognosen": Steht die Volkswirtschaftslehre vor dem Untergang? Ein Streitgespräch zur Ausrichtung der Ökonomik.

Günter Bartsch

„Mathematisch-elegante Modelle“ – viel mehr braucht es heute nicht, um als Volkswirt Erfolg zu haben. Das jedenfalls meint Hermann Ribhegge, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Europa-Universität Viadrina, wo am Dienstagabend über den Streit deutscher Ökonomen um Ausrichtung und Methoden der Volkswirtschaftslehre diskutiert wurde. Ribhegge zeichnete dabei ein düsteres Bild von der Zukunft seiner Disziplin: Halte man an den gegenwärtigen Auswahlkriterien bei der Besetzung von Lehrstühlen fest, bedeute dies den „Untergang“ der VWL.

Ausgelöst wurde der Methodenstreit durch die geplante Umwidmung von Lehrstühlen für Wirtschaftspolitik an der Universität Köln zugunsten eines Forscherteams von Makroökonomen – und einem daraufhin veröffentlichten Aufruf zur Rettung des Faches an den deutschen Universitäten. 83 Professoren unterschiedlicher politischer Couleur hatten den Appell unterzeichnet. Sie betonen darin die Bedeutung normativer Grundlagen und beklagen, dass immer mehr Ökonomen „die Realitätsnähe ihrer Analysen dem Ziel formal-logischer Stringenz“ opferten.

Bald darauf erschien ein von 188 Professoren und Forschern unterzeichneter Gegenaufruf, die deutsche Volkswirtschaftslehre nach internationalen Standards umzubauen. Die Autoren kritisieren den Wirtschaftspolitik-Aufruf scharf: Er argumentiere zugunsten einer „Zementierung international nicht wettbewerbsfähiger Strukturen an deutschen VWL-Fakultäten“ und zeichne „ein Zerrbild der modernen Ökonomik als reiner Wirtschaftslogik“.

Holzschnittartig geht es also um den Streit „Wirtschaftspolitik“ gegen „Wirtschaftstheorie“. Ribhegge, der zu den 83 Unterzeichnern des ersten Aufrufs zählt, bezeichnete bei der vom Frankfurter Institut für Transformationsforschung organisierten Diskussion die Wirtschaftspolitik als „angewandte Wirtschaftstheorie“: „Wir wollen nicht nur Phänomene erklären, sondern Politik betreiben, gesellschaftliche Zustände beeinflussen und verändern.“ Für viele Theoretiker sei die theoretische Analyse zum Selbstzweck geworden. Sie entwickelten „wunderschöne Modelle“ – und suchten sich anschließend ein Problem, das zum Modell passe – anstatt sich an gesellschaftlichen Problemen zu orientieren.

Joachim Zweynert, wissenschaftlicher Leiter der Erfurter Filiale des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, hatte sich bereits in Meinungsbeiträgen zugunsten seiner Disziplin, der Ordnungsökonomik, in den Streit eingemischt. Auch an der Viadrina warb er für die „kontextuale Analyse des Wirtschaftens“ im Unterschied zur dominierenden „isolierenden Ökonomik“, die zwar die Eigenlogik des Marktes gekonnt analysiere, jedoch Wechselwirkungen zwischen Markt und Gesellschaft vernachlässige. Zudem sei die Bildung von Institutionen ein „blinder Fleck der isolierenden Ökonomik“: Am Beispiel der Probleme Russlands lasse sich erkennen, was geschehe, wenn die Analysemethoden westlicher Ökonomen unreflektiert auf Transformationsgesellschaften angewandt würden.

Kritik übte Zweynert auch an Konjunkturprognosen, an denen die Zahlengläubigkeit der Ökonomen sichtbar werde: Das „grandiose Scheitern dieser Prognosen“ sei ein der Grund dafür, warum die Makroökonomen im Methodenstreit so scharf gegen die Ordnungsökonomen schössen.

Der Wirtschaftstheoretiker Friedel Bolle (Viadrina), der bei der Diskussion kurzfristig verhindert war, widersprach dieser Position auf Anfrage: Kein deutschsprachiger Forscher habe mehr in den internationalen Top-Zeitschriften veröffentlicht als der Schweizer Bruno Frey, der sich gegen zu viel Mathematik und Formalisierung einsetzt. Auch sonst befänden sich im Handelsblatt-Ökonomenranking zahlreiche nicht theoretisch arbeitende Kollegen. Auch Ribhegges Vorwurf, wonach die Theoretiker ihre Arbeit mit Modellen beginnen, lässt Bolle nicht gelten: Auch er lasse sich von Phänomenen der Realität anregen. Positiv sei es zu bewerten, wenn es gelinge, ein für ein Problem erarbeitetes Modell auch auf andere Fragestellungen anzuwenden. Bolles Fazit: „Was wir brauchen, sind Leute mit genügend theoretischen und empirischen Kenntnissen.“

Lob für die Ökometrie kam schließlich auch von Hermann Ribhegge – für die Evaluierung von Politikstrategien: Damit lasse sich heute zeigen, dass jahrzehntelange politische Praktiken nicht zielführend seien. Das entspreche einer praktischen Politikberatung. Seriöse Ökonometriker gäben auch keine Punktprognosen ab, sondern lieferten nur Bandbreiten.

Das größte Problem sind nach Auffassung Ribhegges ohnehin nicht die unterschiedlichen Methoden der Volkswirtschaftslehre, sondern die Auswahlverfahren: Bei der Besetzung von Wirtschafts-Professuren werde allein auf Publikationen geachtet: „Wir bräuchten gar keine Berufungskommissionen, sondern nur jemanden, der bis zehn zählen kann.“ Dadurch ergebe sich ein Problem für die praxisnahe Forschung, da bei Veröffentlichungen in Zeitschriften nur Texte mit „formaler mathematischer Eleganz“ ausgewählt würden – selbst wenn diese „ökonomisch völlig irrelevant“ seien. „Coases Aufsatz über die ‚Social Costs’ würde heute gar nicht mehr publiziert, weil er verbal gehalten ist“, polemisierte Ribhegge. – Ronald Coase wurde 1991 mit dem Wirtschafts-Nobelpreis ausgezeichnet. Günter Bartsch

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