Hochschulprojekte : Humboldt-Studenten verkaufen Vorhänge aus der DDR-Zeit

Mit kreativen Aktionen beschaffen Studierende Geld für mehr Tutoren oder eigene Projekte. 60 Prozent aller Studenten engagieren sich ehrenamtlich – allerdings nur 15 Prozent im Bereich Bildung.

Gina Apitz
Studenten an der Berliner Humboldt Universität.
Studenten an der Berliner Humboldt Universität.Foto: ddp

Der BWL-Student Christian Berger will die Lehre an der Humboldt-Universität (HU) verbessern. Es störte ihn, dass an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät 200 Studenten in einer Übung sitzen, weil es an Tutoren mangelt. Um Geld für mehr Tutoren zu sammeln, rief der Student das Projekt „Platzstiften“ ins Leben. Seit Oktober vergangenen Jahres verkauft der 24-Jährige symbolisch die 296 Stühle des größten BWL-Hörsaals. Ehemalige, Professoren und Studenten können einen Sitz erwerben. Die Kosten: zwischen 250 und 4000 Euro. Die Förderer werden namentlich auf dem Stuhl genannt.

Der HU-Student ist nicht allein. An vielen Hochschulen entwickeln Studenten kreative Projekte, mit denen sie ihre Studienbedingungen oder das Image der Uni ändern wollen – trotz voll gepackter Studiengänge. Nach einer HIS-Studie der Universität Duisburg-Essen von Juli 2009 engagieren sich 60 Prozent aller Studenten ehrenamtlich – allerdings nur 15 Prozent im Bereich Bildung. „Wir verfolgen dieselben Ziele wie die Studenten, die während des Bildungsstreiks protestierten“, sagt Christian Berger. „Wir versuchen es aber auf einem anderen Weg.“ Der Vorteil sei, dass die Studenten am Ende selbst entscheiden, was genau verbessert wird.

40 der knapp 300 Stühle hat der Förderverein schon verkauft und damit 25 000 Euro eingenommen. Den ersten Hörsaalplatz ersteigerte eine Firma beim Fakultätsball der Wirtschaftswissenschaftler – für 2100 Euro. Momentan ist der große Hörsaal noch eine Baustelle, weil er gerade saniert wird. Vorher haben Berger und seine Kommilitonen das alte Inventar in Bares umgesetzt – die HU hätte alles weggeschmissen. Bei Ebay versteigerten sie die alten Stühle, die Kronleuchter und für zehn Euro das Stück „40 hässliche grüne DDR-Vorhänge“, sagt Berger. 7000 Euro flossen so zusätzlich an die Studierenden. Anfang des Jahres wurde „Platzstiften“ vom Stifterverband als beispielhaftes Hochschulprojekt ausgezeichnet. Belobigt wurde unter anderem auch „Arbeiterkind.de“, ein studentisches Internetportal für Schüler und Studierende, die als erste in ihrer Familie einen Studienabschluss anstreben.

In Weimar gründeten Studierende einen Verein, um bei Kommilitonen und anderen Spendern Geld für studentische Projekte einzusammeln. Insgesamt 12 000 Euro kamen so in den letzten Jahren zusammen. An der Bauhaus-Universität entscheiden die Spender, welche Aktion mit ihrem Geld gefördert wird. Halbjährlich stimmen die Geldgeber darüber ab. Wer einen Projekt-Vorschlag hat – egal ob Dokumentarfilme oder Ausstellung – kann diesen bei dem studentischen Förderverein anmelden. Die beste Idee bekommt 1000 Euro, der zweite Platz noch einige hundert Euro.

An etlichen Unis sammeln die Studenten mit Solarstromanlagen Geld für ihre Hochschule. So etwa an der TU Dresden. Studenten spendeten dort 10 000 Euro für eine Solaranlanlage, die im Herbst auf dem Dach einer Grundschule installiert werden soll. Geht die Anlage in Betrieb, wird Geld an die Uni zurückfließen: Die Mittel, die durch den Verkauf des Stroms eingenommen werden, wollen die Studierenden in die Verbesserung der Studiensituation stecken, sagt Peter Kleinke, 24, von Unisolar Dresden. Finanziert werden sollten längere Öffnungszeiten für die Bibliothek oder den Weiterbetrieb eines Sorgentelefons für Studenten.

Einige tausend Euro akquirierte auch eine Initiative der Freien Universität (FU): Zehn Studenten gründeten dort im Oktober 2007 die Gruppe „Unisolar“, die auf dem Dach der Rostlaube eine Solaranlage installieren wollte. Seit Mai 2009 speist die 1000 Quadratmeter große Anlage 90 Megawattstunden Strom ins Berliner Netz ein – das entspricht dem Bedarf von 25 Drei-Personen-Haushalten. „Unser Kerngedanke ist es, sauberen Strom zu produzieren“, sagt Mitinitiator Stefan Feuerhahn, 29, der Technische Informatik an der TU studierte. Die Unisolar-Gruppe vermarktet die Anlage aber auch als „attraktive Geldanlage“. Der saubere Strom wertet zwar das Image der Uni auf. Das Geld, das mit dem Solarstrom eingenommen wird, fließt jedoch in die Taschen der Studenten.

Finanziert wurde die Anlage über Darlehensverträge, die die Studenten mit dem Solarstromanbieter abschlossen. Mindestbeitrag: 250 Euro. Insgesamt kamen so 100 400 Euro zusammen. Über einen Zeitraum von 20 Jahren werden jährlich Zinsen von drei bis fünf Prozent ausgezahlt – je nach Sonnenschein.

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