Holocaust : Geschichte ohne Zeitzeugen

Pädagogen entwickeln neue Konzepte, wie die NS-Vergangenheit künftig an Schulen unterrichtet werden kann.

Elke Kimmel
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Wie Jugendliche mit dem Holocaust umgehen, zeigt der Film "Am Ende kommen Touristen" (hier eine Szene). -Foto: promo

Die Szene bleibt haften: Wieso denn die Nummer auf seinem Unterarm so verblasst sei, fragt einer der Auszubildenden im Film „Am Ende kommen Touristen“ den Auschwitz-Überlebenden. Er habe es versäumt, die Zahl aufzufrischen, sagt der alte Herr. Obwohl die Szene ein wenig plakativ geraten ist – mangelndes Einfühlungsvermögen von Jugendlichen könnte zukünftig noch realer werden, dann nämlich, wenn die letzten Überlebenden gestorben sind. Was soll an ihre Stelle treten?

„Wir fördern Konzepte und Methoden, um diesen Verlust auszugleichen“, sagt Franka Kühn von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ). Immerhin hat bislang alleine ihre Stiftung in den vergangenen drei Jahren über 2500 Zeitzeugengespräche pro Jahr an deutschen Schulen unterstützt.

In Schwerin gehört Musik zum Konzept: Gemeinsam mit Studierenden erforschten Schüler zweier Gymnasien die Geschichte von im Nationalsozialismus verfolgten Komponisten. Sie fanden Schellackplatten, Fotos und Tagebuchaufzeichnungen beispielsweise des deutsch-jüdischen Künstlers Izzy Fuhrmann. Unterstützt von dessen in den USA lebender Tochter, führten sie einzelne Werke auf und organisierten eine Ausstellung über Fuhrmann. „Die Schüler fanden über die Kompositionen einen einzigartigen Zugang zum Schicksal des Künstlers“, sagt Franka Kühn.

Ein anderer Zugang läuft darüber, Parallelen zum Leben der Jugendlichen aufzuzeigen. „Gerade wenn diese aus Elternhäusern mit Migrationshintergrund stammen, ist dies eine sinnvolle Annäherung, da anders als bei Schülern mit deutschem Hintergrund der Bezug zur NS-Geschichte meist völlig fehlt“, sagt Kühn. Lebensgeschichten, die von Diskriminierung, Gewalt oder Verfolgung geprägt sind, ermöglichen vielen Jugendlichen aus diesem Umfeld eine Annäherung. „Es geht darum“, sagt Kühn, „überhaupt eine Bereitschaft dafür zu schaffen, die Geschichte der anderen anzuhören – und dazu müssen Parallelerfahrungen sichtbar gemacht werden.“ Nur aus solchen Anfängen könne Empathie mit den Opfern von damals entstehen.

Neben der Vermittlung von Wissen über die NS-Geschichte ist es entscheidend, dass der Antisemitismus als aktuelles Phänomen verständlich gemacht wird. Damit beschäftigt sich am Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) der Technischen Universität Berlin Isabel Enzenbach. Häufig stöhnten die Schüler schon auf, wenn das Thema nur erwähnt werde. Die Ursachen sieht Enzenbach darin, dass jüdische Geschichte und Antisemitismus viel zu ausschließlich auf den Nationalsozialismus begrenzt würden, Gegenwärtiges dagegen nicht vorkomme. „Deshalb sind aktuelle Bezüge und neue Lehrmaterialien so wichtig“, sagt sie.

Eine Geschichte aus dem Heft „Vorurteile. You 2“, das vom ZfA entwickelt wurde, berichtet von einem jüdischen Lebensmittelhändler in Berlin-Tegel. Von dem Moment an, in dem er sich offen als Jude zu erkennen gab, wurde er massiv bedroht und beschimpft, selbst bis dahin treue Kunden machten bald einen Bogen um ihn. Seine geschäftliche Existenz war ruiniert, und der Mann wanderte 2003 mit 61 Jahren ins israelische Haifa aus.

Zwölf Jugendliche mit verschiedenen nationalen und religiösen Hintergründen greifen im Heft den „Fall“ auf. Dabei fallen auch Sätze wie der, dass der Mann hätte wissen müssen, welche Folgen sein Bekenntnis haben würde. Wichtig ist aber, dass sie mit anderen Stellungnahmen kontrastiert werden und so eine Diskussion angeregt wird. „Reale Geschichten wie diese zeigen den Schülern die Aktualität von Antisemitismus auf. Und fordern sie auf, eigene Positionen kritisch zu hinterfragen“, sagt Enzenbach. Bewusst greifen die neuen Unterrichtsmaterialien Erfahrungen der Jugendlichen auf. Auf welche Reaktionen trifft jemand, der Achmet oder Rahel heißt? Wer verschweigt schon mal, dass er in Neukölln wohnt, weil er weiß, dass damit bestimmte Meinungen verbunden sind? Begleitend werden grundsätzliche Informationen zur Entstehung von Vorurteilen vermittelt. Die Jugendlichen sind aufgefordert, zu skizzieren, was ihre Identität ausmacht.

Aber Diskriminierung meint nicht nur Juden oder „Zigeuner“: Anknüpfend an die Beliebtheit des Wortes „schwul“ als Beleidigung, diskutiert das Heft auch Vorurteile gegenüber Homosexuellen. Hier wird insbesondere mit der angeblichen Erkennbarkeit von Schwulen und Lesben gearbeitet: An welchen Merkmalen glauben die Schüler die sexuelle Orientierung anderer erkennen zu können?

Grundsätzlich sind die neuen Materialien für verschiedene Unterrichtsfächer und für den Einsatz an allen Schulformen gedacht. Hohe Anforderungen – und dennoch sind die Ergebnisse aus der Testphase positiv. „Den Schülern haben sowohl die Fragestellungen als auch die Aufmachung der Hefte gefallen“, sagt Enzenbach. Außerdem bestätigte die Umfrage unter den Schülern den Ansatz, verschiedene Zielgruppen von Diskriminierung auszuwählen: Auch die Jugendlichen finden – je nach Lebenssituation – unterschiedliche Themen interessant und finden diese im Heft wieder. Als besonderen Erfolg wertet die Wissenschaftlerin, dass sich Hauptschüler und Gymnasiasten gleichermaßen angesprochen fühlten. Spätestens im nächsten Jahr sollen die Hefte bundesweit zur Verfügung stehen. 

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