Holocaust und Öffentlichkeit : Der unbekannte Widerstand

15.02.2011 15:47 UhrVon Thomas Lackmann
Vor Gericht. Eichmann bei seiner Vernehmung in Jerusalem. In dem Prozess gegen ihn sagten erstmals viele Opfer aus. Foto: dpa
Vor Gericht. Eichmann bei seiner Vernehmung in Jerusalem. In dem Prozess gegen ihn sagten erstmals viele Opfer aus. - Foto: dpa

Die Behauptung, "man" habe nichts gewusst, gehört zu den Entlastungskonstruktionen der Nachkriegsdeutschen. Forscher diskutieren in Berlin, was die Deutschen vom Holocaust schon während der Nazizeit wussten.

Wussten Sie, dass in den 1930er Jahren ein 26-jähriger SA-Mann verhaftet wurde, weil er im Wartesaal des Bahnhof Zoo verkündete, Juden seien Volksgenossen? Und dass viele deutsche Juden damals in der Kneipe oder bei der Polizei gegen ihre Diskriminierung protestierten? War Ihnen bekannt, dass der Ingenieur Karl Dürkefälden aus Celle, Jahrgang 1902, über Zufallsgespräche sehr früh von Erschießungen und Vergasung der Juden „im Osten“ erfahren hat? Und dass Hitler selbst zwölf Mal, verbreitet durch alle deutschen Medien, die Vernichtung der europäischen Juden angekündigt hat?

Die Behauptung, „man“ habe nichts gewusst, „man“ habe nichts tun können, die Juden selbst hätten alles passiv hingenommen, gehört zu den Entlastungskonstruktionen der Nachkriegsdeutschen.

Die Gegenposition der Nachgeborenen unterstellt mittlerweile, jeder hätte erkennen können, was geschah. Wie bekannt das Staatsgeheimnis des „Dritten Reiches“, die „Endlösung“, war, wird zur historischen Glaubensfrage bei der Erforschung des „Tätervolkes“.

„Holocaust und Öffentlichkeit“ war das zentrale Thema des Historikers David Bankier. So hieß jetzt auch ein Symposium in Berlin zur Erinnerung an den 2010 verstorbenen Wissenschaftler der Gedenkstätte Yad Vashem, das von der Stiftung Topographie des Terrors (TdT) veranstaltet wurde; gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden (IGDJ) und den Geschichtswissenschaftlern der Humboldt-Universität (HU). Dokumente, die Andreas Nachama (TdT) und Beate Meyer (IGDJ) vorstellten, montieren den totalitären (Widerstands-)Alltag zum Puzzle. Nachama referiert aus geheimen Berichten des Sicherheitsdienstes, der in den „politischen Kirchen“ einen Hauptgegner ausmacht, über die „ganz uneinheitliche“ Lage der zwischen Bekennender Kirche und regimetreuen deutschen Christen zerrissenen evangelischen Konfession. Meyer skizziert den Autonomietraum jüdischer Repräsentanten, die in Kooperation mit NS-Behörden für ihre Gemeinschaft das Schlimmste zu lindern suchten: Schließlich „wachten sie auf, änderten aber ihre Strategie nicht“.

Befragt werden können Akteure von damals kaum mehr. Doch Stefanie Schüler-Springorum (IGDJ) zeigte, dass sie dem Historiker-Schwarzbrot der Dokumente eher traut als der heute bevorzugten Fixierung auf oral history. Juristische Zeugenschaft der Opfer habe für die Holocaust-Erforschung in den frühen NS-Prozessen keine Rolle gespielt. Die Wende habe da erst der Eichmann-Prozess (1961) gebracht. Eine weitere Tradition von Zeugenschaft bestehe seit den mittelalterlichen und den zaristischen Pogromen in jenen Notizen, die als Gegengeschichtsschreibung Überlebender festgehalten wurden. Hieran knüpften ab 1941 Berichte jener Flüchtlinge an, die nach Palästina entkommen waren.

Bei dem Video-Archiv der 4400 von der Yale-Universität und der 52 000 von Spielbergs Shoah Foundation angelegten Zeugnisse Überlebender stellt sich laut Schüler-Springorum allerdings die Frage, was mit den Bergen dieses verschlagworteten, teils online gestellten Materials passieren solle. Man dürfe bestimmte Momente erzählbarer Erinnerung nicht eins zu eins als Motiv-Steinbruch benutzen, oder sich die kameratauglichsten rauspicken. Man müsse die Unbezähmbarkeit des Stoffes anerkennen, dürfe nicht sprachlose, stotternde, schwierige Fälle per Highlight-Auswahl negieren. Gern werde emotionalisierend vom Wie berichtet, für das Warum fehlen starke Bilder. Beide Perspektiven sollten aber zusammengeführt werden. Denn trotz aller Online-Optionen nehme unter Jugendlichen das Wissen zum Holocaust ab.

Dass jedoch auch jene Generation, die sich auf diesem Feld informiert fühlt, besser verstehen könnte, wie sich unter totalitärem Druck Wissen und Handeln zueinander verhalten, beweist Wolf Gruner (University of Southern California). Seine Recherche „Öffentlicher Protest gegen die Judenverfolgung“ weist keinen breiten Widerstand durch „kleine Leute“ nach, legt aber offen: „Es gab mehr als bisher gedacht.“ Gruner bezieht sich auf Personen, die in der Folge verhaftet wurden, und folgert, es müsse mehr gegeben haben: „Denn nicht jeder wurde denunziert.“ Michael Wildt (HU) wiederum sagte, auch für Gleichgültigkeit müsse man sich eben: entscheiden. Karl Dürkefälden, der unpolitische Ingenieur aus Celle, habe dagegen alles notiert, bei seinen Zufallsinformanten immer noch nachgefragt und nachgehakt.

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