Homosexualität im Biedermeier : Es gab mehrfach turbulente Affären

„Stürbe sie, so spräng ich jetzt in den Rhein“ - Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens lebten in einer Liebesbeziehung miteinander – das Etikett „homosexuell“ gab es dafür noch nicht.

Joey Horsley

Die eine verkehrte im Hause Goethe, die andere führte im Rheinland einen literarischen Salon. Beide bewunderten Annette von Droste-Hülshoff. Die eine war unglücklich verheiratet, die andere unglücklich verliebt – in Ottilie von Goethe. Intelligent, gebildet, eigenwillig, standen sie in Kontakt mit intellektuellen Größen der Zeit, förderten literarische Talente, widmeten sich archäologischen Forschungen. Wären sie Männer gewesen, wären sie „Dichter und Denker“ geworden. So blieben Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens Salonièren, Freundinnen, Vermittlerinnen. Und Wegbereiterinnen einer kommenden Zeit.

Weibliche Intellektuelle des frühen 19. Jahrhunderts wie Karoline von Günderode, Rahel Varnhagen, Caroline Schelling und Dorothea Schlegel sind inzwischen wohl erforscht. Sie waren jedoch nicht die einzigen. Angela Steidele hat nun einen fesselnden, gründlich recherchierten Bericht über die intime Freundschaft zwischen Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens Schaaffhausen geschrieben, zwei brillanten, aber wenig bekannten Deutschen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und ihre bisweilen turbulenten Verstrickungen mit Intellektuellen und Künstlerinnen ihrer Zeit: der Dichterin und Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff, Goethes Schwiegertochter Ottilie von Goethe, der schottischen Schriftstellerin und Feministin Anna Jameson sowie der italienischen Demokratin und Mazzini-Anhängerin Laurina Spinola.

Das Leben der Frauen im Bildungsbürgertum

Dabei erfahren wir viel über die Lebensbedingungen von Frauen des Bildungsbürgertums der Zeit sowie über die Art ihrer intimen Beziehungen vor dem Aufkommen der neuen polarisierenden und stigmatisierenden Begriffe „Homo-“ und „Heterosexualität“. Zunächst hauptsächlich wegen ihrer intellektuellen und künstlerischen Begabungen voneinander angetan, unterstützten die Frauen sich gegenseitig inmitten einer patriarchalen Gesellschaft, deren legale und gesellschaftliche Zwänge ihre Freiheit und Möglichkeiten rigoros einschränkten.

Steidele korrigiert das zuvor verzerrte Bild der Schriftstellerin, Scherenschnittkünstlerin und literarischen Agentin Adele Schopenhauer (1797-1849), weniger bekannte einzige Schwester des frauenfeindlichen Philosophen und Tochter der Bestsellerautorin Johanna Schopenhauer. Im Kontext ihrer Beziehungen zu Frauen, besonders zu Sibylle Mertens, erscheint Adele Schopenhauer als Frau von tiefem Gefühl, hoher Integrität und intellektueller und künstlerischer Begabung, das ganze Gegenteil des herkömmlichen Bildes von ihr als einsame und frustrierte alte Jungfer. Schopenhauer war in Lebens- und Literaturdingen bei ihrem „Adoptivvater“ Goethe in die Lehre gegangen und besaß ein sicheres Gespür für literarische und ästhetische Qualität. In ihren Briefen erweist sie sich als „Psychologin in schonungsloser Selbstanalyse“. Die Begabung der großen Dichterin Droste-Hülshoff erkannte sie früh.

Adele war seit ihrer Jugend heftig verliebt in ihre Freundin Ottilie von Pogwisch (später von Goethe) und musste verzweifelt erkennen, dass ihre Gefühle leidenschaftlicher und ausschließlicher waren als Ottilies Zuneigung zu ihr. Spätere Verbindungen mit Männern ging sie aus Gründen praktischer Notwendigkeit ein. Wie die meisten Frauen ihrer Zeit sah sie in der Ehe die einzige Möglichkeit des Überlebens. Mit der Zeit begann sie zu schreiben und errang durch Veröffentlichung ihrer fiktiven Prosa, Gedichte, Briefe und Essays über Kunst eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit.

Sibylle Mertens (1797-1857), die ungewöhnlichere der beiden Frauen, dürfte heute noch weniger bekannt sein als ihre Lebenspartnerin, und das ebenso unverdientermaßen. Sie stammte aus einer wohlhabenden Unternehmerfamilie im Rheinland, bekam die beste musikalische und ästhetische Erziehung – und wurde mit 19 Jahren an einen passenden Nachfolger für das Unternehmen ihres Vaters verheiratet. Ihre Meinung wurde weder eingeholt noch berücksichtigt bei der Verkupplung mit dem fast 16 Jahre älteren Mann, der keine ihrer Interessen teilte. Wie Louis Mertens war sie temperamentvoll und willensstark – die Droste nannte ihre Beziehung eine „wahre Höllenehe“.

Sybille, Mutter von sechs Kindern, führte eine "Höllenehe"

Obwohl sie bis zu ihrem 31. Lebensjahr sechs Kinder gebar, ließ sich Sibylle durch mütterliche oder eheliche Pflichten nicht von ihren intellektuellen und gesellschaftlichen Passionen ablenken. Die Architektur und Kunstwerke der römischen Kolonialvergangenheit von Köln und seiner Umgebung faszinierten sie; ihre Sammlungen und ihr Fachwissen, besonders auf dem Gebiet antiker Münzen und Gemmen, waren bald weithin berühmt. Im Musik- und Kulturbetrieb der Städte Köln und Bonn spielte sie als Mäzenin und Mitgestalterin eine führende Rolle; in ihrem Salon traf sich die künstlerische und intellektuelle Elite, von dem Shakespeare-Übersetzer und Sanskritforscher A. W. Schlegel über Künstler und Sammler wie Wilhelm Schadow und Sulpice Boisserée bis hin zu Komponisten wie Johann Nepomuk Hummel und Sängerinnen wie Angelica Catalani.

Zu den Lieblingsgästen der charismatischen Sibylle gehörte Annette von Droste-Hülshoff. Ein Beispiel für die Kostbarkeiten, die Steidele ausgegraben hat, ist ihre Beschreibung, wie die beiden kurzsichtigen Frauen in gleicher Weise gegen den Zwang aufbegehrten, in der Öffentlichkeit glamourös aufzutreten, das heißt ohne Brille: „Nichts war (Sibylle) lästiger, ,als das Gewirre eines überfüllten Salons, wenn ich keine Brille auf meine lange Nase setzen darf’. Die Droste litt noch mehr unter solchen Konventionen, denn sie war mit ca. minus 13 Dioptrien ohne Lorgnette quasi blind.“

Sybilles Gatte erteilte Adele Hausverbot

Adele Schopenhauer traf Sibylle zum ersten Mal, als sie im Januar 1828 ihren Salon besuchte; beide Frauen waren sich sofort sympathisch. Sie verbrachten die Tage und Nächte miteinander, entfernt von Sibylles Kindern und dem Gatten, der von ihrer Freundschaft nicht begeistert war und Adele schließlich Hausverbot erteilte. Schon im Sommer desselben Jahres verglich Adele sich und Sibylle mit „ein Paar Leuten die sich spät finden und dann einander heirathen. Stürbe sie, so spräng ich jetzt in den Rhein, denn ich könnte nicht ohne sie bestehen.“

Details aus dem Alltags- und Liebesleben der Frauen lesen sich faszinierend wie eine „Klatschkolumne“ aus der Biedermeierzeit. Wenn eine der Freundinnen erkrankte, was nur allzu oft geschah, kam eine andere, wohnte bei ihr und pflegte sie, und konnte so zugleich mit der Freundin auch die intime Freundschaft stärken und beleben. Annette pflegte Sibylle, Sibylle Annette und Adele.

Mit der schottischen Erfolgsschriftstellerin und frauenliebenden Frühfeministin Anna Jameson ergab sich eine weitere Komplikation im erotisch-romantischen Freundinnenkreis. Jameson wiederholte Adele Schopenhauers Obsession für die unwiderstehliche, doch entschieden heterosexuelle Ottilie von Goethe. Und als Ottilie, obwohl seit vier Jahren verwitwet, schwanger wurde („Sie trug den berühmtesten Namen Deutschlands und saß tief in der Patsche“), schmiedeten Anna Jameson und Sibylle Mertens einen Plan, um sie vor dem Skandal zu bewahren: Das Kind sollte heimlich in der relativen Anonymität von Wien zur Welt kommen, mit Anna als Hilfe vor Ort und finanzieller Unterstützung von Sibylle.

Doch für eine Beziehung wie die von Sibylle und Adele gab es kein legal oder gesellschaftlich anerkanntes Arrangement; die Katholikin Sibylle konnte sich nicht scheiden lassen, wie Adele es sich wünschte. Krankheiten, Reisen und Sibylles Begeisterung für andere Frauen führten bei Adele zu Eifersucht und Verzweiflung und schließlich zu einer siebenjährigen Trennung. Aber nachdem Adeles Mutter und Sibylles Gatte verstorben waren, fanden die Liebenden sich wieder für die wahrscheinlich glücklichsten sieben Jahre ihres Lebens, bis Adele 1849 an ihrer schrecklichen Krebskrankheit starb.

Sybilles Kinder löschten ihre Lebensleistung aus

Sibylles Kinder (vor allem die Schwiegersöhne) rächten sich an ihr für ihren unabhängigen Lebenswandel und ihre „exzentrischen Freundschaften“. In endlosen Prozessen machten sie ihr ihr Erbe streitig. Nach ihrem Tod versteigerten sie ihre wertvollen Sammlungen in alle Winde, wodurch sie die Erinnerung an Sibylle Mertens’ einzigartige Lebensleistung als Gelehrte und Archäologin praktisch auslöschten.

Ihre Briefe und Tagebücher belegen, dass Adele und Sibylle intensiv über ihre Liebe zu Frauen nachdachten; beide waren sich bewusst, dass ihre Gefühle außerhalb der Norm lagen. „Ich kann über all meine Empfindungen in dieser Beziehung gegen Niemanden sprechen; denn wer würde mich begreifen? Ist es mir selbst doch mitunter wie ein Räthsel, zu dem meinem Verstande jeder Schlüssel fehlet, und dessen Lösung nur mein Herz denkt“, schreibt Sibylle in ihr Tagebuch.

Die Moderne kündigte sich unter anderem darin an, dass Frauen, die „androgyne“ oder „maskuline“ Eigenschaften zu haben schienen, mit George Sand in Verbindung gebracht, also als Typus erfasst wurden. Nicht nur Sibylle Mertens mit ihrer kraftvollen Persönlichkeit und ihrem unkonventionellen Auftreten wurde mit Sand assoziiert, sondern auch die französische Bildhauerin Félicie de Fauveau, die Männerkleidung trug und für ihre „Emanzipationsansichten“ berüchtigt war.

Die unschuldige Ära der gesellschaftlich akzeptierten „romantischen Freundschaften“ zwischen Frauen bekam immer mehr Risse. Angela Steidele hat einen wichtigen Beitrag zur weiblichen Sozialgeschichte geleistet.

Aus dem Englischen von Luise F. Pusch. Die Rezensentin lehrte von 1968 bis 2002 Germanistik an der Universität von Massachusetts in Boston. - Das Buch „Geschichte einer Liebe: Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens“ von Angela Steidele (2010) ist im Insel Verlag erschienen und kostet 24,80 Euro.

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