Hormone im Hirn : Die Angst kommt mit der Pubertät

Krankhafte Angsstörungen entwickeln sich besonders häufig in der Pubertät. Forscher haben jetzt herausgefunden, warum.

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Angstzustände entwickeln sich oftmals in der Pubertät, weil in dieser Zeit die Hirnregionen für bewusstes Denken und Gefühlskontrolle, der Präfrontale Kortex und das Limbische System, besser oder schlechter miteinander verknüpft werden - abhängig von bestimmten Genvarianten.
Angstzustände entwickeln sich oftmals in der Pubertät, weil in dieser Zeit die Hirnregionen für bewusstes Denken und...Foto: ALLEN INSTITUTE FOR BRAIN SCIENCE

Wenn Teenager in die Pubertät kommen, dann ändern die Hormonschübe nicht nur Äußerlichkeiten wie Haarwuchs, Körperform und Pickelfrequenz. Auch im Gehirn werden Nervenzentren neu verschaltet - ein massiver Umbau, den Eltern im günstigsten Fall nur durch die typischen Verhaltensänderungen bemerken. Doch in dieser Lebensphase entwickeln sich auch häufiger als sonst krankhafte Angststörungen. Ein Forscherteam um die Psychologin Dylan Gee hat jetzt einen Grund dafür entdeckt: Offenbar bestimmt eine Variante in einem Gen, das auf den pubertären Hormonschub reagiert, wie das Gehirn von Teenagern neu verschaltet wird und damit wie sehr sie daher zu Angstzuständen neigen.

Die Mutation, die vor der Angst schützt

Schon länger ist Neurologen bekannt, dass Erwachsene seltener unter Angstzuständen leiden, wenn sie eine bestimmte Variante im FAAH-Gen tragen, die C385A-Mutation. Außerdem ist das Gehirn dieser Menschen, etwa 20 Prozent der Bevölkerung, etwas anders verschaltet. Der Präfrontale Kortex (der Frontallappen der Großhirnrinde), der bewusstes, rationales Denken ermöglicht, ist stärker mit dem Limbischen System verknüpft, das Gefühle reguliert. Vermutlich können solche Menschen ihre Gefühle besser steuern. Um herauszufinden, wie sich diese Verschaltung entwickelt, untersuchte Gees Team rund 1000 Testpersonen im Alter von drei bis 21 Jahren, indem sie psychologische Tests durchführten, ihr Gehirn im Magnetresonanztomographen (MRT) durchleuchteten und auch ihre FAAH-Gene testeten.

Bei Kindern konnten die Forscher keinen Zusammenhang zwischen der C385A-Genvariante, Hirnveränderungen und Angstzuständen feststellen. Erst bei Teenagern ab 12 Jahren konnten sie die Schutzwirkung der C385A-Genvariante gegen Ängste und die damit einhergehenden besseren Verschaltungen zwischen Gefühls- und Bewusstseinszentren im Gehirn feststellen. Die Forscher führen das darauf zurück, dass das FAAH-Gen erst in der Pubertät eine besondere Bedeutung hat.

Es produziert ein Enzym, das in die Regulierung von Appetit, Schmerz und anderen Gefühlszuständen involviert ist, indem es die Reaktion der Nervenzellen auf körpereigene Hormone reguliert. Diese Endocannabinoide werden mit Beginn der Pubertät vermehrt ausgeschüttet und erreichen erst mit dem Erwachsenwerden wieder normale Level. Bei Menschen mit der C385A-Variante des FAAH-Gens ist das FAAH-Enzym, das eines dieser Hormone abbaut, weniger aktiv. Letztendlich führt das zu einer stärkeren Vernetzung von Hirnregionen, die Gefühle kontrollieren, mit solchen, die bewusstes Denken ermöglichen. Das konnte Gee (derzeit an der Yale University) nicht nur bei den Testpersonen per MRT, sondern auch bei Mäusen beobachten, in deren Erbgut sie die menschliche Variante C385A des FAAH-Gens eingestellt hatten.

Gentests, die das Risiko für Angstzustände abschätzen, wären verfrüht

Gentests, die Psychiatern die FAAH-Genvariante ihres Patienten verraten, hält Jehannine Austin von der Universität British Columbia bei diesem Stand der Forschung aber noch nicht für hilfreich. Die C385A-Variante sei nur eine von sicher sehr vielen Genmutationen, die die Anfälligkeit für Angstzustände beeinflusst, sagte sie in einem Interview. Dennoch könnten die Forschungsergebnisse, die im Fachblatt "PNAS" veröffentlicht sind, helfen, neue Wirkstoffe zu entwickeln, um Angststörungen besser behandeln zu können. Allerdings ist die Entwicklung solcher FAAH-Hemmstoffe derzeit gestoppt, seit in Frankreich Probanden infolge klinischer Tests eines neuen FAAH-Inhibitors schwer verletzt bzw. in einem Fall sogar gestorben sind.

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