HPV-Impfung : Rechnung mit Unbekannten

Eigentlich soll das Faltblatt bei der Entscheidung helfen. Doch offenbar führt er zu weiterer Verwirrung: der Flyer zur neuen Impfung gegen HPV. Er spielt das Krebsrisiko herunter, sagt ein Frauenarzt.

Adelheid Müller-Lissner

Seit wenigen Tagen wird der Flyer in Schulen, Gesundheitsämtern sowie in Frauen- und Mädchenprojekten der Stadt verteilt. Gedacht ist er für Eltern und junge Mädchen, die sich fragen, ob sie die von den Krankenkassen gezahlte Impfung gegen Humane Papillomaviren der Typen 16 und 18 in Anspruch nehmen sollen. Sie sollte möglichst vor dem ersten Geschlechtsverkehr erfolgen und wird allen Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren angeboten.

Zehn Organisationen, darunter die Berliner Ärztekammer, zwei Senatsverwaltungen, die Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie in Berlin, der Landesverband des Berufsverbands der Frauenärzte und pro familia, zeichnen für den Flyer verantwortlich, der in 70 000 Exemplaren und drei Sprachen gedruckt wurde. Wer sich an die heftigen Diskussionen der letzten Monate um die Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission erinnert, kann sich vorstellen, dass der Flyer eine schwere Geburt war.

Doch kaum ist das Informationsmaterial erschienen, das der Versachlichung der Diskussion und der gelassenen Entscheidungsfindung in den Familien nützen soll, da regt sich Widerspruch. Achim Schneider, Gynäkologe und Chefarzt an der Charité, moniert, die Einschätzung des potenziellen Nutzens der Impfung sei fehlerhaft: In Wirklichkeit sei der Nutzen der Impfung fünfmal so groß wie dargestellt.

Einigkeit besteht in der Schätzung, dass sich 80 von 100 sexuell aktiven Frauen im Verlauf ihres Lebens mit einem der mehr als 100 verschiedenen Typen von HPV infizieren.

Bei jeder fünften Frau, die sich infiziert hat, schafft es das Immunsystem nicht, mit dem Erreger fertig zu werden. Hier beginnt der Streit: Den Verfassern des Flyers zufolge zeigen sich nur bei einem Prozent dieser dauerinfizierten Minderheit der Frauen Jahre später krankhafte Veränderungen am Gebärmutterhals.

„Tatsächlich bekommt aber eine von 100 infizierten Frauen Krebs“, sagt Schneider. Er stützt sich auf Früherkennungsuntersuchungen.

Gehe man davon aus, dass das Erkrankungsrisiko durch die Impfung gegen die HPV-Typen 16 und 18 um 70 bis 80 Prozent vermindert werde, dann bedeute das eine Verringerung von eins zu 100 auf etwa 0,25 zu 100, rechnet Schneider vor. Das würde heißen, dass sieben bis acht von 1000 Frauen durch die Impfung vor Krebs geschützt werden.

Schneider, zu dessen Schwerpunkten der Gebärmutterhalskrebs gehört, scheut sich nicht vor großen Worten: „Die Organisationen, die den Flyer herausgegeben haben, tragen die Verantwortung dafür, wenn sich Menschen aufgrund dieser falschen Zahl gegen die Impfung entscheiden.“

Dazu erklärten die Verfasser des Flyers gegenüber dem Tagesspiegel: „Der Flyer und die Berliner Erklärung weisen ausdrücklich darauf hin, dass eine Vielzahl von Studien existiert, deren Ergebnisse bisher keine absoluten Aussagen über die Impfung zulassen.“ Den unterstützenden Organisationen gehe es deshalb nicht darum, „eine Fachdiskussion um Prozent- und Promillewerte“ zu führen. „Die von Professor Schneider vorgetragenen Zusammenhänge um Risiken, Absolut- und Prozentzahlen machen die Problematik der Dateninterpretation auch unter Fachleuten deutlich“, heißt es weiter in der Erklärung.

Ziel der unterstützenden Organisationen sei es denn auch ausdrücklich nicht, von einer Impfung abzuraten. Vielmehr gehe es darum, Frauen zu kritischen Nachfragen und zum Gespräch mit ihren Ärzten aufzufordern – „also die Diskussion vom Schulhof und der Boulevardpresse weg in das Arztzimmer zu verlegen“.

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