HTW : Wissenschaft in der Werkhalle

Berlins Hochschule für Technik und Wirtschaft hat einen neuen Campus. In vierjähriger Bauzeit ist ein moderner Wissenschaftsstandort für 6000 Studenten und 200 Professoren entstanden.

Uwe Schlicht

Fachhochschulen sollen ganze Regionen fördern. Sie bilden den Nachwuchs für kleine und mittelständische Unternehmen aus. Sie orientieren sich an der Praxis und sind Motoren für die Ansiedlung von Betrieben. Alle diese Wünsche scheinen mit dem neuen Campus Wilhelminenhof der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin-Oberschöneweide in Erfüllung zu gehen, der am gestrigen Donnerstag eingeweiht wurde.

Dort, wo die AEG um 1900 mit dem ersten Kabelwerk Berlins ein ganzes Stadtviertel geprägt hatte und wo nach der Wiedervereinigung das Zentrum der Elektroindustrie in Ost-Berlin zusammengebrochen war, ist in vierjähriger Bauzeit ein moderner Wissenschaftsstandort für 6000 Studenten und 200 Professoren entstanden – das zweite Standbein der HTW hat Hörsäle, Labore, eine große Bibliothek und eine Mensa. Unter Leitung des Architekten Gernot Nalbach wurden die alten Gebäude modernisiert. Hinter ockerfarbenen Backsteinfassaden verbergen sich die alten Werkhallen mit ihren hohen Raumdecken und großen Fenstern. 122 Millionen Euro hat sich Berlin diesen neuen Campus kosten lassen. Das ist die größte Investition im Hochschulbau nach dem Wissenschaftscampus Adlershof.

Nach der Wiedervereinigung war die damalige FHTW die größte Fachhochschule in den neuen Ländern. Aber auf fünf Standorte von Karlshorst bis Blankenburg, von Lichtenberg bis zur Warschauer Brücke verteilt, blieb sie ein Provisorium. Die Konzentration auf einen Standort war von Anfang an das Wunschziel, das aber jahrelang nahezu utopisch erschien. Der Ausbau von Adlershof zu einem Wissenschafts- und Technologiepark hatte Vorrang.

Jahrelang war im Abgeordnetenhaus über die Finanzierung und den neuen Standort gestritten worden. Oberschöneweide sollte nach der Wiedervereinigung ursprünglich rein wirtschaftlich genutzt werden. EU-Gelder standen zur Verfügung, um dort Gewerbe anzusiedeln. Bei einer Umwidmung auf die Hochschulnutzung drohten diese Gelder dem Land Berlin verloren zu gehen. Als auch noch die koreanische Firma Samsung als eines der wenigen Unternehmen in Oberschöneweide die Produktion aufgab, blieb als letzte Hoffnung der Ausbau zum Hochschulstandort. Oberschöneweide schien lange Zeit von der positiven Entwicklung abgeschnitten zu sein, als nach 1989 Tausende von Arbeitsplätzen in der Elektroindustrie in Ost-Berlin verloren gegangen waren. Der Bezirk, die Stadt Berlin, Bürgerinitiativen und die Fachhochschulleitung hoffen jetzt auf eine Wiederbelebung von Schöneweide. Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner, Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer und die Bezirksbürgermeisterin Gabriele Schöttler äußerten entsprechend hohe Erwartungen.

Netzwerke mit kleinen und mittleren Unternehmen in einem sogenannten Industriesalon gibt es bereits. Die Studenten werden in Schöneweide Wohnungen mieten, Restaurants und Kneipen besuchen und Geld in die Szene bringen. Der neue Standort der HTW ist verkehrsgünstig gelegen. Neben Oberschöneweide mit dem Schwerpunkt Ingenieurwissenschaften bleibt der Standort Karlshorst mit dem Schwerpunkt Wirtschaftswissenschaften erhalten.

Von dem Neubau verspricht sich Hochschulpräsident Michael Heine viel bessere Arbeitsbedingungen und eine günstige Ausgangsposition für den künftigen Wettbewerb um die Studenten. Insgesamt hat die angesehene Hochschule zurzeit 9495 Studierende.

Am Standort Oberschöneweide wurde Industriegeschichte geschrieben. Berlin war gegen Ende des 19. Jahrhunderts zum Zentrum der deutschen Elektroindustrie aufgestiegen. Zunächst hatte Siemens das Feld beherrscht, bis mit Emil Rathenau ein Unternehmer auf den Plan trat, der die amerikanischen Edison-Patente auf die Glühbirne nach Deutschland transferierte und zur Produktion und Vermarktung im Jahr 1883 zunächst die „Deutsche Edison-Gesellschaft für angewandte Elektrizität“ gründete, aus der 1887 die „Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft“ (AEG) hervorging. Der Hunger nach Elektrizität war groß. Die Wohnungen, Behörden und Fabriken hatten die Glühbirne als neuen Beleuchtungskörper entdeckt, bald kam der Siegeszug der Elektromotoren hinzu: Die ersten Straßenbahnen lösten die Pferdebahnen ab. Alle diese technischen Revolutionen veränderten die Großstadt.

Die Industrie expandierte so gewaltig, dass sie an den Stadtrand Berlins verlagert werden musste. Siemens bekam im Norden Siemensstadt, die AEG ging nach Oberschöneweide und prägte damit ein ganzes Stadtviertel. Uwe Schlicht

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