Humboldt-Uni diskutiert über Plagiate : „Ein weißer Elefant namens Schavan“

Die Humboldt-Universität zu Berlin streitet über den Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten. In der Diskussion über neue Richtlinien klingt immer wieder der Fall der Ex-Bundesministerin Annette Schavan an.

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Die damalige Ministerin Schavan steht 2006 im Audimax der Humboldt-Universität.
Als jetzt an der Humboldt-Uni über die neuen Regeln gegen Fehlverhalten diskutiert wurde, stand "ein weißer Elefant namens Schavan...Foto: picture alliance/dpa

An der Humboldt-Universität wird heftig über den Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten diskutiert. In der Kritik steht der Entwurf für eine neue Satzung zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis, mit der die Universität auch auf eine Reihe prominenter Plagiatsfälle aus der jüngsten Zeit reagieren will. Bei der ersten Lesung des Entwurfs im Akademischen Senat der Universität monierten Kritiker jetzt unter anderem, dass Standards für korrektes wissenschaftliches Arbeiten abgeschwächt werden sollten.

Dem Entwurf zufolge liege Fehlverhalten nur dann vor, wenn „bewusst, d.h. vorsätzlich oder grob fahrlässig“ gehandelt wird, heißt es in einer Stellungnahme des Großbritannien-Zentrums der HU, die dem Tagesspiegel vorliegt. Wissenschaftliches Fehlverhalten könne aber auch schon bei einfacher Fahrlässigkeit vorliegen, betonen die Kritiker. Michael Seadle, der Vorsitzende der HU-Kommission zur Überprüfung von Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens, die den Entwurf vorgelegt hat, verteidigt die geplante Neuregelung. Es gebe einen „politischen Fall“, in dem jemand seinen Titel verloren hat, obwohl nicht bekannt war, ob es sich um einen bewussten Verstoß gegen damals bekannte Regeln gehandelt habe, sagt Seadle auf Anfrage.

In dem Satzungsentwurf heißt es weiter, in die Überprüfung möglichen Fehlverhaltens seien „auch die Kontextbedingungen einzubeziehen, unter denen das Fehlverhalten stattgefunden hat“. Als diese Punkte im Akademischen Senat diskutiert wurden, habe „ein weißer Elefant namens Annette Schavan“ im Saal gestanden, ist zu hören. Der ehemaligen Bundesforschungsministerin wurde im Februar dieses Jahres von der Uni Düsseldorf der Doktortitel entzogen. Die Uni sah es als erwiesen an, dass Schavan in ihrer Dissertation von 1980 plagiiert hat. Unter den Wissenschaftlern, die das Verfahren kritisierten und Schavan verteidigten, war auch HU-Präsident Jan-Hendrik Olbertz. Er forderte unter anderem Vergleiche mit anderen Arbeiten „aus der fraglichen Zeit“.

"Gerechtfertigt, wenn der Präsident in politischen Fällen mitstimmt"

Die Rolle des Präsidenten bei Untersuchungen wissenschaftlichen Fehlverhaltens solle nun gestärkt werden, kritisieren die Gegner des Entwurfs. Die Kompetenz, Fehlverhalten festzustellen, werde von der Kommission auf den Präsidenten verlagert. Seadle sagt, es sei „in politischen Fällen gerechtfertigt, dass die Leitung der Universität mitstimmen kann“. Die Kritiker befürchten dagegen, es könne den Präsidenten „unter erheblichen öffentlichen Druck setzen“, wenn er über Verdachtsfälle „wissenschaftspolitisch“ entscheiden solle.

Hinweisgeber sollen nicht mehr informiert werden

Generell wird in der Stellungnahme des Großbritannien-Zentrums kritisiert, dass der Satzungsentwurf hinter den jüngsten Empfehlungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zurückbleibe. Während die DFG etwa den Schutz von „Whistleblowern“ betone – wer auf Fehlverhalten hinweist, dürfe daraus keine beruflichen Nachteile erfahren – wolle die HU die Rechte von Hinweisgebern beschneiden. So sollten sie künftig nicht über das Ergebnis der Untersuchung informiert werden oder der Einstellung des Verfahrens widersprechen dürfen. Man wolle den Whistleblowern „nicht weiter Anlass geben, an die Öffentlichkeit zu gehen“, begründet Seadle dies. Kritisiert wird auch, dass die Satzung anonyme Hinweisgeber kategorisch ausschließen soll.

VroniPlag Wiki: Zwei Verdachtsfälle bei HU-Juristen

Unterdessen weisen die Plagiatsjäger des Internetforums „VroniPlag Wiki“ am Dienstag auf zwei juristische Dissertationen an der Humboldt-Universität hin. In beiden Doktorarbeiten seien Plagiate in erheblichem Umfang enthalten. In einer Dissertation von 2009, die von dem bekannten HU-Juristen Ulrich Battis betreut wurde, erkennt das Forum auf bislang 103 von insgesamt 229 Seiten Plagiatstext. Bei einer durch Felix Herzog (Uni Bremen) betreuten Arbeit von 2005 werden bislang 32 von 134 Seiten beanstandet.

Der Dekan der juristischen Fakultät der HU, Reinhard Singer, wurde am Montag von Debora Weber-Wulff, Professorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, die bei „VroniPlag Wiki“ mitarbeitet, informiert. Singer bestätigte am Dienstagabend auf Anfrage, dass er beide Betreuer der beanstandeten Doktorarbeiten daraufhin aufgefordert habe, die Plagiatsvorwürfe zu prüfen und Stellungnahmen abzugeben. Ulrich Battis habe bereits geantwortet. "Er hält die Vorwürfe für berechtigt und hat darum gebeten, den Promotionsausschuss und die Anzeigeerstatterin zu benachrichtigen", teilt Singer mit.

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