Humboldt-Universität : 25 Jahre Unaufgefordert: Mit Mut zur Meinung

Das Studentenmagazin der HU erschien 1989 als erste freie Zeitung im Osten. Bis heute kämpft die „UnAuf“ für Kommilitonen.

Wolf-Christian Ulrich,Niklas Maamar,Konstantin Sacher
Denken und Schreiben. Die Redaktion der UnAuf im November 1993. In dieser Zeit begann auch der Streit mit dem Studierendenparlament um die Unabhängigkeit.
Denken und Schreiben. Die Redaktion der UnAuf im November 1993. In dieser Zeit begann auch der Streit mit dem...Foto: Joachim Fisahn

Es ist ein ungewöhnlich warmer Novembertag 1989. Die Mauer fiel vor ein paar Tagen, Ost-Berlin ist noch Hauptstadt der DDR. Offiziell regiert die SED. Die Fassade der Universität ist schwarz vom Ruß der Kohle. Fernsehbilder zeigen Menschen auf der Mauer, doch in den Gefängnissen sitzen immer noch politisch Inhaftierte. Die DDR ist noch kein freies Land.

Seit Wochen gehen Bürger auf die Straße. Eine diffuse Angst steckt ihnen dabei in den Knochen, aber auch die beflügelnde Stimmung des Aufbruchs. Die meisten Studierenden lassen sich davon erst spät mitziehen. Erst Mitte Oktober 1989 löst das Versagen der Freien Deutschen Jugend (FDJ), studentischen Unmut ernst zu nehmen, Ärger aus.

Malte Sieber studiert zu der Zeit schon länger an der Humboldt-Universität. Er will mithelfen, den alten Strukturen neue, demokratischere entgegenzusetzen. Malte beteiligt sich an den Vorbereitungen zur Gründung eines unabhängigen Studentenrats, der die FDJ als Interessenvertretung ablösen soll. Doch den Rebellen fehlt die Chance, ihre Ziele öffentlich zu machen. So hängt Malte einen Zettel aus. „Gründung eines Presseorgans“ steht auf diesem Blatt, das Uwe Tigör, einer der Mitgründer, in diesem Oktober 1989 entdeckt. Beim ersten Treffen kristallisiert sich heraus, dass es eine Zeitung werden soll. Doch schnell stellen sich praktische Probleme. Ohne behördliche Genehmigung ist das Kopieren unmöglich. Studenten müssen sich anmelden und in ein Buch eintragen, um ihre Arbeiten im kleinen Computerzentrum der HU auf gelbem Kopierpapier zu vervielfältigen. Schon um richtiges Druckpapier zu bekommen, bedarf es einer staatlichen Lizenz. Und trotzdem gelingt es der Redaktion, den Druck der ersten Ausgabe zu organisieren.

Improvisieren gehört zu den Grundvoraussetzungen, um in der DDR zu überleben. Ein Kontakt zum West-Berliner David Pommerenke ist wertvoll, denn der war nicht nur häufig im Osten zu Besuch, sondern hatte auch beste Kontakte an die Technische Universität im Westen. In seinem blauen Opel Kadett Kombi ist ein kleines Fach eingeschweißt, in dem er die Druckvorlagen der Redaktion durch den Checkpoint Charlie schmuggelt. Viel Text, ein paar Zeichnungen. An der Straße des 17. Juni setzt sich schließlich die Druckmaschine in Gang. Sechs Seiten hat die erste Ausgabe. Ihr Titel: Noch Namenlos. „Unabhängige Zeitung von und für Studenten“ steht darunter. Es ist der 16. November 1989.

„Wir hatten ein bisschen Sorge um die Authentizität“, sagt Uwe Tigör. Die Zeitung soll aus der DDR kommen und nicht so aussehen, als sei sie im Westen entstanden. Also verwendet der Drucker der TU für die Zeitung Recyclingpapier. „Damit sie nicht so schnieke aussieht. Wenn man in der DDR aufgewachsen war, wusste man ja, wie DDR-Papier aussieht und das West-Berliner Papier sah zu gut aus.“

Mit vier Kurieren gelangt die erste Auflage verteilt auf verschiedene Grenzübergänge am 17. November 1989 zurück in die DDR, Unter den Linden läuft gerade die erste große Studentendemo. Die Erstausgabe wird den Redakteuren dort praktisch aus der Hand gerissen. So erscheint an diesem Tag die erste freie Zeitung der Wendezeit. Im Spätherbst 1989 nahm sich die Redaktion das Recht, das Monopol auf Öffentlichkeit zu brechen, das in der DDR ganz selbstverständlich dem Regime gehörte.

Nach außen wirkt die Universität zu der Zeit wie ein Käfig, das Hauptgebäude Unter den Linden ist hinter einem hohen Zaun versteckt. Wo heute Plakate zur Einführungsveranstaltung für Erstsemester einladen, weisen 1989 große Schilder auf die Ausweispflicht hin: „Bitte die Ausweise der Humboldt-Universität unaufgefordert vorzeigen!“ So wird der Name der neuen Zeitung geboren: „UnAufgefordert“ oder, liebevoll abgekürzt, UnAuf.

Anfangs finden sich noch viele Artikel über den politischen Wandel in der DDR. Doch die Redaktion merkt schnell, dass sich die Leser mehr für die Umstrukturierung an der Uni selbst interessieren. Bei der UnAufgefordert spielt sich die große Geschichte der Wende im Kleinen ab. Die Studierendenzeitung ist der Ort, an dem die Konflikte der Zeit diskutiert werden. Die Debatten um eine eigene Studentenvertretung – den Studentenrat – , über die Bedingungen in den Wohnheimen, den Wegfall der Stipendien oder die Abwicklung von Instituten und Professoren sorgen im zweiwöchentlichen Takt der Zeitung für genug Diskussionsstoff.

Öffentlichkeit zu schaffen, ist für die Gründer Ausdruck einer neuen politischen Grundhaltung. Später interessieren sich die Redaktionsmitglieder für die Abbildung studentischen Lebens, einige haben das Berufsziel Journalist vor Augen. „Interessante, nicht stromlinienförmige Menschen haben sich in der UnAuf getroffen“, sagt Juliane Kerber, die ab 1993 die Redaktion leitet. Das ist einerseits Garant für inhaltliche Vielfalt, für Kreativität und Handschrift, und andererseits ist es Grundlage für eine Reihe von Konflikten.

Die Abspaltung von der Studierendenvertretung gehört zu den entscheidenden Konflikten, die die Redaktion später ausfechten wird. Jahrelang wird die Zeitung als studentische Initiative aus Geldern der Studierendenschaft finanziert. Liegen die Interessen während der Gründung noch nah beieinander, verschiebt sich das Verhältnis in den nächsten Jahren immer mehr. Diskussionen um geschlechtergerechte Sprache, Finanzierungslücken und die Besetzung von Redaktionsposten zerstören nach und nach Vertrauen. Vor allem aber versteht sich die UnAufgefordert nie als Organ des Parlaments, legt stattdessen Wert auf politische Neutralität. Die Redaktion hat die Unabhängigkeit der Zeitung, die seit der ersten Ausgabe das Erscheinungsbild prägte, immer wieder eingefordert.

Im Herbst 2008 kommt es zum offenen Bruch. Am 19. Geburtstag der Zeitung beschließt das Studierendenparlament, der UnAuf das Geld zu streichen. In diesen Wochen zeigt sich, wie sehr die Arbeit in der UnAuf viele Studenten geprägt hat. Ehemalige und aktive Redakteure versammeln sich in einem gemeinnützigen Verein, der die UnAufgefordert seitdem herausgibt. Mit einer Satzung, die inhaltliche Unabhängigkeit auch in Zukunft garantiert. Das bedeutet auch einen harten Kampf um die Finanzierung der Zukunft. Die Redaktion geht damals in eine unsichere Zeit. Doch sie schreibt weiter.

Die UnAufgefordert ist längst erwachsen geworden, genau wie das vereinigte Deutschland, das vereinigte Berlin. Studenten, die heute in der UnAuf blättern, wissen nicht mehr, dass „einfach mal was kopieren“ an der Universität streng verboten war, als die Zeitung zum ersten Mal erschien. Sie wissen nicht, was 1989 der Kampf für ein freies Studentenparlament bedeutete. Sie können sich nicht vorstellen, dass die Gründung einer Studierendenzeitung ein Wendepunkt war.

Am Anfang stand die Freiheit des Denkens. Es folgte die Freiheit der Presse, des Drucks und des Verlags, die die Zeitung zu dem macht, was sie bis heute ist. Die Redaktion hat diese Freiheit immer wieder aufs Neue verteidigt: Gegen die Einflussnahme von außen auf redaktionelle Inhalte – etwa durch Werbekunden –, und vor allem gegen immer strengere Studienbedingungen, die keine Zeit mehr für ehrenamtliches Engagement lassen. Die Geschichte der UnAuf erzählt von Courage und von Feigheit. Die Feigheit der Mächtigen, andere Meinungen zuzulassen und der Courage derer, die sich darüber hinwegsetzen. Es ist die Geschichte einer Revolution im Kleinen.

- Folge der UnAufgefordert online:

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Der Text wurde im Rahmen einer Beilage zum Start des Wintersemester 2014/2015 publiziert, die in Kooperation mit der Humboldt-Universität erschienen ist.

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