Humboldt-Universität : Der Schatten der DDR

Bislang hat sich HU-Präsident Olbertz kaum zu seinen Erfahrungen in der ehemaligen DDR geäußert. In der Abschlussdiskussion zu einer Reihe über die DDR-Vergangenheit der Humbold-Universität hat er nun einen sehr persönlichen Beitrag gehalten.

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Jan-Hendrik Olbertz
Jan-Hendrik OlbertzFoto: dpa

Ein Semester lang hat sich die Humboldt-Universität in einer öffentlichen Reihe mit ihrer DDR-Vergangenheit beschäftigt. Die Abschlussdiskussion am vergangenen Dienstag stand für Kenner unter der Frage: Wird der neue Präsident Jan-Hendrik Olbertz die Gelegenheit nutzen, über seine eigenen Erfahrungen mit der DDR-Diktatur zu berichten und auch mit Selbstkritik nicht zu sparen? Olbertz hatte in seiner Dissertation in Halle unhaltbare und ideologisch gesättigte Aussagen zu Papier gebracht wie die, dass die Wissenschaftsfreiheit nur im Sozialismus gewährleistet sei und nicht im Kapitalismus.

In seiner Inaugurationsrede im Herbst war Olbertz mit keinem Wort auf diese Position in seiner Biografie eingegangen, obwohl er die Leitung einer Universität übernahm, an der Wilhelm von Humboldt die dauernde und vorurteilsfreie Suche nach Wahrheit als das Wesen der Wissenschaft definiert hatte. Am Dienstag erklärte Olbertz jetzt in einem sehr persönlich gehaltenen Diskussionsbeitrag, dass man in der DDR Kompromisse eingehen und sich dabei fragen musste, „ob man am Ende des Tages noch Frau und Kindern in die Augen sehen konnte“. Olbertz sprach von der Angst, auch in den ideologisch so belasteten Erziehungswissenschaften „am Ende nur noch von Parteiaufträgen gesteuert zu werden“.

In Hinblick auf diese Erfahrungen mit einer Diktatur formulierte Olbertz den Grundsatz: „Wir können uns die Universität nur als frei vorstellen, wenn der Staat, der sie trägt, auch frei ist.“ Eine Universität, „die der Wahrheit verpflichtet ist, kann ich mir nicht in einer Diktatur vorstellen.“ Vor diesem Hintergrund sei das Thema DDR auch heute noch für die Humboldt-Universität allgegenwärtig. „Dieses Thema wird uns noch eine ganze Weile beschäftigen, sonst wären wir geschichtslos“, formulierte Olbertz. Über persönliche Irrtümer in dieser Zeit sagte er aber kein Wort.

Hans-Joachim Meyer, der letze Wissenschaftsminister der DDR und spätere Staatsminister in Sachsen, bestätigte den von vielen Zeitzeugen geteilten Eindruck, dass andere Universitäten in der DDR nach der Wende schneller und überzeugender auf einen Neuanfang gesetzt hatten als die HU. Er nannte ausdrücklich die Universitäten Leipzig und Dresden, Halle, Jena, Greifswald und Rostock, die Wissenschaftler zu Rektoren gewählt hatten, die als Persönlichkeiten für die Erneuerung einstanden.

Die Humboldt-Universität dagegen, darauf machte die Journalistin Mechthild Küpper aufmerksam, habe sich alsbald als Opfer gesehen – und zwar in dem Augenblick, als ihr neuer Rektor, Heinrich Fink, wegen seiner Tätigkeit als IM für die Stasi von Wissenschaftssenator Manfred Erhardt entlassen wurde. Erhardt meldete sich als Zuhörer mit der Aussage zu Wort, dass die Exzellenz einer Universität den Vorrang haben müsse. Diese Maxime sei sowohl für die damalige Freie Universität eine Zumutung gewesen als auch für den HU-Rektor Heinrich Fink. Fink habe die HU zu einer ganz normalen Massenuniversität entwickeln wollen.

Einig waren sich die Erhardt und Meyer, dass die Mitte der 1990er Jahre einsetzende Sparpolitik den Neuaufbau der Unis im Osten behindert hat. Die massenhafte Streichung von Stellen habe die Chancen von Ostwissenschaftlern beeinträchtigt. Meyer wertete es bereits als Erfolg, dass nicht Schleswig-Holstein mit seiner geringen Hochschuldichte für Sachsen zum Maßstab für die Stellenausstattung genommen worden sei, sondern das an berühmten Universitäten reiche Baden-Württemberg.

Einen Trost konnte die Deutschlandexpertin vom University College in London, Mary Fulbrook, bieten: Weltweit hätten sowohl die FU als auch die HU mit Blick auf die wissenschaftliche Exzellenz einen guten Ruf. Wenn man an die Humboldt-Universität als Wissenschaftler oder Student gehe, erwarte man dort interessante Gespräche, gerade vor dem Hintergrund der Vergangenheit in zwei Diktaturen. Uwe Schlicht

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