Humboldt-Universität : „Eine Reihe von offenen Fragen“

Die renommierte Berliner Humboldt-Universität ist im Elitewettbewerb gescheitert, weil ihr Zukunftskonzept zu viel offen ließ. Das geht aus dem geheimen Gutachten des Wissenschaftsrats hervor, das dem Tagesspiegel vorliegt.

Anja Kühne

Weshalb ist die Humboldt-Universität (HU) im Exzellenzwettbewerb nicht zur Eliteuni gewählt worden? Die Gutachter halten die Idee der HU, ein integratives Institut für Lebenswissenschaften einzurichten, für überzeugend: Das geplante Institut, das die Medizin, die Natur- und Geisteswissenschaften zusammenführen soll, habe „das Potenzial, sich zu einer international herausragenden Einrichtung zu entwickeln“. Allerdings kritisieren die Experten: „In organisatorischer und konzeptioneller Hinsicht blieb jedoch eine Reihe von grundlegenden Fragen offen.“ Das geht aus dem nichtöffentlichen Bewertungsbericht zum Zukunftskonzept der HU hervor, der dem Tagesspiegel vorliegt. Das Papier stellt die Grundlage für die Entscheidung im Bewilligungsausschuss am 19. Oktober dar.

Zwei Drittel des 33-seitigen Berichts bieten eine Zusammenfassung der von der HU in ihrem Antrag dargestellten Stärken-und-Schwächen-Analyse – die als „größtenteils realistisch und ehrlich“ gewürdigt wird – sowie eine Übersicht über die geplanten Maßnahmen. Im Bewertungsteil loben die acht überwiegend im Ausland forschenden Gutachter zunächst den Status quo der HU: „Die Humboldt-Universität zu Berlin hat im vergangenen Jahrzehnt eine außerordentlich positive Entwicklung durchlaufen ... Sie gehört zu den besten deutschen Universitäten und hat das Potenzial, als Institution international konkurrenzfähig zu werden.“ Mit ihrer Nachwuchsförderung habe die HU in den vergangenen Jahren ein „vielversprechendes Forschungspotenzial“ aufgebaut. Auch das neue Mentoring- Programm für Frauen stelle einen positiven Ansatz dar, „allerdings betrifft es bislang nur eine sehr kleine Personenzahl“. Vor eine besondere Herausforderung werde die HU durch den anstehenden Generationswechsel gestellt.

Zum Zukunftskonzept „Humboldt ins 21. Jahrhundert übersetzen“ heißt es dann: „Der schriftliche Antrag wurde als relativ unfokussiert und wenig präzise bewertet. Erst im Laufe der Begehung konnte ein umfassenderer Einblick in die geplanten Maßnahmen gewonnen werden, auf dem die nachfolgende Bewertung fußt.“ Mit dem geplanten „Institute for Integrative Life Sciences (IILS)“ (siehe Kasten) würden „die Stärken unterschiedlicher Forschungseinrichtungen auf eine vielversprechende Weise kombiniert und ein neuartiges universitäres Organisationsmodell für Wissenschaft geschaffen“, heißt es. „Dieser Ansatz ist geeignet, traditionelle Fakultätsstrukturen in ein flexibleres Modell interdisziplinärer Forschung zu überführen.“

Die Bedingungen für die „erfolgreiche Etablierung des Instituts“ am Wissenschaftsstandort Berlin seien als „außerordentlich vielversprechend“ anzusehen. Das Institut könne dabei eine „wirkungsvolle Maßnahme zur Überwindung der Versäulung“ darstellen. „Darüber hinaus könnte es durch die zugrunde gelegte interdisziplinäre Bestimmung des Begriffs Lebenswissenschaften Strahlkraft auf das gesamte Forschungsfeld entfalten und dem Namen Humboldt damit neuen Glanz verleihen“, so die Gutachter.

„Eine Reihe von offenen Fragen“ sehen sie allerdings in „organisatorischer und konzeptioneller Hinsicht“: „So wird der Anspruch der Universität, das Institut innerhalb eines halben Jahres einzurichten, kaum zu realisieren sein.“ In der Projektlaufzeit (fünf Jahre) werde das Institut aber wohl „international sichtbare Arbeit leisten“. Allerdings liege noch kein detaillierter Finanzplan vor. Auch müsse geklärt werden, „wie sich die Forschergruppen der vier Forschungsfelder des IILS zusammensetzen sollen und wie die Kooperation der Gruppen untereinander stattfinden soll“. Weiterhin sei „die personelle Basis noch zu verbreitern“, um den Anspruch auf integrative Forschung tatsächlich erfolgreich umsetzen zu können. Die Gutachter bemängeln auch, „das zugrunde liegende Arbeitsmodell von Interdisziplinarität“ sei „noch nicht ausreichend ausgearbeitet“. Die Brücke von den Lebenswissenschaften zu den Naturwissenschaften sei „noch schmal und auf bereits bekannte Themen beschränkt (Chronobiologie), die zu den Geistes- und Sozialwissenschaften erst in Ansätzen sichtbar“. Die Gutachter fügen hinzu: Die „Beteiligung sehr leistungsstarker und motivierter Wissenschaftler rechtfertigt aber den erforderlichen Vertrauensvorschuss.“

Begrüßt werden die Pläne der HU, binnen der nächsten fünf Jahre aus Drittmitteln und Stiftungsgeldern ein weiteres integratives Forschungsinstitut aufzubauen. Auch dafür sei allerdings kein „detaillierter Entwicklungs- und Finanzierungsplan“ vorgelegt worden. Dabei erachten die Gutachter „mit Blick auf die Profilbildung der gesamten Universität und die interne Akzeptanz der Maßnahmen“ „die Einrichtung der weiteren geplanten integrativen Forschungsinstitute in absehbarer Zeit als außerordentlich wichtig“: „Anderenfalls könnte die Gefahr bestehen, dass sich das IILS als einziges Forschungsinstitut in eine weitgehend von der Universität losgelöste Institution entwickelt.“ Auch werde der Erfolg des Zukunftskonzepts „ganz wesentlich von seiner Offenheit und Dynamik abhängen“. Jedoch sei „ein Konzept zur systematischen Entwicklung neuer Forschungsfelder“ nicht vorgelegt worden.

Weitere von der HU vorgeschlagene Maßnahmen werden gelobt: das geplante Qualitätsmanagement und die Gründung eines Berlin Institute for Higher Education and Employability zur Verbesserung der Berufsfähigkeit von Studierenden. Letzteres stelle „grundsätzlich eine vielversprechende Einrichtung zur Steigerung der Qualität der Lehre dar“. Allerdings seien „die Angaben im schriftlichen Antrag und während der Begehung“ „wenig konkret“ gewesen.

Als „überzeugend“ beurteilen die Gutachter hingegen die Pläne der HU zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und zur Personalentwicklung, wie FastTrack- Optionen für hochbegabte Bachelorabsolventen, Lehrprofessuren, den Tenure Track für Juniorprofessoren oder befristete Forschungsprofessuren sowie den Aufbau einer strukturierten Graduiertenausbildung.

Ebenso positiv sehen die Gutachter die Pläne zur Internationalisierung wie Auslandsbüros und Aktivitäten zur Verbesserung der Studien- und Arbeitsbedingungen für ausländische Wissenschaftler. Auch die geplante Unterstützung begabter Nachwuchswissenschaftlerinnen entspreche „dem State of the Art“, schreiben die Gutachter. Die Pläne zur Frauenförderung dokumentierten „das glaubwürdige Interesse der Hochschule, die Anzahl von Frauen in universitären Führungspositionen deutlich zu steigern, zumal derzeit keine Frau im Präsidium oder unter den Dekanen vertreten ist“. Die Gutachter empfehlen, den Erfolg des geplanten Förderungsprogramms für Frauen „durch Monitoring und Evaluationen“ zu überprüfen.

Für „sinnvoll und notwendig“ halten die Gutachter auch die von der HU bereits begonnenen Reformen der Leitungsstrukturen. Die geplante Einrichtung zweier Fonds, eines Fonds für Risikoforschung und eines Fonds für Berufungen beim Präsidenten, stellte ein „wichtiges strategisches Instrumenatrium für das Präsidium dar“ und stärkten so die Leitung. „Unklar blieb die konkrete Aufgabe des Concilium decanale, das zusätzlich zu einem neu einzurichtenden Beirat, dem Kuratorium und dem Senat eine beratende Funktion für das Präsidium einnehmen soll“, kritisieren die Gutachter allerdings. Ferner solle sichergestellt werden, dass durch die Gleichstellung der Direktoren der integrativen Zentren mit den Dekanen „keine problematischen Doppelstrukturen entstehen und das Verhältnis zwischen Forschungszentren und Fakultäten klar strukturiert ist“.

Die Experten bilanzieren, die „Grundidee des Zukunftskonzepts“ sei „geeignet“, den „generellen Schwächen des deutschen Hochschulwesens“ „entgegenzuwirken“. Mit den geplanten Maßnahmen für ein „konsequentes Qualitätsmanagement“ und für „Leistungsorientierung“ sowie mit dem „gut durchdachten Konzept zur Förderung herausragender Wissenschaftler auf den verschiedenen Karrierestufen“ habe die HU „einen mutigen Plan zur Erneuerung der Universität vorgelegt“. „In organisatorischer und konzeptioneller Hinsicht sind indes einige Fragen offen geblieben“, wiederholen die Gutachter. Sie seien aber zuversichtlich, dass die HU diese Fragen klären und mit ihrem Konzept „eine starke Wirkung auf die gesamte Universität“ erzielen werde, so dass sie sich „im Förderzeitraum zu einer international konkurrenzfähigen Institution entwickeln kann“.

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