Humboldt-Universität : Identität und Würde

Nach der Wende als West-Professor an der Humboldt-Universität: Über die Gratwanderung, eine Hochschule der DDR zu erneuern

Erich Thies
HU
Exponierter Ort. Kam die HU mit ihren überheizten Räumen und ihrer primitiven Ausstattung den Westlern zunächst auch befremdlich...Foto: HU/Heike zappe

Die Humboldt habe ich das erste Mal im Wintersemester 1966/67 betreten; durch den Hintereingang, denn vorne saß eine Wache, die Weststudenten nicht einließ. Gottfried Stiehler hielt eine sich eng an marxistisch-leninistischen Interpretationsmustern orientierende Vorlesung über die „Phänomenologie des Geistes“ – einen Text, den ich aus Tübingen und Heidelberg über Schulz, Gadamer und Henrich kannte und den ich jetzt mit einem dritten, dem eigentlich wichtigsten Hegel-Ort verbunden sah. Jena lag zwar nicht inhaltlich, aber räumlich beiseite. Inhaltlich war Stiehler dogmatisch und deshalb eher langweilig. Als ich Professor Stiehler nach der Vorlesung mit Neugier und Fragen ansprach und er mich als TU-Studenten ausmachte, bog er unvermittelt ab und blieb für mich künftig unerreichbar. Damals war das für mich nicht zu verstehen.

Später habe ich dann verstanden. Nach der Wende rückten nämlich die neuen Länder und besonders die Humboldt in den Mittelpunkt meines beruflichen und politischen Interesses. Ich war Mitglied einer Arbeitsgemeinschaft des Wissenschaftsrates, die Empfehlungen zur Lehrerbildung in den neuen Ländern erarbeiten sollte, und übernahm vom Berliner Senat die Aufgabe, als Planungsbeauftragter die Erziehungswissenschaften der Humboldt neu aufzubauen.

Die Arbeitsgruppen des Wissenschaftsrates verfuhren grundsätzlich nach dem gleichen Muster: getrennte Gespräche mit Professoren, wissenschaftlichen Mitarbeitern, Studierenden und Hochschulleitung. Die Versuche der Professoren, ihre Leistungen und Absichten zu zeigen, waren geprägt von Hilflosigkeit und einem grundsätzlichen Gefühl der Unterlegenheit. Auch wenn die West-Vertreter der Arbeitsgruppe sich bemühten, fair zu sein und hinzuhören, überwog die nicht weiter geprüfte eigene Tradition, verbunden mit einer bis an Selbstherrlichkeit gehenden Gewissheit der verliehenen Macht und Überlegenheit; ich war davon auch nicht frei.

Vieles wirkte befremdlich, einfache bis primitive Ausstattung, unglaublich viel Personal, auch in der Verwaltung. Die Räume waren überheizt, und man konnte die Ossis von den Wessis in kurzer Zeit auch dadurch unterscheiden, dass die einen sich entblätterten, die anderen ihre Jacketts förmlich anbehielten. Ein Phänomen, das mich in diesen Jahren auch im Ostteil der Stadt und in Brandenburg berührte, die Zeit schien stehengeblieben, und vieles weckte Erinnerungen an die fünfziger und sechziger Jahre. Dieses Wiederaufleben hatte Konsequenzen für den politischen Umgang mit MfS-befangenen Professoren: Die von meiner Generation ausgemachten Fehler der Nachkriegszeit, das Schweigen der elterlichen Generation, das Verbleiben von Nationalsozialisten in ihren Ämtern – Adenauer brauchte Globke, Späth brauchte Kader für Jena –, das sollte sich nicht wiederholen!

Es waren noch etwa 100 Personen der alten Fakultät da, davon nur ganz wenige Professoren. Auch der Dekan verabschiedete sich schnell. In seinem Dienstzimmer lagen Diplomarbeiten, die als „geheim“ eingestuft waren und irgendwelche politischen Perspektiven pädagogischer Wissenschaft betrafen – alles weit außerhalb meines bisherigen Vorstellungsvermögens.

Viele waren extrem verunsichert und dementsprechend misstrauisch; ich bekam vorgehalten, meinen Mantel wie ein Eroberer über den Schultern zu tragen; er war einfach zu warm und zu eng. Trotzdem gelang es, ein gewisses Maß an Vertrauen zu wecken. Die erste Berufung auf eine C4-Professur der Fakultät war ein Humboldt-Professor, der sich auf seine alte Stelle beworben hatte. Der Akademische Senat applaudierte, Vorhaltungen kamen gleichwohl.

Meine Vorstellung war, entsetzlich, das heute aussprechen zu müssen: Die unter 40-Jährigen haben noch eine Chance, sich in das nun geltende Wissenschaftssystem über befristete wissenschaftliche Mitarbeiterstellen hineinzuarbeiten, die Älteren gehören – bis auf Ausnahmen – der Generation an, die den Preis für die Wiedervereinigung zu zahlen hat, mit ihrer beruflichen Existenz und meistens mehr. Letzteres stimmt, das Erstere nur zum Teil. Alle Mitarbeiter waren mit einer entsprechenden Umstellung ihrer Verträge einverstanden. Für viele waren sie wie der berühmte Strohhalm. Arbeitsgerichte wurden nicht angerufen.

Es sollte eine Erziehungswissenschaftliche Fakultät werden. So etwas wie eine „School of Education“, ohne dass dieser Name verwendet wurde. Sie sollte Lehrerbildung praxisorientiert verantworten und erziehungswissenschaftliche Forschung betreiben. Letzteres vor allem ist gelungen. Die ersten West-Berufungen waren die Herren Benner, Tenorth und Schriewer. Sie bildeten zusammen mit der Struktur- und Berufungskommission das Fundament für die weitere Entwicklung und nahmen später Einfluss auf die Entwicklung der Humboldt. Es entstand jedenfalls die beste Erziehungswissenschaftliche Fakultät Deutschlands.

Die Zeit war wild: Im Akademischen Senat berichtete Dekan Mau von plötzlich 70 neuen Mitarbeitern aus dem MfS im Personalbestand, zumeist Pfleger und Fahrer. Und ich war „Objektbevollmächtigter“ der Kommode und der angrenzenden Gebäude – so etwas wie ein Oberhausmeister. In meinen Schreibtisch führte ein dickes Telefonkabel, über das man sich in andere Gespräche der Humboldt einwählen konnte. Die BRD war über die 9 erreichbar. Wenn ich mich einwählen konnte, dann konnten das andere auch. Also fanden die Berufungstelefonate im Westen statt; die ersten Telefonzellen jenseits der Grenze waren die neben dem Reichstag.

Die Aufgabe war, im Nachhinein gesehen, eigentlich gigantisch. Sowohl die Einrichtungen im Osten als auch die im Westen waren unvorstellbar überbesetzt. Im Westen, um den allmählich alternden „Pfahl im Fleische des Kommunismus“ am Leben zu erhalten, im Osten, um die Hauptstadt der DDR zu repräsentieren. Der vorwurfsvolle Spruch des FU-Präsidenten Gerlach vom „Abbruch West für Aufbau Ost“ war zwar faktisch richtig, unterschlug aber einen wesentlichen Punkt: Im Osten gab es die rechtliche Möglichkeit abzuwickeln und zu kündigen, im Westen nicht. Die Reduzierung der Stellen und Mittel erfolgte im Westen, ohne dass Personen unmittelbar betroffen waren. Die Freie Universität hatte rund 61 000 Studierende, die Technische Universität rund 32 000, die Humboldt rund 19 000. Die Humboldt folgte mit den Präsidenten Heinrich Fink und dann auch mit Marlis Dürkop einem, meine ich, falschen Prinzip: Finks Humboldt sollte eine „ganz normale Massenuniversität“ werden, Frau Dürkop wollte hohe Zahlen, um die Haushaltsmittel zu gewährleisten, die auch erforderlich waren, um den riesigen Überhang finanzieren zu können. Hätte sich dieses durchgesetzt, gäbe es in Berlin jetzt nur aus Geldnot geschrumpftes, überwiegendes Mittelmaß.

Wissenschaftssenator Erhardt und auch ich wollten mit baden-württembergischen Prinzipien im Hintergrund Wettbewerb zwischen den Universitäten, angestoßen durch exzellente Berufungen und die hierfür erforderliche finanzielle Ausstattung. Die Humboldt, in ihrer in Deutschland einzigartigen Situation – eine Ost-Universität mit weststaatlicher Verwaltung – war die Berliner Einrichtung, die man nach den Prinzipien von Leistungsfähigkeit und Exzellenz in wenigen Jahren neu aufbauen konnte.

Die Humboldt entwickelte sich durch staatliche Regie zu einer national und international anerkannten Universität. Anhaltspunkt und Maßstab waren die Berufungen. Viele der aus einer westlichen Universität berufenen Professoren waren auf dem Höhepunkt ihrer wissenschaftlichen Karriere und hätten eigentlich „ernten“ können. Sie kamen an die Humboldt, weil diese in ihrer Neustrukturierung eine fachliche und hochschulpolitische Herausforderung darstellte und sie ihre wissenschaftliche Qualität zusammen mit anderen, ebenfalls hoch qualifizierten Professoren – auch anderer Fächer – an dem exponierten Ort „Unter den Linden 6“ noch einmal beweisen konnten. Die Möglichkeit eines gezielten, fast schlagartigen Zusammenbringens großer wissenschaftlicher Potenz bot in Deutschland nur die Humboldt in den Jahren nach der Wende. Das damals Gewonnene ist leicht zu verspielen, wie an der heutigen Diskussion um die Berliner Universitäten abzulesen ist.

Die bereits an der Humboldt arbeitenden Professoren – die Neustrukturierung erfolgte schließlich bei laufendem Betrieb – mussten sich einem Berufungsverfahren stellen. Die Frage einer Zugehörigkeit zur SED hat bei der Entscheidung über eine Berufung keine Rolle gespielt. Sehr wohl aber die Mitarbeit für das MfS. Die Unterlagen der Gauck-Behörde waren zum Teil eindeutig, zum Beispiel bei per Hand verfassten Verpflichtungserklärungen, häufig aber eben nicht. Es gab Fälle, in denen die „Täterakte“ des MfS ebenso dick war wie die „Opferakte“ – also die Akte, die über die ausgespähte Person geführt wurde.

Erste Voraussetzung war immer die in einem Berufungsverfahren festgestellte fachliche Qualifikation, dann folgte über die Gauck-Behörde die Überprüfung einer möglichen Nähe zum politischen System der DDR mit außeruniversitären, nämlich politischen Dienstleistungen. Es gab Bewerber aus der ehemaligen DDR, deren Auftreten und Gesprächsstrategien Angst einflößend waren; jedenfalls für mich. Einflussnahmen vonseiten des Bundeskanzleramtes, der Politik, von anderen wissenschaftlichen Einrichtungen und auch vonseiten der Freien Universität, in der es die Idee gab: Die Humboldt wird abgewickelt, und wir kehren als die eigentliche Berliner Universität an den uns zustehenden Ort zurück, wurden abgewehrt.

In den ersten Jahren wurden viele Weichen gestellt. Die Entscheidung für Adlershof war überhaupt nicht selbstverständlich. Die Humboldt wollte vollständig in Mitte bleiben, und auch in der Staatsverwaltung favorisierte man die Idee, an der Humboldt keine Naturwissenschaften aufzubauen, also ihr nicht die Möglichkeit zu geben, an glänzende Zeiten vor dem Nationalsozialismus anzuknüpfen, sondern die Naturwissenschaften durch die Technische Universität abdecken zu lassen. Die räumliche Nähe von Mitte und Charlottenburg hätte das auch möglich gemacht. Heute hätte diese Idee sicher großen Zuspruch in der Politik.

Für eine für mich erstaunlich lange Zeit bestand in der Landespolitik, Staatsverwaltung und auch unter den aus dem Westen Berufenen der Humboldt die Sorge, die Idee einer sich allein an Qualität und Leistung messenden Humboldt könnte scheitern; sie könnte politisch „umkippen“. Dies wurde nicht zuletzt mit dem Vorwurf verbunden, der Staat habe versäumt, auch die Verwaltung der Humboldt neu aufzubauen. Die Vorstellung war, dass aus dem Westen kommende Kanzler und Personalabteilungsleiter die Verwaltung zu einer modernen, zukunftsfähigen Universitätsverwaltung reformieren könnten.

Dies gelang in den Augen vieler nicht. Richtig ist, dass Verwaltung schließlich nicht Verwaltung ist. Sie kann sich eng an Vorschriften festklammern, sich als Herrschaftsinstrument verstehen und alles abwehren, was eigene Kompetenz erforderlich macht. Oder aber sie entwickelt die Bereitschaft, sich als Dienstleistung zu verstehen, die sie Professoren, Mitarbeitern und Studierenden schuldig ist. Die Humboldt-Verwaltung gehörte eher zum ersten Typ.

Die Senatsverwaltung war zu der Zeit mit der unglaublichen Zahl von mehreren hundert Berufungen, der Haushaltspolitik und der Sicherung der räumlichen Arbeitsbedingungen der Humboldt vollauf beschäftigt und war nur in Einzelfällen imstande zu helfen. Zum Schluss kamen weit mehr als die Hälfte der C4-Berufungen aus dem Westen, die Mehrheit der C3-Berufungen aus dem Osten – fast jede mit ganz verschiedenen Problemen des Aufbaus von Einrichtungen, die gelöst werden mussten.

Ich würde heute eine Reihe von Professoren der Humboldt, die zu DDR-Zeiten eingestellt wurden, in ihren Ämtern belassen haben. Solche, die fachlich hervorragend qualifiziert und politisch unbelastet waren. Die gab es. Ich hätte sie in ihren Ämtern belassen, weil das der Humboldt geholfen hätte, ihre historische Identität und Würde – an hierfür stehende Personen gebunden – durch die Zeit der DDR hindurch zu bewahren. Ich glaube, dass das eine breite positive Wirkung für die meisten Mitglieder der Universität entfaltet hätte, manche persönliche Konsequenz versöhnlicher gestimmt und manche politische Auseinandersetzung bis heute hätte leichter bestehen lassen.

Der Autor, Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, ist Professor emeritus für Philosophie und Pädagogik an der Humboldt-Universität. Von 1992 bis 1998 war er Wissenschaftsstaatssekretär in Berlin. Der Text ist eine stark gekürzte Fassung seiner Rede zur Verabschiedung aus dem Amt des Universitätsprofessors.

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