Humboldt-Universität zu Berlin : Die Welt gerechter machen

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Wie lässt sich mehr Gleichheit verwirklichen?

Ljiljana Nikolic, Katja Riek
Milliarden Menschen leben weltweit in prekären Verhältnissen – während einige wenige Reichtümer ansammeln.
Milliarden Menschen leben weltweit in prekären Verhältnissen – während einige wenige Reichtümer ansammeln.Foto: Colorbox.de

Am Anfang ein Gedankenexperiment. Stellen Sie sich vor, Sie könnten sich in einen geistigen Zustand vor Ihrer Geburt versetzen. Wie würden Sie die Welt gestalten, in der Sie leben wollen? Allerdings wüssten Sie nicht, ob Sie in eine durchschnittliche deutsche oder in eine vom Krieg betroffene syrische Familie hineingeboren werden. John Rawls (1921 – 2002), Autor des modernen Klassikers „A Theory of Justice“ und „Vater“ des Gedankens, war sich sicher: Jeder würde wahrscheinlich eine Welt erschaffen wollen, in der größtmögliche Freiheit und Gleichheit herrschen. Zu groß wäre sonst das Risiko, in eine Position hineingeboren zu werden, in der man materiell und immateriell benachteiligt ist.

Laut der Organisation Oxfam besitzen die 62 reichsten Menschen der Welt genau so viel wie die Hälfte der Weltbevölkerung – also etwa 3,5 Milliarden Menschen. Seit einigen Jahren wird die wachsende Einkommens- und Vermögensungleichheit auch in Deutschland intensiv diskutiert. „Besitz ist innerhalb von Staaten heute beinahe wieder so ungleich verteilt, wie es vor dem Ersten Weltkrieg der Fall war“, sagt Gabriel Wollner. „Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Vermögen größtenteils vernichtet, die Ausgangssituation war egalitärer, in den 50er, 60er und 70er Jahren erlebte Deutschland, aber auch Frankreich, England und die USA, eine Zeit abnehmender Ungleichheit.“ Ende der 70er fing die Schere zwischen Arm und Reich wieder an auseinanderzugehen.

Gabriel Wollner kommt aus der politischen Philosophie. Er erforscht globale Wirtschafts- und Umweltgerechtigkeit – als Juniorprofessor am Institut für Philosophie und am IRI Thesys der HU, wo er eine interdisziplinäre Forschergruppe leitet.

Ungleichheit fühlt sich für viele moralisch problematisch an, aber ist sie das auch?

Warum wächst die Kluft zwischen Arm und Reich? „Ungleichheit hängt unter anderem davon ab, wie viel Reichtum in einer Gesellschaft angehäuft wird. Wenn die ohnehin Vermögenden an ihrem Reichtum stärker verdienen als die Volkswirtschaft insgesamt wächst, werden sie schneller wohlhabend als der Rest der Gesellschaft.“ Dabei spielen politische Faktoren und internationale Wirtschaftsordnungen eine Rolle, wie etwa das Ende des Bretton-Woods-Systems und die damit einhergehende Liberalisierung der Finanzmärkte oder die Fähigkeit von Staaten, angemessen zu besteuern. „Für große Unternehmen ist es viel zu leicht, sich einer gerechten Besteuerung zu entziehen. Jüngstes Beispiel dafür ist die Steuereinsparstrategie von Apple in Irland“, sagt der 34-Jährige.

Ungleichheit fühlt sich für viele moralisch problematisch an, aber ist sie das auch? „Egalitaristen sind vom Wert der Gleichheit überzeugt und glauben, dass sie ein Erfordernis von sozialer Gerechtigkeit ist. Zudem hat Ungleichheit eine Vielzahl schlechter Konsequenzen und kann beispielsweise eine Gefahr für demokratische Institutionen darstellen. Dahinter steht die Vermutung, dass Menschen mit höherem Einkommen und größeren Vermögen stärkeren politischen Einfluss nehmen“, erklärt Wollner, der in Oxford und Harvard studiert hat und am University College London promoviert wurde. Zwei weitere, einfache Argumente gegen Ungleichheit: Wenn es Menschen materiell schlecht geht, und gleichzeitig Menschen im Überfluss leben, heißt das, dass die Ressourcen zur Linderung von Not vorhanden sind und das Problem durch Umverteilen gelöst werden kann.

Einen grundlegenden Einwand gegen Ungleichheit verdeutlicht das Gedankenexperiment des Harvard-Philosophen John Rawls. Dürfen demnach Zufälle wie Geschlecht, Hautfarbe oder soziale Herkunft Einfluss auf das eigene Fortkommen und wirtschaftliche Wohlergehen haben? Keinesfalls, sagt Wollner, ein großer Teil der heutigen sozialen Ungleichheit ließe sich auf Faktoren zurückführen, die aus moralischer Sicht nicht gerechtfertigt sind.

Für eine gerechtere Welt braucht es den nationalstaatlichen und den globalen Blick

Wie ließe sich eine Welt, in der mehr Gleichheit herrscht, verwirklichen? Eine enge Verknüpfung von nationalstaatlicher und globaler Perspektive ist vonnöten. „Hauptinstrument für mehr Gleichheit ist eine progressivere Einkommens-, Vermögens- und Kapitalbesteuerung.“ Es müsste beispielsweise über politische Reformen nachgedacht werden, die es vermögenden Unternehmen erschweren, sich Steuern zu entziehen. Auch eine globale progressive Kapitalsteuer, wie es der vielgelobte französische Ökonom Thomas Piketty vorschlägt, hält Gabriel Wollner für geeignet. „An erster Stelle müssen wir uns Gedanken darüber machen, ob und wie viel Gleichheit wünschenswert ist, an zweiter Stelle, in Zusammenarbeit mit Sozialwissenschaftlern, darüber nachdenken, wie Umverteilung und wohlfahrtsstaatliche Institutionen unter den Bedingungen von Globalisierung funktionieren können.“ Drittens müsse man sich darüber klar werden, wie sich solche Institutionen politisch auch gegen die Interessen derjenigen, die von Ungleichheit profitieren, umsetzen lassen.

Kritiker des Egalitarismus messen der Gleichheit einen weitaus geringeren Stellenwert zu. Ökonomische und soziale Unterschiede stellen in einer liberalen Gesellschaft kein Problem dar, sondern gelten als Motor einer florierenden Wirtschaft und als ausschlaggebend für das individuelle Lebensglück. Eine Ausnahme besteht aber dann, wenn Ungleichheit aus unfairen Wettbewerbsbedingungen resultiert. Besonders gravierende Folgen hat dies im Bildungsbereich. „Bildung beeinflusst unser ganzes Leben – unsere beruflichen Möglichkeiten ebenso wie unser persönliches Wohlergehen. Deshalb ist es wichtig, die Weichen hier von Anfang an richtig zu stellen“, sagt Kirsten Meyer, Professorin für Praktische Philosophie und Didaktik an der HU. „Der Bildungserfolg hängt in Deutschland immer noch stark von der sozialen Herkunft ab, das ist hochproblematisch. Auch generell lässt sich nur schwer rechtfertigen, dass einige offenbar mehr von der staatlichen Bildung profitieren als andere.“

Was aber bedeutet es, dass alle ein gleiches Anrecht auf Bildung haben? Sollten alle Schüler gleich viele Ressourcen bekommen? Handelt es sich dabei dann um Geld, Zeit oder etwas anderes? Oder müssen die Ergebnisse gleich sein? Und würde es womöglich schon reichen, wenn alle gebildet genug sind, um an demokratischen Prozessen teilzunehmen?

Gleiche Bildungschancen für alle - hier herrscht Einigkeit

Politiker wie Philosophen fast jeder Couleur sind sich einig, dass alle die gleichen Chancen auf Bildung haben sollten. „Es verbergen sich allerdings so viele unterschiedliche, sich teilweise sogar widersprechende Konzepte hinter dem Begriff der Chancengleichheit, dass er ohne nähere Erläuterung nicht hilfreich ist“, sagt Meyer. Die Philosophie kann hier einen wichtigen Beitrag leisten, um die bildungspolitische Debatte zu ordnen.

Chancengleichheit besteht für Meyer, wenn soziale Faktoren für den Bildungserfolg und für das Erreichen attraktiver Positionen keine Rolle spielen. „Die Schwierigkeit besteht allerdings darin, dass Chancengleichheit, je weiter man sie fasst, faktisch kaum umzusetzen ist.“ Denn es gibt Unterschiede, mit denen man leben muss. Beispielsweise, dass manche Eltern ihren Kindern vorlesen, was Vorteile für den Bildungserfolg hat, während anderen Kindern nicht vorgelesen wird.

Allerdings ist es eine offene Frage, ob ein liberaler Staat den Eltern vorschreiben darf, ihre Kinder in die Kindertagesstätte zu geben. Befürworter einer Kitapflicht erhoffen sich davon eine stärkere Annäherung an das Ideal der Chancengleichheit.

Es würden dennoch Unterschiede in den Bildungsergebnissen bleiben. Deren vollständige Angleichung ist kein vernünftiges Ziel, weil dies mit einer Angleichung auf einem niedrigen Niveau verbunden wäre. Auch die Gleichverteilung von Ressourcen führt zu keinem fairen Ergebnis, weil jedes Kind unterschiedlich viel Zeit braucht, um Dinge zu verstehen. „Man kann Kinder und Jugendliche auch nicht gänzlich für ihre Leistungs- und Motivationsbereitschaft verantwortlich machen. Um sie als gerechtes Verteilungskriterium einzusetzen, hängen sie zu stark vom Elternhaus und anderen Erfahrungen ab.“

Schule sollte auch glücklich machen

Welche Möglichkeiten, die Chancen auf Bildung gerechter zu gestalten, bleiben uns dann aber noch? „Ausschlaggebend ist, dass sich Schulen in ihrer Qualität nicht zu stark unterscheiden dürfen, und dass mehr gemeinsam gelernt wird, um Segregation zu vermeiden“, betont Meyer. Insofern sei es gut, dass es in Deutschland keine allzu große Zahl von Privatschulen gibt, an denen Eltern einen erheblichen finanziellen Mehraufwand betreiben, um ihren Kindern Vorteile zu verschaffen.

Es geht Meyer aber nicht nur um die Berufsaussichten. Als Professorin für Didaktik ist ihr noch etwas anderes wichtig: „Die Kindheit und Jugend ist ein prägender und besonderer Lebensanschnitt. Die Schule nimmt hier einen zentralen Platz ein, weshalb sie unbedingt ein Ort erfüllter Zeit sein sollte, wo Kinder gute Erfahrungen machen. Ich finde es wichtig, dass wir auch darüber nachdenken, inwieweit Schule glücklich machen kann.“

Der Artikel ist erstmals in der Beilage der Humboldt-Universität zum Start des Wintersemesters 2016/2017 erschienen.

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