Humboldt-Universität zu Berlin : Forschen in der Amöbe

Der Campus Nord ist ein Schmuckstück für die HU-Lebenswissenschaften – nun ergänzt durch einen modernen Forschungsbau.

Ljiljana Nikolic
Im lichtdurchfluteten Foyer der „Amöbe“ symbolisiert das Kunstwerk von Kathrin Wegemann einen losen Zellverband.
Im lichtdurchfluteten Foyer der „Amöbe“ symbolisiert das Kunstwerk von Kathrin Wegemann einen losen Zellverband.Foto: Matthias Heyde

Mit seiner Architektur aus vier Jahrhunderten und seiner Gartenanlage ist der Campus Nord der Humboldt-Universität nicht nur für Lehrende und Studierende ein Anziehungspunkt. Dass in Berlins Mitte ein architektonisches und landschaftliches Kleinod verborgen ist, wissen mittlerweile viele Berliner. Nun steht auf dem Gelände der ehemaligen Veterinärmedizin ein neues Gebäude: die „Grüne Amöbe“. So nennen die Biologen ihr neues Forschungs- und Laborgebäude an der Philippstraße, das offiziell Rhoda-Erdmann-Haus heißt und am 11. Oktober feierlich eingeweiht wurde.

Der liebevolle Spitzname kommt nicht von ungefähr. Der Bau hat eine amorphe Form und seine Metallfassade besteht aus drei unterschiedlichen Grüntönen. „Wir fühlen uns hier alle sehr wohl. Ich finde, das Gebäude hat Charakter und unterscheidet sich positiv von den vielen grauen Forschungsbauten, die zwar funktional, aber wenig ansehnlich sind“, sagt Christian Schmitz-Linneweber. Der Professor für Molekulare Genetik ist mit seiner Arbeitsgruppe in das neue Gebäude eingezogen. Sieben molekular- und zellbiologisch arbeitende Forschungsgruppen sowie zwei Nachwuchsgruppen des Instituts für Biologie forschen hier.

Eine der Besonderheiten des Hauses: Das Dach ist frei von technischen Aufbauten. Aus Gründen des Denkmalschutzes wurden die riesigen Kühlanlagen in das Untergeschoss verbannt. Hier sind auch Aufzuchträume für Bakterien, Hefen oder Pflanzen zu finden, die die Wissenschaftler für ihre Arbeit brauchen. Inspirierend wirkt das Atrium mit einem speziellen Lichtkonzept und einem Kunstwerk von Kathrin Wegemann. Es erstreckt sich über drei Etagen und symbolisiert einen losen Zellverband. Die großen, schwarzen Flecken verändern bei wechselnden Temperaturen ihre Farbe. Im Foyer wird außerdem eine Skulptur der Namenspatronin Rhoda Erdmann Platz finden.

Studentische Labore in der ehemaligen Pferdeklinik

Durch den Neubau, den das Stuttgarter Architekturbüro Bodamer Faber konzipiert und das Land Berlin finanziert und gebaut hat, konnte die Humboldt-Universität ein Gebäude an der Chausseestraße 117 aufgeben, womit auch hohe Mietzahlungen entfallen. „Wir haben vorher im dritten Hinterhof gearbeitet, wo sich nie jemand hin verirrt hat. Jetzt sitzen wir viel zentraler und kommen viel schneller mit anderen Arbeitsgruppen in Kontakt“, sagt Schmitz-Linneweber.

Gegenstand der Bauplanung war aber nicht nur der Neubau, sondern auch ein daneben liegendes historisches Gebäude, das einst als Pferdeklinik diente und nun prosaisch Haus 9 genannt wird. Der nördliche Teil wurde 1836 von Ludwig Ferdinand Hesse gebaut, der südliche Teil 1874 von Julius Emmerich als Erweiterungsbau der Pferdeklinik. Das Gebäude musste von Grund auf entkernt werden, nur die historischen Fassaden sind geblieben und wurden denkmalgerecht saniert.

Haus 9 ist das Reich der Studierenden. Im Erdgeschoss befinden sich fünf Räume mit Praktikumsplätzen. Das Dachgeschoss, das aufgrund der schlechten Bausubstanz komplett erneuert werden musste, beherbergt Aufenthaltsräume und Arbeitsplätze für Studierende. Finanziert wurde das neue Dach allein von der Universität – die Senatsbaumaßnahme sah die Sanierung nicht vor.

Die Fassadengestaltung der „Grünen Amöbe“ ist ein Kontrapunkt zu den vielen Klinkerfassaden auf dem Campus Nord. „Auf dem Gelände fallen vor allem drei Baustile ins Auge: der Früh- und Spätklassizismus und die Moderne“, sagt Theodor Hiepe, ein Kenner des Campus. Er hatte den Lehrstuhl für Parasitologie von 1961 bis 1995 inne und forscht seit gut 55 Jahren auf dem Unigelände.

Das Schmuckstück ist das Tieranatomische Theater

Das Schmuckstück ist ohne Frage das Tieranatomische Theater – von Carl Gotthard Langhans zeitgleich mit dem Brandenburger Tor erbaut. „Anfangs stand der Kuppelbau auf einem sanften Hügel, der ist mittlerweile durch die Bauaktivitäten rundherum verschwunden“, berichtet Hiepe. Der frühklassizistische Bau wurde 1790 eingeweiht. Anlass war die Gründung der Königlichen Tierarzneischule.

Aufgrund von Tierseuchen und Massensterben von Rindern und Pferden während des Siebenjährigen Krieges und letztlich auch wegen der Konkurrenz – in Lyon, Alfort, Wien und Dresden gab es schon Tierarzneischulen – beauftragte König Friedrich II die Einrichtung der Tiermedizin. Friedrichs Leibarzt, Christian Andreas Cothenius, wurde angewiesen, Konzept, Struktur und Funktion einer veterinär-medizinischen Lehr- und Forschungsanstalt vorzubereiten.

Cothenius Pläne konnten aus finanziellen Gründen zunächst nicht realisiert werden, der Bau erfolgte dann unter Friedrich Wilhelm II. Als Standort wurde der Reußsche Garten ausgewählt – damals vor den nordwestlichen Toren Berlins gelegen.

Seit den Anfängen der Tierarzneischule ist viel Wasser durch die Südpanke geflossen (wobei sie auch zeitweise versiegt), die von Nord nach Süd den Garten durchschlängelt. Es sind Klinik-, Instituts-, Stall- und Wohnbauten entstanden und teilweise wieder abgerissen worden. Trotz rasanter städtebaulicher Entwicklungen rundherum ist das Gartenareal aber nur wenig verändert mit seiner historischen Wegführung bis heute erhalten geblieben.

1990 von Wissenschaftlern und Studierenden besetzt und zurückerobert

Auf dem denkmalgeschützten Gelände befindet sich neben dem Langhans-Bau und dem Gerlachbau, der zurzeit restauriert wird, ein weiteres Gebäude, das nach den Plänen eines berühmten Berliner Baumeisters, nämlich Karl Friedrich Schinkels, gebaut wurde. Der dreiflügelige klassizistische Bau mit Ehrenhof an der Luisenstraße 56 wurde 1840 – zum 50-jährigen Jubiläum der Tierarzneischule – von Ludwig Ferdinand Hesse errichtet. Das Hauptgebäude der Tierarzneischule diente als Lehr- und Wohnort. An dem vorspringenden Mittelstück befinden sich in zwei Reihen je sechs Medaillons mit modellierten Köpfen. „Das sind die zwölf Apostel der Tiermedizin, berühmte Veterinäre oder Förderer der Tierheilkunde, zu denen Aristoteles als Symbolfigur zählt“, erklärt Hiepe.

Das Hauptgebäude an der Luisenstraße nutzte zu DDR-Zeiten anfangs das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten, später zogen andere staatliche Institutionen ein. Eine ein Meter hohe Mauer trennte den Bau zum Garten hin von der Tiermedizinischen Fakultät. Im Januar 1990 kam die Stunde der Rückeroberung des Schinkelschen Lehr- und Wohngebäudes. „Wissenschaftler und Studierende hatten das Gebäude besetzt und zurückgefordert“, erinnert sich Hiepe an die Zeit, als er als Dekan zum Hausbesetzer wurde. Die Geschichte hatte ein Happy End: Das Gebäude ging im Juni 1990 anlässlich der 200-Jahrfeier der Fakultät in den Besitz der Humboldt-Universität zurück. Die Veterinärmedizin wurde allerdings entgegen der Empfehlung des Wissenschaftsrates mit dem entsprechenden Fachbereich der Freien Universität fusioniert.

Heute hat die Lebenswissenschaftliche Fakultät der HU, zu der auch das Institut für Biologie gehört, ihren Sitz auf dem Campus Nord und arbeitet auch mit der Charité zusammen. Dieses Zusammenwirken hat historische Wurzeln. In der Periode der Königlich-Tierärztlichen Hochschule, also von 1887 bis 1934, haben beide Institutionen eng zusammengearbeitet und die vergleichende Medizin weltweit begründet.

Ein weiteres Gebäude sollte nicht unerwähnt bleiben: Das schlichte Haus 10 repräsentiert die Moderne. Es wurde in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts im Bauhausstil errichtet. Hier waren Apotheke und Lehrschmiede untergebracht. Das Gebäude steht in direkter Nachbarschaft zum Haus 22, der Grünen Amöbe.

DIE NAMENSPATRONIN: RHODA ERDMANN

Die Namenspatronin des neuen Forschungshauses des Instituts für Biologie ist Rhoda Erdmann (1870 - 1935). Sie war Biologin, Zellforscherin und Mitbegründerin der experimentellen Zellbiologie in Deutschland. Von 1903 bis 1908 studierte sie Zoologie, Botanik und Mathematik an den Universitäten Berlin, Zürich, Marburg und München. Sie gehörte zu den ersten Promovendinnen in Deutschland, nachdem ab 1900 das Frauenstudium offiziell möglich wurde. Nach der Promotion arbeitete sie am Institut für Infektionskrankheiten bei Robert Koch. Wegen der schlechten Berufsbedingungen für Wissenschaftlerinnen in Deutschland ging sie 1913 in die USA und arbeitete erst am Rockefeller Institute in New York, später an der Yale University. 1919 kehrte sie nach Berlin zurück und habilitierte sich 1920 in Zoologie. 1923 wechselte sie zur Medizinischen Fakultät und wurde 1929 zur außerordentlichen Professorin ernannt. Sie war die erste Frau, die ein wissenschaftliches Institut leitete. Im Frühjahr 1933 wurde Rhoda Erdmann denunziert und zwei Wochen von der Gestapo inhaftiert, weil sie Juden zur Emigration verholfen haben sollte. Dank internationaler Proteste kam sie vergleichsweise schnell frei, wurde dennoch zwangsemeritiert und musste ihr Institut verlassen. Am 23. August 1935 starb sie nach längerer Krankheit.

Der Artikel ist erstmals in der Beilage der Humboldt-Universität zum Start des Wintersemesters 2016/2017 erschienen.

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