Hyänen : Privilegierte Familienverhältnisse

Erfolg im Leben wird Hyänen in die Geburtshöhle gelegt. Werden Tüpfelhyänen in die High-Society geboren, bleiben sie ein Leben lang bevorzugt und erfolgreich.

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Wenn die neugeborenen Tüpfelhyänen aus ihrer Geburtshöhle im Boden des Ngorongoro-Kraters im Norden Tansanias krabbeln, um an den Zitzen ihrer Mutter eine sättigende Mahlzeit zu genießen, steht ihr sozialer Status bis ins Greisenalter bereits weitgehend fest. Gehört die Mutter zur Hyänen-High-Society, wird auch der Nachwuchs früher oder später zur Oberschicht gehören. Das gilt auch für die Männchen, die in einer Hyänengruppe eigentlich kaum etwas zu sagen haben. Spielt ihre Mutter aber die erste Geige, landen die Jungen später eben in der Oberschicht der Unterprivilegierten. Oliver Höner und Bettina Wachter vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin haben solche Zusammenhänge herausbekommen, indem sie das Leben von 114 Hyänenmännchen von der Geburt an beobachtet haben. In der Online-Ausgabe des Fachblattes „Nature Communications“ berichten sie und ihre Kollegen jetzt über diese Forschung.

Seit 1996 pendeln die beiden IZW-Forscher zwischen Berlin und dem Ngorongoro-Krater. Fünf oder sechs Monate lange sind sie in Tansania, danach folgt ein Vierteljahr mit Laborarbeit in Berlin, bevor es für das nächste halbe Jahre wieder auf den Kraterrand geht. Dort haben sie in 2500 Metern Höhe über dem Meeresspiegel ihr Zelt aufgeschlagen. „Die Nächte sind in dieser Höhe schön kühl, da bleibt das Gemüse einige Zeit frisch“, berichtet Höner. Das ist ein durchaus wichtiges Argument, wenn man viele Monate fern von der nächsten Steckdose arbeitet und sich ohne Kühlschrank selbst versorgt. Den Strom für die Laptops und die Akkus für die Kameras liefert eine zweite Batterie im Landrover. „Diese Batterie lädt sich nur während der Fahrt, aber wir fahren ja ohnehin jeden Tag zu den Hyänen“, erklärt der Forscher. Neben ihrer Forschung werden die Biologen da auch noch manchmal zum Automechaniker, weil die nächste Werkstatt einige Stunden entfernt in Arusha liegt.

Frühmorgens um sechs Uhr fahren die Forscher noch im Licht der funkelnden Sterne in den Krater hinunter und beobachten dort das Leben der Tüpfelhyänen. Die Gegend ist für diese Feldforschung ideal, weil der Kraterboden mit 250 Quadratkilometern praktisch genauso groß wie die Stadtfläche von Frankfurt am Main ist und daher einfach überschaut werden kann. Acht Hyänen-Gruppen leben dort unten, eine solche Gruppe kann bis zu hundert Tiere umfassen – und die Forscher kennen jedes einzelne davon. „Das Tüpfelmuster ist sehr unterschiedlich, so können wir die Individuen voneinander unterscheiden“, sagt Oliver Höner.

Wenn sich die Sonne dann langsam über den Rand des riesigen Ngorongoro-Kraters schiebt, kehren auf dem 600 Meter tiefer liegenden Kraterboden die Hyänenweibchen gerade von der nächtlichen Jagd zu ihrem Bau zurück und säugen ihre Jungen. Die beiden Biologen sitzen dann schon in ihrem Landrover und beobachten die Tiere aufmerksam.

„Von Geburt an hat der Nachwuchs einer hochrangigen Mutter einen Riesenvorteil“, erzählt Wachter. Während die Tiere mit geringerem sozialem Status in der Hyänen-Society nachts auf die Jagd gehen, wartet manches Oberschichten-Tier vor dem kleinen Bau im Boden des Kraters, in dem der Nachwuchs sicher vor Löwen und anderen Hyänen die ersten Lebensmonate verbringt. Erst wenn die Mutter hört, dass ein anderes Weibchen Erfolg bei der Jagd auf Gnus hatte, läuft sie zum Ort des Geschehens. Die erfolgreiche Jägerin hat dort gegen solche hochrangigen Weibchen schlechte Karten und muss zumindest einen Teil der Beute abgeben. Gut genährt kehrt die Mutter bald darauf zu ihren Jungen zurück, die rasch aus dem Bau krabbeln und sich an den Zitzen den Magen vollschlagen. Im Endeffekt ist das hochrangige Weibchen so öfter am Bau und kann auch mehr Milch geben. Der Nachwuchs der Oberschicht wächst dabei schneller als die Sprösslinge der Hyänenmütter mit geringerem Sozialstatus.

Aber auch zwischen den Jungen zeigt sich schnell, wer der Stärkere von beiden ist, wenn die Mutter Zwillinge geworfen hat. Ist das Geschlecht unterschiedlich, setzt sich von Geburt an das Weibchen gegen seinen kleinen Bruder durch. Aber auch zwischen zwei Weibchen ist nach wenigen Wochen klar, wer die Nummer eins ist und zuerst ans Futter darf. Diese frühkindlichen Rangkämpfe sind wohl auch der Grund, warum kleine Tüpfelhyänen die einzigen Raubtiere sind, die bereits mit kräftigen Milchzähnen im Maul zur Welt kommen und die sofort nach der Geburt die Augen aufschlagen. Ohne diese Eigenschaften hätte man schließlich im frühkindlichen Kampf um den sozialen Status schlechte Karten.

Sobald die Kleinen zwei oder drei Monate alt sind, erkunden sie dann auch die Umgebung. Der Vorteil des Oberschichten-Nachwuchses aber bleibt: Ihre Mutter kann öfter füttern und die Sprösslinge wachsen schneller.

Die bis zu 80 Kilogramm schweren ausgewachsenen Hyänen gehen derweil ganz anders, als es ihr Ruf als Aasfresser vermuten lässt, weiter auf die Jagd. Mindestens drei Viertel der Beute jagen die Tiere selbst, beobachteten die IZW-Forscher. Sind die Jungen fünf oder sechs Monate alt, laufen sie zum ersten Mal mit zu einem solchen Riss. Und wieder bekommen sie mehr Fleisch als niederrangiger Nachwuchs ab, weil ihre Mutter sich und ihrer Kleinfamilie einen größeren Teil der Beute sichern kann.

Der Nachwuchs lernt dabei auch die typischen Verhaltensweisen seiner Klasse – und behält sie ein Leben lang bei. Daher bleiben die Weibchen, die ihre Geburtsgruppe ein Leben lang nicht verlassen, immer in der sozialen Schicht, in der sie geboren wurden. Schwieriger sind da schon die Männchen zu beobachten, die im Alter von gut drei Jahren abwandern und sich einer anderen Gruppe anschließen.

Ihren neuen Clan aber sollten sich die Tiere gut aussuchen. Denn Hyänenweibchen haben eine ausgefeilte Strategie, mit der sie Inzucht vermeiden. „Wir kamen dem Ganzen auf die Spur, als wir jungen Hyänen ein paar Haare auszupften, die oft neugierig unseren Landrover inspizieren“, erklärt Bettina Wachter. Oft sammeln die Forscher auch ein wenig Kot auf, der wie bei allen Raubtieren von einer dünnen Schleimschicht mit Darmzellen umgeben ist.

Gut konserviert in Dimethylsulfoxid überstehen die Proben die nächsten Monate, bis die Forscher wieder nach Berlin zurückkehren. Dort nutzen sie dann das Erbgut in den Proben, um die Verwandtschaftsverhältnisse der Tüpfelhyänen aus dem Ngorongoro-Krater zu klären. Jüngere Weibchen vermeiden die Inzucht mit ihrem Vater oder einem älteren Bruder, wenn sie nur Männchen als Partner wählen, die erst nach ihrer eigenen Geburt zur Gruppe gestoßen sind oder in sie hineingeboren wurden.

Junge Männchen kommen daher am besten zum Zug, wenn sie sich einer Gruppe mit möglichst vielen jungen Weibchen anschließen. Genau das schaffen die Männchen einer Oberschicht-Mutter deutlich besser. In der Gruppe werben sie dann lange um die Weibchen. Dabei haben Machos schlechte Chancen, weil die Weibchen Softies bevorzugen. Auch diese Verhaltensweisen haben die Männchen aus Oberschichtenverhältnissen besser drauf. Ihr Erfolg setzt sich so zumindest im Durchschnitt dauerhaft fort: „Insgesamt zeugen sie ihren ersten Nachwuchs früher als die Rivalen, deren Mütter einen niedrigeren Rang hatten, und haben auch im Lauf ihres gesamten Lebens deutlich mehr Nachkommen“, sagt Höner. Werden Tüpfelhyänen in die High-Society geboren, bleiben sie also ein Leben lang bevorzugt und erfolgreich.

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