Ian Kershaw 70 : Chronist der dunkelsten Jahre

Ian Kershaw entzauberte den Hitler-Mythos und untersuchte die Mentalität der Deutschen, "die dem Führer entgegenarbeiten wollten": Zum 70. Geburtstag des britischen Historikers.

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Hitler bei der Eröffnung der Olympischen Spiele 1936. Kershaw widmete dem Diktator eine 2300-seitige Biografie.
Hitler bei der Eröffnung der Olympischen Spiele 1936. Kershaw widmete dem Diktator eine 2300-seitige Biografie.Foto: dpa

Nazizeit und Zweiter Weltkrieg, das hat kürzlich erst die breite Diskussion über den Fernsehdreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ bestätigt, lasten unverändert schwer auf dem deutschen Kollektivbewusstsein. Davon ist auch die historische Wissenschaft berührt. Wohl auch daran liegt es, dass der englische Historiker Ian Kershaw hierzulande nicht nur Erfolg mit seinen zahlreichen Büchern zu dem düsteren Zeitraum von 1933 bis 1945 hat, sondern auch als neutraler Gesprächspartner überaus gefragt ist. Und natürlich liegt es daran, dass Kershaw hervorragend schreiben kann, uneitel, unaufgeregt, stets auf den Punkt kommend, aber nie besserwisserisch oder bevormundend.

Wendepunkte. Kershaw beschrieb, warum der Zweite Weltkrieg in die totale Niederlage Deutschlands münden musste.
Wendepunkte. Kershaw beschrieb, warum der Zweite Weltkrieg in die totale Niederlage Deutschlands münden musste.Foto: dpa

Ursprünglich von der Mittelaltergeschichte her kommend, hat er sich seit den 1970er Jahren der Nazizeit zugewandt. Mit einem Schlag bekannt wurde er durch seine Hitler-Biografie, die in zwei Bänden 1998 und 2000 erschien, in der deutschen Ausgabe 2300 Buchseiten stark und doch kein bisschen weitschweifig. Detailversessen gewiss, weil nur aus der Auswertung aller überhaupt denkbaren Quellen jene Analyse zu gewinnen war, die Kershaws Biografie über die bis dahin gängigen Biografien hinaushebt.

Der knapp zwei Jahrzehnte bis zur Emeritierung 2008 in Sheffield lehrende Historiker – seit 2002 Sir Ian – zeichnet ein ambivalentes Bild Hitlers, den er einerseits als Schlüsselfigur der NS-Verbrechen begreift wie vor ihm Joachim Fest, andererseits als charismatischen Führer im Sinne Max Webers, der den Stimmungen in der Bevölkerung eine Stimme verleiht. Einer Bevölkerung, die „dem Führer entgegenarbeiten“ wollte, wie Kershaws Schlüsselwort für die Haltung der Deutschen lautet. Erst 1999 kam, im Gefolge der Biografie, Kershaws bereits 1987 publizierte Studie über den „Hitler-Mythos“ in deutscher Übersetzung heraus, die die seinerzeit noch weit verbreitete Legende vom Volk, das allein das Opfer nationalsozialistischer Propaganda gewesen sei, korrigiert.

Der „Hitler-Mythos“ öffnete dem Regime Handlungsspielraum gegenüber einer bestenfalls passiven Bevölkerung, in dem die Verbrechen insbesondere an den Juden hingenommen und überhaupt erst möglich wurden. „Dass Hitler kein Tyrann war, der einem unterdrückten deutschen Volk seinen Willen aufzwang“, hat Kershaw an anderer Stelle geschrieben. Vielmehr sei er ein Produkt der deutschen Gesellschaft gewesen „und für einen Großteil der dreißiger Jahre der wohl populärste Führer der ganzen Welt“. Dies erkläre zum Teil, warum er nicht „vergangen“ ist und warum sein Schatten immer noch auf die Gegenwart falle.

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