Iglu-Studie : Was Kinder wissen

Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften: Deutschlands Schüler können viel, aber noch nicht genug.

Amory Burchard,Tilmann Warnecke
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Die am Dienstag in Berlin vorgestellte Bundesländerauswertung der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu) aus dem Jahr 2006 zeigt: In fast allen Bundesländern lesen die deutschen Viertklässler im Schnitt so gut, dass sie über dem EU-Schnitt liegen. Das gilt auch für Berlin, nicht aber für die beiden anderen Stadtstaaten Hamburg und Bremen.

Doris Ahnen, Bildungsministerin in Rheinland-Pfalz und Sprecherin der SPD-regierten Länder, empfahl ihren Kollegen, trotz der guten Nachrichten auch die Herausforderungen in den Blick zu nehmen. So kommen in den Stadtstaaten Hamburg, Bremen und Berlin 22 bis 25 Prozent der Schüler nicht über ein einfaches Textverständnis hinaus: Sie können lediglich Wörter und Sätze entschlüsseln und „explizit angegebene Einzelinformationen“ identifizieren, nicht aber die Hauptgedanken des Textes erfassen sowie Inhalt und Sprache bewerten. Damit erreichen sie gerade einmal die zweite von fünf Kompetenzstufen.

Werden diese Schüler nicht noch massiv gefördert, wird ihnen später die Schlüsselkompetenz dafür fehlen, sich erfolgreich in Gesellschaft und Arbeitswelt bewegen zu können. Beim Testsieger Thüringen dagegen umfasst diese „Risikogruppe“ der Schüler nur 6,8 Prozent, in Sachsen-Anhalt 8,4 Prozent.

Auch die Gruppe der Schüler, die auf höchstem Niveau lesen, ist in allen Ländern zu klein. Im Schnitt kommen sie auf 10,8 Prozent hochkompetenter Leser, in Bayern sind es mit 15,3 Prozent die meisten, in Bremen mit 5,5 Prozent die wenigsten. „Wir verschenken in Deutschland Potenziale“, kommentierte Bos.

Ein weiteres Problem: In allen Ländern tun sich zu viele Schüler schwer damit, ihr Hintergrundwissen auf das Gelesene anzuwenden. Sie sind gut darin, den Texten Informationen zu entnehmen, können sie aber kaum zu anderem Wissen in Bezug setzen und so komplexere Schlussfolgerungen ziehen. „Lesekompetenz ist mehr als Lesetechnik“, sagte Jan-Hendrik Olbertz, Bildungsminister in Sachsen-Anhalt und Sprecher der unionsgeführten Länder. Der Unterricht müsse sich ändern, Lehrer und Schüler sollten „mehr Text- und Sprachkultur entwickeln, über das Gelesene reflektieren und in einen schriftlichen Austausch treten“. Die Gretchenfrage aber sei, „wie der Spaß in den Leseunterricht kommt“. So seien Grundschüler in Sachsen-Anhalt gute Leser, hätten aber weniger Spaß daran als Kinder in anderen Ländern.

Wer gerne liest, will viel lesen – nicht nur in der Schule. Aber in zu vielen Familien gibt es kaum Bücher. Aus der Zahl der Bücher im Elternhaus schließen die Iglu-Forscher auf die Bildungsnähe und die Sozialschicht. Und hier ist der Befund alarmierend: Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern mit über 100 Büchern haben einen deutlichen Leistungsvorsprung vor Kindern aus bildungsfernen Familien mit bis zu 100 Büchern. So liegen Berliner Viertklässler aus bildungsfernen Familien um 70 Leistungspunkte zurück, Hamburger um 63 Punkte. In Bayern dagegen sind es nur 25 Punkte. Etwa 50 Punkte entsprechen einem Schuljahr. Damit gelingt es Bayern bundesweit am besten, soziale Unterschiede in der Grundschule auszugleichen. Den Erfolg erklärt Josef Erhard, Ministerialdirektor im Bayerischen Schulministerium, mit „Leselern-Plänen“ der Grundschulen und flächendeckenden Vergleichsarbeiten seit 2001. Jede Schule und jeder Lehrer bekämen systematische Rückmeldungen zu den einzelnen Schülern, die auch Konsequenzen hätten – etwa Förderstunden und Lehrerfortbildungen.

Bundesweit problematisch bleibt die mangelhafte Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund. Kinder, deren Eltern beide im Ausland geboren wurden, sind deutlich schwächer im Lesen als Kinder, von denen einer oder beide Elternteile hier geboren wurden. In den westlichen Flächenländern liegen die Migranten um 49 Leistungspunkte, also ein Schuljahr zurück, in den Stadtstaaten sind es 45, in den östlichen Ländern 31 Punkte.

Gering sind dagegen die Unterschiede in den Lesekompetenzen von Mädchen und Jungen. Beträgt der Vorsprung der Mädchen im EU-Vergleich 17 Leistungspunkte, sind es in Deutschland nur sieben Punkte. Schon 2001 war der Abstand zwischen Jungen und Mädchen in Deutschland gering, er ist aber weiter geschrumpft. Seitdem habe sich die Leseförderung für Jungen offensichtlich noch verbessert, sagte Bos. In die Schulbücher seien mehr auch für Jungen interessante Texte aufgenommen worden. Lediglich im Saarland, in Sachsen und Sachsen-Anhalt lesen die Mädchen signifikant besser als die Jungen.

Anders sieht es laut der neuen „Timss“-Studie in Mathematik und in den Naturwissenschaften aus: Hier sind die Jungen jeweils weit voraus. In den Naturwissenschaften ist Deutschland sogar unter den getesteten 37 Staaten und sechs Regionen das Land mit den größten Unterschieden zwischen den Geschlechtern: Jungen liegen 15 Punkte vor den Mädchen (Mathematik: 12 Punkte). In Mathematik ist der Vorsprung der Jungen nur in Österreich, Italien und Kolumbien größer. Dass Jungen nicht zwangsläufig besser sein müssen, zeigt der internationale Vergleich. Im Schnitt aller Teilnehmerstaaten schneiden Schülerinnen wie Schüler in beiden Fächern praktisch gleich ab. In Ländern wie England, Neuseeland oder Russland übertreffen die Mädchen ihre Mitschüler in den Naturwissenschaften.

In der Gesamtwertung liegen deutsche Viertklässler in der Timss-Studie in Mathematik und in den Naturwissenschaften deutlich über dem Schnitt aller Teilnehmerländer und auch über dem Schnitt der OECD-Staaten. Allerdings ist der Abstand zur internationalen Spitze ausgeprägter als beim Lesen. Hongkongs Schüler haben im Rechnen einen Lernvorsprung, der fast zwei Schuljahre ausmacht. Aber auch Englands Schüler erzielen jeweils fast zwanzig Punkte mehr. Das entspricht in etwa dem Vorsprung von einem halben Jahr.

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