Wissen : Im ewigen Eis REISE ZUM SÜDPOL BLICK IN DIE VERGANGENHEIT LEBEN IM EIS

Vor hundert Jahren trotzte Roald Amundsen zahlreichen Gefahren, um als erster Mensch an den Südpol zu gelangen. Wie ein Forscher heute die Antarktis erlebt

 Frank Wilhelms
Frank Wilhelms ist Professor am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Er hat im Laufe seines Lebens insgesamt mehr als zwei Jahre im ewigen Eis verbracht. Foto: Martin Leonhardt
Frank Wilhelms ist Professor am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Er hat im Laufe seines...

Ein Kapitel im Erdkundebuch der fünften Klasse ist meine erste Erinnerung an den Wettlauf zum Südpol, diese faszinierende Geschichte über einen Zweikampf ungleicher Teams am Ende der damals überhaupt erkundeten Welt. Es war nur eine Doppelseite: über die Eroberung des Südpols durch das Team des erfahrenen norwegischen Polarforschers Roald Amundsen, der bis ins Detail vorsorgte. Und über die mit neuester – aber nicht immer zuverlässiger – Technologie ausgestattete Expedition um den idealistischen britischen Marineoffizier Robert Falcon Scott. Der Brite erreichte den Südpol am 17. Januar 1912, musste feststellen, dass Amundsen ihm einen Monat zuvorgekommen war und starb schließlich mit seinem Team auf dem Rückweg in einem kleinen Zelt kurz vor dem rettenden Depot.

Vor mehr als 15 Jahren ging ich selbst auf meine erste Expedition nach Grönland und kurz darauf in die Antarktis. Mich trieb nicht der Eroberungsgeist, sondern der Wissensdurst. In den bis zu 3000 Meter dicken polaren Eiskappen sind mehrere 100 000 Jahre Klimageschichte gespeichert (siehe Kasten). Forscher bohren deshalb tief in die Eisdecke des Kontinents. Die Bohrkerne bieten ihnen ein hervorragendes Klimaarchiv, aus dem sie die Vergangenheit der Erde rekonstruieren können. Um an die Bohrkerne zu kommen, verbringen Forscher wie ich bis zu drei Monate am Stück auf dem kalten Kontinent.

Meine Erfahrungen waren natürlich ganz anders als die der Südpolpioniere. Die Zelte, die Scott für seine Expedition entworfen hatte, kamen zwar immer noch zum Einsatz, aber es gab auch regelmäßigen Funkkontakt zur Außenwelt, mehr als anderthalbmal so viele Essensrationen wie benötigt und ausreichend Treibstoff. Auch für Rückweg und Notfälle sind moderne Expeditionen ganz anders gerüstet.

Amundsen hatte seinen Rückweg noch gesichert, indem er Schneeblöcke als Wegweiser aufstellte. Die Kunst des Elektroingenieurwesens war 1911 weit davon entfernt, sich an expeditionstauglichen Funkgeräten zu versuchen, geschweige denn Satellitennavigation, wie wir sie in der Polarforschung seit den 70er Jahren nutzen. Die frühen Entdecker mussten auf einen klaren Himmel warten und konnten dann aus dem aufwendig zu bestimmenden Sonnenstand mit Tabellenwerken ihre geografische Position bestimmen. Ansonsten schrieben sie ihren Weg mit Hodometern fort, also durch Abzählen der Umdrehungen eines Rades mit bekanntem Umfang.

Um die Richtung zu halten, nutzten Amundsen und Scott natürlich auch einen Kompass. Das ist in der Polarregion allerdings nicht so leicht. An den geografischen Polen, die ja auch nahe den Polen des Erdmagnetfeldes sind, tritt das Magnetfeld steil durch die Erdoberfläche. Eine Kompassnadel strebt deshalb an den Polen mehr nach oben als in eine bestimmte Richtung. Vermutlich hielt Amundsen zumindest bei gutem Wetter die Richtung auch durch einen einfachen Trick: Er wählte einen Kurs bei dem die vorletzte Landmarke aus Schnee rückwärtsblickend von der letzten verdeckt wird. Dieses Prinzip beschrieben mir meine älteren Kollegen als durchaus gängige Navigationspraxis bis in die 90er Jahre hinein. Man fährt eine Weile in die grobe Richtung los und blickt dann zurück, um mit den Landmarken festzustellen ob man sich mehr rechts oder links halten muss, um auf den geraden Kurs zurückzukommen. Die Spuren der Landvermesser (Geodäten) – meist die ersten auf einer Expedition – beschreiben dadurch im Schnee eine Kurve, die die anderen Teilnehmer scherzhaft als „geodätischen Knick“ bezeichnen.

Inzwischen lotst einen das GPS-Navigationssystem zuverlässig an jeden Ort. Trotzdem sollte man die Widrigkeiten der polaren Umgebung bei schlechtem Wetter nicht unterschätzen. Bei Wolken über Schnee kann man vollkommen die Orientierung verlieren, da das Licht aus allen Richtungen gestreut wird. Im Englischen wird das Phänomen als „white out“ bezeichnet, als „weißes Nichts“. Der Horizont verschwindet dann, und oben und unten, rechts und links, sieht alles gleichermaßen weiß aus. Das gibt nicht nur die Gelegenheit zu Aufnahmen von scheinbar in der Luft hängenden Gegenständen. Man stolpert dann auch auf dem Schnee umher, weil man Bodenunebenheiten nicht mehr erkennen kann.

An so einem Tag, noch zusätzlich mit bodennahem Nebel, kamen wir einmal selbst mit GPS mit einer Fahrzeugkolonne zum Stillstand, weil wir Angst hatten bei einem Tempo von etwa zehn Stundenkilometern seitlich ineinander zu fahren. Gesichert an einem Bergseil konnte ich dann die beiden anderen Fahrzeuge ausfindig machen und die Fahrer in den Wohncontainer holen, der an unserem Fahrzeug hing. Das ersparte den Kollegen ein unbequemes Abwarten im Fahrersitz und Rückgriff auf ihre nahrhafte, aber nicht so schmackhafte Trockennahrung. Nach einem guten, gemeinsamen Essen und ausgiebigem Schlaf – es gibt sonst auch nicht so viel Unterhaltungsprogramm – klarte es am nächsten Nachmittag auf. Erst dann erkannten wir, dass wir am Tag zuvor direkt vor einer Pistenraupe gestanden hatten, die mit allen eingeschalteten Scheinwerfern, Arbeitsbeleuchtung und Warnleuchten im Nebel nicht auszumachen war.

In Bezug auf den Zeitplan muss man also auch heute noch einen zeitlichen Puffer einplanen, aber wirklich gefährlich finde ich unsere Operationen im Gegensatz zu den Pionierzeiten nicht mehr. Die einzigen schweren Unfälle, von denen ich während meiner Laufbahn gehört habe und die man nicht durch eigenes verantwortungsvolles Verhalten vermeiden kann, sind Hubschrauberabstürze. Ansonsten fühle ich mich auf Expeditionen im Prinzip sicherer als zu Hause. Wenn wirklich einmal etwas passieren sollte, gibt es ein international organisiertes Rettungswesen, das zum Beispiel einen Schlaganfallpatienten innerhalb von weniger als einem Tag von einem Schiff im Südpolarmeer nach Neuseeland ins Krankenhaus bringen kann: Nach Absetzen des Notrufs nimmt das Schiff Kurs auf die antarktische Küste, um innerhalb die – mehrere Hundert Kilometer große – Reichweite der Superpuma Hubschrauber an der südafrikanischen Antarktisstation zu gelangen. Diese fliegen den Patienten zur deutschen Polarstation Neumayer, wo er weiter stabilisiert wird und mit dem deutschen Polarflugzeug Polar 4 zum Südpol weiterfliegt. Am Südpol erwartet den Auszufliegenden bereits ein großes mit Ski ausgestattetes Transportflugzeug vom Typ LC-130H „Hercules“, mit dem er kurz darauf über die amerikanische Basis McMurdo den Weiterflug nach Christchurch in Neuseeland antritt. Wenn man heute von aufwendigen Rettungsaktionen – abgesehen von medizinischen Notfällen – hört, sind es meist Touristen und Extremsportler, die ihre Fähigkeiten überschätzen und aus der Antarktis geborgen werden.

Die verbesserten technischen und logistischen Möglichkeiten erlauben den weitgehend reibungslosen Ablauf des professionellen Forschungsbetriebs auf den polaren Eiskappen. Solche Infrastruktur ermöglicht erst die Durchbohrung von Eiskappen mit teils über 3200 Meter Dicke während mehrerer Sommersaisons im Mehrschichtbetrieb rund um die Uhr. Wer einen großen Teil des Tages etwa mit Schmelzen von Schnee für die Trinkwasserversorgung zubringt, hat wenig Zeit, am eigentlichen Auftrag zu arbeiten. Beim „nur mal eben Teewasser schmelzen“ verinnerlicht man auch, dass Schnee eine enorme Schmelzwärme hat. Mehr als die Hälfte der Energie (und damit auch der Zeit) benötigt der Gaskocher, um das Eis in Wasser zu verwandeln. Es dann zum Kochen zu bringen, ist der kleinere Teil.

Trotz mancher Strapazen, genieße ich es, auf Expeditionen das moderne Leben hinter mir zu lassen. Ich genieße es, nicht dem dichten Verkehr ausgesetzt zu sein und auch die totale Stille, wenn der Generator abgeschaltet wird. Natürlich ist es sehr kalt, die Temperatur kann auf minus 40 Grad Celsius sinken und kommt nur selten in die Nähe des Gefrierpunktes. Aber beim Arbeiten im Freien achtet man aufeinander, und sobald die Nase von jemandem weiß wird, weist man ihn darauf hin, damit er sich drinnen aufwärmen kann. Die Antarktis ist auch nicht so eintönig, wie viele sich das vorstellen. Nachts kann die Sonne wunderbare Farbspiele an den Himmel malen. Ich vermisse inzwischen meine Familie und meine Kinder. Aber das Gefühl, ein wenig an einer lebenswerten Zukunft mitarbeiten zu können, ist mit eigenen Kindern nur noch stärker geworden und lässt die Strapazen der Trennung von zu Hause leichter ertragen.

Viel hat sich auch während meiner eigenen Berufstätigkeit geändert. Früher fuhren wir noch mit dem Schiff in die Antarktis und benötigten jeweils bis zu sechs Wochen für den Weg hin und zurück. Die Aufnahme einer Flugverbindung zwischen Kapstadt und der Station Novolazarevskaja mit russischen Transportmaschinen reduzierte die Reisezeit zur gut ausgestatteten Kohnenstation an der Bohrstelle auf wenige Tage. Inzwischen gibt es auch Satellitenmobiltelefone, die es erlauben, an jedem Punkt der Erde ein Gespräch zu führen. Früher musste ich schmunzeln, wenn im unverkleideten Laderaum eines russischen Transportflugzeugs auf dem Weg in die Antarktis wohl aus rechtlichen Gründen die bekannte Ansage heruntergeleiert wurde, Mobiltelefone auszuschalten. Sie wirkte vollkommen deplatziert. Aber plötzlich, so ab etwa 2006, griffen auf einmal eine ganze Reihe Kollegen dann in ihre Overalls, um ihre Satellitentelefone auszuschalten. So weit ist die mobile Kommunikation inzwischen vorgedrungen.

Auch wenn das alles bequem und effektiv ist, so möchte ich die auf meinen ersten Einsätzen gewonnenen Eindrücke völliger Abgeschiedenheit und die Bilder von auf den Eisschollen neben dem Schiff umherlaufenden Pinguinen, Robben und Walen im Ozean nicht missen. Und die Reisen der früheren Entdecker mit ihren Entbehrungen, aber auch viel intensiver verbrachten langen Aufenthalten an den Polen faszinieren einfach.

Aber auch die Erkenntnisse, die die moderne Forschung in der Antarktis gewonnen hat, sind faszinierend. So wissen wir heute, dass minimale Änderungen der Einstrahlung der Sonne und ihrer geografischen Verteilung auf die Erde von Treibhausgasen in der Atmosphäre verstärkt werden und letztlich den Wechsel von Warmzeiten – wie heute – und Eiszeiten mit riesigen Eispanzern antreiben. Aus Eiskernen können wir beweisen, dass während der vergangenen 800 000 Jahre die Kohlendioxidkonzentration im natürlichen System zwischen 180 parts per million (ppm, also Molekülen pro Millionen Luftmolekülen) und 300 ppm geschwankt hat. Eine Expedition zum Südpol mag heute also nicht mehr so intensiv sein wie noch vor einigen Jahrzehnten. Aber die Ergebnisse, die sie liefert, sind spannend genug, dass noch viele Generationen diese Reise machen werden.

Vor 100 Jahren erreichte Roald Amundsen als erster Mensch den Südpol. Heute reisen jedes Jahr zahlreiche Forscher in die Antarktis, um tief in die Eisdecke des Kontinents zu bohren.

Die Bohrkerne erlauben es Klimaforschern, Hunderttausende Jahre zurückzublicken. Denn im Eis hat sich ein regelrechtes Archiv des Erdklimas erhalten.

Seit Amundsens Zeiten hat sich viel verändert. Heute haben Forscher Satellitentelefone und Generatoren. Trotzdem bleiben die Witterungsbedingungen in der Antarktis eine Herausforderung.

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