Im Profil : Die ganze Erde unter einem Dach

Paul Janositz
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Herr der Riffe. Reinhold Leinfelder, Direktor am Berliner Naturkundemuseum, ist begeisterter Taucher.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die meterhohen Skelette im Sauriersaal sind schon ihrer Größe wegen beeindruckend. Schaut man allerdings durch das „Juraskop“, werden die Knochengerüste scheinbar lebendig und fressen sogar Blätter von den Bäumen. Willkommen in der Dinowelt! „Hineinbeamen in die Urzeit“, nennt Reinhold Leinfelder sein Konzept. Der Generaldirektor des Berliner Museums für Naturkunde hat als Paläontologe selbst erfahren, wie spannend die Spurensuche nach frühen Lebensformen ist. Dieses Abenteuer will er seinen Besuchern vermitteln.

Die Archive des Museums an der Invalidenstraße bergen mehr als 30 Millionen Objekte. Damit ist es eines der fünf größten naturkundlichen Museen der Welt. Leinfelder will die Evolutionstheorie ins rechte Licht rücken. Engagiert kämpft er gegen die „unwissenschaftlichen Argumente“ der Kreationisten, die die biblische Schöpfungsgeschichte wörtlich nehmen und folglich Darwins Lehre von der Entstehung der Arten ablehnen.

Zähne fletschender Saurier

In seinem Museum sollen die Fakten keinesfalls staubtrocken präsentiert werden, sagt Leinfelder. Deshalb wartet die Ausstellung „Evolution in Aktion“ auch mit überraschenden Effekten auf. Da ragt etwa der Schädel eines Zähne fletschenden Allosauriers ins Foyer. Ein paar Schritte weiter stehen Besucher staunend vor dem Branchiosaurus brancai. Das größte Dinosaurier-Skelett der Welt aus echten Fossilien ist mehr als 13 Meter hoch und 15 Meter lang. Derlei Informationen liest man auf Leuchttischen, die auf Knopfdruck auch Fotos und Filme zeigen.

„Jetzt zeige ich Ihnen unsere Mona Lisa“, sagt Leinfelder. In einer dunklen Ecke prangt unter Glas ein Fossil von Archaeopterix. Es soll das weltweit schönste und vollständigste des Urvogels sein, der als Bindeglied zwischen Saurier und Vögeln gilt. Im Treppenhaus passieren wir ein kreisrundes Sofa, auf dem Jugendliche fläzen. Sie schauen auf eine Leinwand, wo der Film „Kosmos und Planetensystem“ gezeigt wird.

Eine lässige und doch konzentrierte Atmosphäre herrscht hier. Das passt zu Leinfelder. Der 51-Jährige – dunkler Anzug, helles Hemd – strahlt Seriosität wie auch jugendlichen Elan aus. Mit Begeisterung erklärt der gebürtige Augsburger im bayerisch-schwäbisch gefärbten Tonfall einzelne Exponate.

In einem weiteren Raum gibt es ein amüsantes Quiz mit Fragen zu Natur, Wissenschaft und Evolution. Antworten geben Forscher, Künstler oder Philosophen. Was ist Leinfelders Lieblingsspruch? Der Museumschef hält es mit Karl Valentin: „Mir graut vor der Weltanschauung derjenigen, die die Welt gar nicht angeschaut haben.“

Mit dem Humor eines Karl Valentin

Vielleicht muss man tatsächlich den Humor des bayerischen Originals aufbieten, wenn man sich an die Aufgabe macht, dem lange vernachlässigten Berliner Museum eine moderne Struktur zu geben. Der Chef residiert jedenfalls bescheiden im unsanierten Nordflügel, auf dessen Gängen es muffig riecht. Im Hof verdeckt ein Baugerüst die Fassade eines Gebäudes. Endlich wird der im Krieg zerstörte Ostflügel renoviert. Sobald die Säle saniert sind, sollen die Sammlungen auch für Besucher geöffnet werden.

In den Archiven lagern neben Käfern, Fischen und Vögeln auch Minerale und Meteoriten. „Schätze des Wissens sind das, eine Datenbank der Erde“, sagt Leinfelder. Fakten wie chemische Zusammensetzung oder Fundort sind bei jedem Objekt festgehalten. Damit sollen Computermodelle gefüttert werden, um die Vergangenheit der Erde zu rekonstruieren – aber auch in die Zukunft will man damit schauen. Vorbild ist die Klimaforschung. Leinfelder möchte auf ähnliche Weise politisch Einfluss nehmen, wie es die Klimaforscher bereits tun. So fordert er die Einrichtung eines Weltbeirats für Biodiversivität, der analog dem Weltklimarat bei der UN angesiedelt sein soll.

Die Karriereleiter ist der Geologe und Paläontologe schnell hochgestiegen. Dabei war die akademische Laufbahn nicht ausgemacht. Er habe lange überlegt, ob er studieren oder besser Schlagzeug in einer Jazzband spielen solle, erzählt Leinfelder. Er entschied sich fürs Studium. Mit 32 Jahren wurde er Professor in Stuttgart. Acht Jahre später ging er an die Ludwigs-Maximilian-Universität in München.

Leidenschaft für Riffe 

Als Forscher hatte ihn schon früh eine Leidenschaft für Riffe gepackt. So war das aktuelle „2. Internationale Jahr des Riffs“ eine willkommene Gelegenheit, diese faszinierenden Ökosysteme mit einer Sonderausstellung zu würdigen. „Abgetaucht“ heißt die Schau, die noch bis zum 7. Dezember zu sehen ist.

Schon als Diplomand beschäftigte sich Leinfelder mit Riffen – allerdings fossilen. Vor Urzeiten entstanden, finden sich deren versteinerte Überreste heute als Felsen in der Schwäbischen Alb oder den Alpen. Sein Lieblingsplatz sei die in den bayerischen Voralpen gelegene Tegernseer Hütte, sagt Leinfelder, der gerne klettert. Vorne der Abgrund und hinten ein 200 Millionen Jahre altes Riff. „Dort Kaiserschmarrn essen!“ Leinfelder schließt die Augen, als wolle er der Berliner Realität kurz entfliehen.

Doch der Eindruck täuscht. Er hat die Stadt ins Herz geschlossen. Es imponiert ihm, dass es so „unverkrampft zugeht“, dass auf Empfängen Jeans ebenso zu sehen sind wie Smoking. Die Berliner Schnauze drücke eigentlich Kommunikationsfreude aus, meint er und erzählt von dem Busfahrer, der geduldig auf den heraneilenden Fahrgast wartet, dann aber eine flapsige Bemerkung über dessen „mangelnde Fitness“ abgibt. Leinfelder erzählt von der alten Dame in Friedenau, die ihn, als er am S-Bahnhof von einem Wolkenbruch überrascht wurde, mit dem Schirm nach Hause brachte. Sie sind so schön angezogen, habe sie gesagt.

Derlei gute Erfahrungen habe auch die Familie gemacht. Das ist Leinfelder wichtig, denn er sei ein Familienmensch. Er zeigt ein Bild seiner drei Kinder und seiner Frau, die er bei der Riff-Forschung in Portugal kennengelernt hat. So war es selbstverständlich, dass der Familienrat einberufen wurde, als der Wissenschaftler das Angebot erhielt, zum Jahresanfang 2006 Generaldirektor des Berliner Naturkundemuseums zu werden.

Er hofft, dass er in Zukunft neben dieser Aufgabe wieder mehr Zeit für seine Forschung findet. Er will nicht nur wissen, wie sich einzelne Arten im Lauf der Erdgeschichte entwickelt haben, ihm geht es eher um ganze Ökosysteme – zum Beispiel Riffe.

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