Wissen : Im Seminar spielen sich Dramen ab

Dramaturg Dzevad Karahasan ist Siegfried-Unseld-Gastprofessor an der HU

Constanze HaaseD

„Ich erwarte spannende Gespräche mit Polemik und viel Leidenschaft, bei denen fast alles erlaubt ist. Nur eines ist streng verboten: mit mir einer Meinung zu sein“, sagt Dzevad Karahasan, bosnischer Schriftsteller und Dramaturg, über die kommenden sechs Monate an der Humboldt-Universität.

Anfang Oktober hat er die neue Siegfried-Unseld-Professur am Institut für Slawistik angetreten: Der Gastlehrstuhl des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) für Autoren aus Mittel- und Osteuropa ist in Kooperation mit dem Suhrkamp-Verlag entstanden. Um die Poetik des slawischen Dramas wird es in seiner Vorlesung gehen, im Seminar sollen sich Dramen abspielen – geschrieben von Studierenden. „Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit den jungen Menschen“, sagt Karahasan, der von 1986 bis 1993 Dozent für Dramaturgie an der Akademie für szenische Künste der Universität Sarajevo war. „Über Literatur zu sprechen ist spannend, ich möchte mein Wissen aber praktisch vermitteln“, erklärt der Autor des Erfolgsromans „Schahrijars Ring“ (Rowohlt, 1997).

Das belagerte Sarajevo ist häufig Thema in Karahasans Büchern. Durch seine unverwechselbare Art, verschachtelte Erzählweisen und essayistische Einschübe zu verwenden, entführt er den Leser dabei aus der Gegenwart in eine entfernte, orientalische Vergangenheit. „Literatur lesen heißt, mit dem Text zu sprechen, Literatur schreiben heißt, mit der Hand zu denken“, sagt Karahasan.

Am Institut für Slawistik freut man sich auf den Austausch mit dem Gast. „Uns interessiert besonders, was jemand über Literatur sagt, der sie nicht nur liest, sondern auch selbst erfolgreich schreibt“, sagt die Juniorprofessorin für polnische Literatur, Magdalena Marszalek, die gemeinsam mit der inzwischen in Zürich lehrenden Professorin Sylvia Sasse die Professur auf den Weg gebracht hat. Der Lehrstuhl ist auf fünf Jahre angelegt. Jahr für Jahr empfängt das Institut einen neuen „literarisch interessanten“ Gast. „Es wird einen Parcours durch die verschiedenen literarischen Genres und slawischen Länder geben“, kündigt Miranda Jakisa an. Die Juniorprofessorin für süd- und ostslawische Literatur wird den Autor am Institut betreuen: „Er ist ein mitreißender Redner und kompetenter, intelligenter Kulturvermittler.“ Dass der Träger des Leipziger Buchpreises für Europäische Verständigung 2004 dies besonders gerne in Berlin tut, ist zweifellos seinen mehrmaligen Aufenthalten geschuldet. Der erste liegt schon Jahrzehnte zurück, Berlin war geteilt und Dzevad Karahasan noch Student, der sich als Hilfsarbeiter auf Baustellen sein Studium finanzierte.

Als Stipendiat des DAAD am Wissenschaftskolleg kehrte Karahasan 1995 zurück. Dieses Mal bleibt er bis zum Frühjahr 2010 in der Stadt: „Nirgends kann man Zeit so intensiv erleben wie in Berlin. In ganz Europa gibt es – literarisch gesehen – keine Stadt, die so spannend ist wie das gegenwärtige Berlin. Es ist zur Drehscheibe für osteuropäische Literatur geworden“, sagt der 56-Jährige. Constanze Haase

Karahasans Antrittsvorlesung über „Tschechow als Komödienschreiber“ findet am 12. November um 18 Uhr im Collegium Hungaricum Berlin, Dorotheenstraße 12 (Berlin-Mitte), statt.

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