Immunbiologie : Kaiserschnittgeburt erhöht möglicherweise das Asthmarisiko

Review gibt Hinweise, dass der Kontakt mit der mikrobiellen Flora der Mutter vor Asthma schützt.

Matt Kaplan

Kinder, die per Kaiserschnitt auf die Welt kommen, haben ein 20 Prozent höheres Risiko, eine Asthmaerkrankung zu entwickeln, so lautet die Schlussfolgerung eines neuen Reviews früherer Studien. Dies könnte helfen, den Anstieg von Asthmaerkrankungen in den zurückliegenden Jahrzehnten zu erklären, meinen die Forscher.
Man wusste bereits zuvor, dass Babys, die auf natürlichem Wege geboren werden, Vaginal- und Darmbakterien der Mutter ausgesetzt sind, Kaiserschnittbabys jedoch nicht. Dieser Umstand könnte eine frühe Übung für das Immunsystem darstellen, Pathogene zu erkennen und unschädlich zu machen.
Die "Hygiene-Hypothese" besagt, dass mangelnde Exposition gegenüber solchen Pathogenen schlecht für das Immunsystems ist. Ohne eine solche Exposition wird das Immunsystem gegen harmlose Stoffe sensibilisiert - zum Beispiel Staub oder Pollen -, was zu Allergien oder Asthma führt. "Eine zu hygienische Geburt ohne eine Willkommensdosis mütterlicher Mikroben könnte für genetisch empfängliche Babys der Start in eine hypersensitive Zukunft sein", erklärt Maria Pesonen, Allergologin an der Haut- und Allergieklinik in Helsinki, Finnland.
Vor dem Hintergrund dieser Ideen haben mehrere Wissenschaftler Verbindungen zwischen Sektios und Asthma untersucht. Die Studien waren jedoch im Allgemeinen klein, wodurch es schwer war, Veränderungen hinsichtlich des Asthmarisikos aufzuspüren, und letztlich kamen sie zu einer ganzen Reihe von Schlussfolgerungen: Einige stützten die Theorie, andere nicht.

Review

Daher führten Suren Thavagnanam vom Royal Belfast Hospital for sick Children in Nordirland und seine Kollegen eine Metaanalyse 22 vorangegangener Studien zu diesem Thema durch. "Die Daten waren sehr widersprüchlich, wir wussten nicht, was wir erwarten sollten", sagt Co-Autor Mike Shields, auf Atemwegserkrankungen spezialisierter Kinderarzt an der Queens University in Belfast.
Ihre Arbeit ergab eine 20-prozentige Erhöhung des Asthmarisikos bei Kindern, die durch Kaiserschnitt zur Welt gekommen sind, wie sie in Clinical an Experimental Allergy (1) berichten.
"Das ist erstaunlich", sagt Pesonen. Sie merkt an, dass Metaanalysen irreführende Ergebnisse erbringen können, wenn die untersuchten Studien hinsichtlich ihrer Methoden zu unterschiedlich sind, daher "könnte es sein, dass 20 Prozent zu hoch gegriffen ist". Unterschiede im Stillverhalten und das Geburtsgewicht der Babys könnten beispielsweise zu der Differenz beitragen. Sie fügt jedoch hinzu, dass die Ergebnisse "plausibel" erscheinen.

Aufwärtstrend

Die steigende Zahl der Kaiserschnittgeburten in Großbritannien in den letzten Jahren könnte teilweise für die zunehmende Zahl von Asthmaerkrankungen verantwortlich sein, argumentieren Wissenschaftler. Asthma bei Kindern tritt heute viermal häufiger auf als 1973.
Hierfür wurden viele Theorien angeführt. Möglicherweise hat die Verbesserung der Diagnosemöglichkeiten zu diesem Anstieg beigetragen. Oder ein Verschwinden von Parasiten und Erkrankungen könnte dazu geführt haben, dass sich das Immunsystem einiger Menschen nicht adäquat entwickelt hat. Wieder andere machen Veränderungen im Stillverhalten und Chemikalien verantwortlich.
"Nun da die Behörden versuchen, die Zahl ungerechtfertigter Kaiserschnitte in Nordirland einzuschränken, besteht der nächste Schritt darin, das Auftreten von Asthma zu beobachten", sagt Shields. "Wenn Kaiserschnittgeburten seltener werden, sollte es Asthma auch." Pesonen stellt sich die Frage, ob Wissenschaftler versuchen sollten, Neugeborene gezielt nützlichen Bakterien auszusetzen. "Vielleicht sollten wir darüber nachdenken, die mangelnde Mikrobenexposition per Kaiserschnitt zur Welt gekommener Neugeborener auszugleichen."

(1) Thavagnanam, S. et al. Clin. Exp. Allergy doi: 10.1111/j.1365-2222.2007.02780.x (2007).

Dieser Artikel wurde erstmals am 29.10.2007 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news2007.201. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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