Immuntherapie : Spritze gegen Krebs - Abwehr aus eigener Kraft

Die Heilungserfolge der Immuntherapie sind bei Einzelfällen spektakulär. Spektakulär sind auch die Kosten. Aber die Forschung hat eine Tür zur Lösung eines großen medizinischen Problems aufgestoßen. Ein Kommentar.

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Eine Spritze gegen Krebs - geht das?
Eine Spritze gegen Krebs - geht das?Foto: AFP

Es gibt diese Fälle. Die junge Frau von 25 mit fortgeschrittenem Darmkrebs, ein junger Mann von 27 mit schon gestreutem Lungentumor, eine 49-Jährige mit Absiedlungen von schwarzem Hautkrebs. Sie alle haben eigentlich keine Chance mehr. Und dann bekommen sie eine Infusion, die das Blatt wendet. Die bösartigen Wucherungen schrumpfen und verschwinden – rasch, mitunter nach einer einzigen Spritze. Der Tod wird davongejagt, das Leben kehrt zurück. Was für den Laien an ein Wunder grenzt, hat einen nüchternen medizinischen Namen: Immuntherapie.

Immuntherapie elektrisiert Tumorforscher

Einzelschicksale beweisen nichts. Aber die spektakulären Heilerfolge gehören dazu, wenn man verstehen will, warum die Immuntherapie die Tumorforscher elektrisiert. Dieses Mal ist es tatsächlich der so lange ersehnte Durchbruch, versichern Krebsmediziner. Neben Chirurgie, Bestrahlung und Chemotherapie könnte eine vierte Säule der Tumorbehandlung entstehen. Und sie haben gute Argumente.

Die Idee, die Körperabwehr gegen bösartige Geschwülste einzusetzen, ist alles andere als neu. Aber jahrzehntelang scheiterten die Versuche. Die Wende kam erst, als Wissenschaftler entdeckten, warum das Immunsystem bei Krebs so kläglich versagte. Eine Art angeborene Beißhemmung hindert die Körperpolizei daran, sich auf die Tumorzellen zu stürzen. Wer wird schon Verwandte attackieren? Die Immuntherapie beendet diesen zweifelhaften Frieden. Sie hebt die Blockade der Abwehrzellen durch molekulare Bremsen, Checkpoints genannt, auf. Der Weg zur Selbstverteidigung ist frei.

Wirkt gegen jeden Krebs - theoretisch

Erbgutanalysen haben enthüllt, dass kein Krebs dem anderen gleicht. Das ist keine gute Nachricht. Denn in der herkömmlichen Tumormedizin versucht man dementsprechend, gegen möglichst viele der Varianten Wirkstoffe zu finden. Dagegen vertraut man in der Immuntherapie auf den Organismus selbst. Die Körperabwehr wird wieder fitgespritzt, den Job selbst überlässt man dann ihr. Das bedeutet, dass die Wirkstoffe der Immuntherapie – drei sind ausgereift (Handelsnamen Yervoy, Keytruda, Opdivo), viele weitere in der Entwicklung – im Prinzip bei jedem Krebs wirken können.

In der Praxis ist das leichter gesagt als getan. Den meisten Kranken können die neuen Medikamente nicht helfen, bei anderen wirken sie nur eine Zeit lang. Oder haben Nebenwirkungen. Der Erfolg ist begrenzt. Aber die Entwicklung geht weiter. Nachdem sich die Tür zum Gebäude der Immuntherapie aufgetan hat, finden sich viele neue Türen, die geöffnet werden können. Doch es wird Jahre, vermutlich Jahrzehnte dauern, zu erkunden, was hinter ihnen steckt.

4000 mal teurer als Gold

Das alles hat seinen Preis. Und deshalb muss in diesem Zusammenhang auch über Geld geredet werden. Für neue Arzneimittel bedarf es der Pharmafirmen. Sie finanzieren die Entwicklung von der Idee zur Medizin und gehen in Vorleistung. Selbstverständlich haben sie ein Anrecht auf vernünftige Vergütung. Aber die Preise für die neuen Wirkstoffe sprengen jede Vorstellungskraft. So kostet eine Behandlung mit dem Wirkstoff Ipilimumab (Yervoy) rund 120 000 Euro. Yervoy ist damit 4000-mal so teuer wie Gold, hat der amerikanische Krebsforscher Leonard Saltz ausgerechnet. Und es geht noch viel, viel teurer. Bei aller Sympathie für die forschende Arzneimittelindustrie, aber solche Summen sind ganz einfach aberwitzig. Am Ende braucht die Pharmaindustrie selbst eine Immuntherapie.

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