Impfung : Streit um die Spritze

"Sarkastisch und zynisch": Fachleute weisen Kritik an der Impfung gegen Krebs zurück

Adelheid Müller-Lissner
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Erhoffte Vorbeugung. Die Impfung gegen Papillomviren wird von der Deutschen Krebsgesellschaft empfohlen. Foto: Imago

Der Jubel war groß, als im Oktober bekannt wurde, dass ein Deutscher den Nobelpreis für Medizin bekommen wird – noch dazu für eine Impfung gegen Krebs. Harald zur Hausen vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg legte die Grundlagen für die Impfung, indem er entdeckte, dass eine Infektion mit Humanen Papillomviren (HPV) Gebärmutterhalskrebs auslösen kann. Inzwischen zahlen die Krankenkassen in Deutschland die HPV-Impfung für alle jungen Mädchen zwischen zwölf und 17 Jahren. Gegen deren schnelle Einführung wurden aber immer wieder kritische Stimmen laut. Kurz vor der Überreichung des Nobelpreises an den „Vater“ des Impfstoffs am 10. Dezember in Stockholm sind nun 13 deutsche Gesundheitsforscher und Mediziner mit einem Manifest an die Öffentlichkeit gegangen, in dem sie dringend eine Überprüfung der Impfempfehlung anmahnen.

Die Unterzeichner monieren, die beim Robert-Koch-Institut angesiedelte Ständige Impfkommission habe ihre Empfehlung bereits zu einem Zeitpunkt ausgesprochen, zu dem entscheidende Daten noch nicht publiziert waren. Zudem sei auch heute noch nicht klar bewiesen, dass die Impfung, die sich gegen die zwei HPV-Typen 16 und 18 richtet, tatsächlich Krebs verhindern kann.

Daten zur langfristigen Entwicklung fehlen

Tatsächlich konnte in großen Studien bisher festgestellt werden, dass bei Geimpften die Zellveränderungen nicht vorkommen, die später zu Krebs führen können. Daten zur langfristigen Entwicklung fehlen jedoch. Zudem sind in den Studien nicht Kinder, sondern erst junge Frauen ab 16 Jahren geimpft worden.

„Wir fordern, dass die Unsicherheiten in der Datenlage thematisiert werden“, sagen die Kritiker. Stattdessen würden bei Eltern und Jugendlichen durch Werbekampagnen Angst vor der Erkrankung und Schuldgefühle erzeugt. „Wir bemängeln das Missverhältnis zwischen dem Riesen-Tamtam, das um die Einführung der Impfung gemacht wurde, und der mageren wissenschaftlichen Datenlage“, erklärte Mitunterzeichnerin Martina Dören von der Charité dem Tagesspiegel die Zielsetzung des Papiers.

Für Achim Schneider, Gynäkologie-Chefarzt an der Charité, stellt sich die Lage anders dar. „Ich sehe jeden Tag junge Frauen mit Gebärmutterhalskrebs.Wenn ich mich gegen die Impfung aussprechen würde, wäre das sarkastisch und zynisch“, sagt der Krebsmediziner. Zwar bestätigt auch er, der letzte Beweis dafür, dass die Impfung wirklich Krebs verhindern kann, stehe noch aus. „Aber schwerwiegende Vorstufen von Krebs kamen bei den Geimpften nicht vor, und das ist ein deutlicher Hinweis.“

Auf diesem Konzept beruhe zudem auch die jährliche Früherkennungsuntersuchung (Pap-Abstrich) beim Frauenarzt, die allen Versicherten ab 20 zusteht. Mit dem Abstrich sollen Krebsvorstufen rechtzeitig erkannt werden, um spätere Erkrankungen und Todesfälle zu verhindern. Dafür müssen oft Gewebekegel aus dem Muttermund herausgeschnitten werden. Wenn das Impfkonzept aufgeht, müssten in Zukunft solche Eingriffe seltener erfolgen. Noch klafft auch hier allerdings eine Erkenntnislücke. Und schon wegen der restlichen, von der Impfung nicht erfassten HPV-Typen wird der Pap-Abstrich nicht überflüssig.

Die Krankheit trifft oft jüngere Frauen

Gebärmutterhalskrebs trifft besonders oft jüngere Frauen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gibt es in Deutschland fast 1700 Todesfälle im Jahr. „Jede Frau, die noch nicht mit HPV in Berührung gekommen ist, sollte deshalb geimpft werden“, sagt Schneider.

Seit der Einführung der Impfung ist der Preis ein Stein des Anstoßes. Die Dreifachimpfung ist mit fast 500 Euro in Deutschland deutlich teurer als in den USA. Und für Frauen in der Dritten Welt, bei denen dieser Krebs deutlich häufiger vorkommt, ist sie kaum erschwinglich.

Ob der Impfschutz lebenslang anhält oder ob später noch eine teure Auffrischung nötig wird, ist noch nicht klar. „Der Verlauf von inzwischen sieben Jahren spricht aber dafür, dass der Antikörperspiegel nur langsam absinkt und der Schutz lange anhält“, sagt Schneider.

Die Langzeitwirkung ist noch nicht erforscht

Wegen der noch ungeklärten Langzeitwirkung hatte die Ständige Impfkommission in ihrer Empfehlung im März 2007 vorsichtig formuliert. Von einer „möglichen Verringerung der Wahrscheinlichkeit, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken“, ist die Rede. Die Hoffnung, dass durch die Impfung 70 Prozent der Fälle von Gebärmutterhalskrebs verhindert werden können, stützt sich auf die Tatsache, dass so viele Krebsfälle auf das Konto der HPV-Typen 16 und 18 gehen (siehe Infokasten). „Gegen eine Infektion mit diesen Typen schützt die Impfung sicher“, sagt die HPV-Impfexpertin Yvonne Deleré vom Robert-Koch-Institut.

Auch ein Papier der Arbeitsgemeinschaft Medizinisch-Wissenschaftlicher Fachgesellschaften weist in diese Richtung. „Die Impfung hat das Potenzial, mehr als 70 Prozent der Gebärmutterhalskrebsfälle zu verhindern“, heißt es dort.

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