Impfungen : Gestärkte Abwehr

Wirkverstärker gelten in der Öffentlichkeit als Bösewichter im Impfstoff, dabei sind sie die Hoffnung der Immunologen.

 Kai Kupferschmidt
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Verteidigungslinie. Wie der Trainer eines Teams muss auch das Immunsystem sich für eine Abwehstrategie entscheiden. Foto: IMAGO

In Berichten und Kommentaren über die Schweinegrippe spielen sie die Rolle des Bösewichts: Adjuvantien. Diese Wirkverstärker in den Impfstoffen „Pandemrix“ der Firma Glaxo Smith Kline und „Focetria“ der Firma Novartis sollen die Antwort des Immunsystems verstärken. Kritiker sagen, sie würden zu stärkeren Nebenwirkungen führen, seien an Kindern und Schwangeren nicht ausreichend getestet und dienten Pharmafirmen nur dazu, ihren Profit zu erhöhen. Adjuvantien seien unnötig und gefährlich, behaupten sie. Eine katastrophale Fehleinschätzung, entgegnen Impfstoffforscher. Für sie sind Adjuvantien nicht die Bösewichte, sondern die große Hoffnung der Impfstoffforschung.

Während man früher bestimmte Keime abgetötet hat und sie dann komplett im Impfstoff verwendete, werden heute meist nur einzelne, gereinigte Eiweiße zur Impfung genutzt. Diese Spaltimpfstoffe haben den Vorteil, dass sie nicht mehr Hunderte verschiedene Bausteine eines Virus oder Bakteriums beinhalten, sondern nur einige klar definierte Komponenten. Dadurch können sie millionenfach genau gleich hergestellt werden. Außerdem verursachen sie weniger Nebenwirkungen. Das Problem: Sie aktivieren das Immunsystem auch weniger stark. „Bei Impfstoffen gelten zwei Regeln“, erklärt Stefan Kaufmann vom Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin. „Erstens: Je sauberer ein Impfstoff ist, desto weniger Nebenwirkungen verursacht er. Zweitens: Je sauberer er ist, desto schwächer ist auch die Immunantwort.“

Der Grund dafür liegt bei den Bakterien und Viren. Sie enthalten zahlreiche Stoffe, die das Immunsystem zusätzlich anregen. „In älteren Impfstoffen haben die Bakterien ihre Wirkverstärker gewissermaßen selbst mitgebracht“, sagt Carlos Guzmán, Forscher am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. „Viele der groben Impfstoffe, die bis vor 20 oder 30 Jahren hergestellt wurden, und bei Hunderten Millionen Menschen verwendet wurden, enthielten Moleküle, die wir heute Adjuvantien nennen würden“, sagt auch Rino Rappuoli, Impfstoffforscher beim Unternehmen Novartis.

Wie Adjuvantien auf molekularer Ebene funktionieren, haben Forscher erst in den letzten Jahren aufgeklärt. Entscheidend ist, dass unser Immunsystem aus zwei Teilen besteht: Zum einen gibt es die angeborene Abwehr, die als erste Verteidigungslinie des Körpers dient. Zu ihr gehören Schleimhäute, die die Krankheitserreger zunächst überwinden müssen und Fresszellen, die die Muster typischer Krankheitserreger erkennen und diese abtöten.

Lange Zeit hielten Forscher diese angeborene Abwehr für die überholte Uraltversion des Immunsystems, weitgehend überflüssig gemacht durch den zweiten, evolutionsbiologisch jüngeren Teil, die adaptive Abwehr. Sie ist nicht mehr auf ein angeborenes Repertoire angewiesen, sondern kann sich gezielt neuen Erregern anpassen und zum Beispiel Antikörper gegen sie entwickeln. Wäre der Körper ein Gebäude, das man sichern wollte, so wäre die angeborene Abwehr demnach die Mauer um das Grundstück und der Stacheldraht darauf. Das adaptive Immunsystem hingegen, das wären die ausgebildeten Sicherheitsleute, die auf dem Grundstück patrouillieren und gezielt auf bestimmte Eindringlinge reagieren können.

Inzwischen wissen Immunologen aber, dass die Sache nicht ganz so einfach ist. Die angeborene Abwehr kommt als erstes mit dem Krankheitserreger in Kontakt, und sie entscheidet darüber, welche Abwehrstrategie das Immunsystem verfolgt – auch der neue, adaptive Teil. Es ist, als hätte die Sicherheitsmauer zahlreiche Sensoren und je nachdem, welche erregt werden, werden unterschiedlich scharfe Sicherheitsmaßnahmen in Gang gesetzt.

Forscher kennen diese Sensoren erst seit wenigen Jahren und wissen auf welche molekularen Muster sie reagieren. „Das ermöglicht es uns, die Eiweiße des Krankheitserregers mit bestimmten molekularen Mustern zu mischen und einen Impfstoff herzustellen, der so sauber wie möglich ist“, sagt Kaufmann.

Dadurch soll die Immunantwort nicht nur stärker werden und länger Schutz bieten, sagt Guzmán. „Adjuvantien erlauben es uns auch, Immunantworten in eine bestimmte Richtung zu lenken.“ Stellt man sich das Immunsystem wie ein Fußballteam vor, mit seinen zahlreichen auf Abwehr oder Angriff spezialisierten Spielern, dann ist das Adjuvans der Trainer der entscheidet, wie die Mannschaft aufgestellt wird, wer zum Zug kommt. Jeder Trainer verfolgt dabei seine eigene Strategie. „Wir brauchen mehr Adjuvantien, weil jedes eine bestimmte Wirkung hat“, sagt Guzman. „Am besten eine ganze Reihe dieser Helfer, um die Immunantwort gegen spezifische Keime gezielt zu verbessern.“ Rappuoli sieht sogar den Beginn einer „goldenen Ära der Adjuvantien“. „Sie werden im 21. Jahrhundert eine revolutionäre Rolle spielen und uns erlauben, fanz neue Impfstoffe zu entwickeln, nicht nur gegen Infektionskrankheiten, sondern auch gegen Krebs oder Kreislauferkrankungen“, glaubt Rappuoli.

Auch Alexander Kekulé, Virologe an der Universität Halle sieht große Chancen: „Für die Zukunft sind Adjuvantien ein ganz wichtiges Thema. Es gibt viele Bakterien und Viren, gegen die wir ohne sie keine gute Immunantwort entwickeln.“ Auch bei älteren Menschen, bei denen das Immunsystem häufig schlechter auf Impfungen reagiere, seien Adjuvantien sinnvoll. „Es gibt Studien, die zeigen, dass bei Menschen über sechzig nur die Hälfte nach einer Grippeimpfung einen wirklichen Schutz aufbaut“, sagt Kekulé. Deswegen seien für diese Gruppe in vielen Ländern auch saisonale Grippeimpfstoffe mit Adjuvantien zugelassen. Kritisch sei er aber bei Kindern und Schwangeren, sagt der Virologe. „Da muss das oberste Ziel sein, die Nebenwirkungen zu reduzieren.“ Adjuvantien aber erhöhen immer die Nebenwirkungen, wie Schmerzen und Rötung an der Einstichstelle.

„Die Stimulierung der körpereigenen Abwehr bringt immer eine gewisse Entzündungsreaktion mit sich, deswegen sind Adjuvantien nie frei von Nebenwirkungen“, erklärt Immunbiologe Kaufmann. Wer nach einer Impfung leichte Schmerzen hat, kann sich also damit trösten, dass der Impfstoff offenbar funktioniert. Unter Pharmakologen gilt: Ein Medikament, das keine Nebenwirkungen auslöst, steht unter dringendem Verdacht, auch keine Hauptwirkung zu haben.

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