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Implantate : Künstlich gelenkt

28.10.2010 22:06 Uhrvon
Man geht nicht mehr ohne. Allein 2009 wurden 209 0 00 künstliche Hüftgelenke eingesetzt, Tendenz weiter steigend. Foto: p-a/dpaBild vergrößern
Man geht nicht mehr ohne. Allein 2009 wurden 209 0 00 künstliche Hüftgelenke eingesetzt, Tendenz weiter steigend. Foto: p-a/dpa - Foto: picture-alliance/ dpa-tmn

Implantate in Hüfte und Knie werden immer häufiger eingesetzt – ein Register soll nun die Qualität sichern.

Jeder kennt jemanden, der so etwas in sich trägt. Allein 2009 wurden in Deutschland über 380 000 dieser „Ersatzteile“ neu eingesetzt. Die gesetzlichen Krankenkassen haben fast drei Milliarden Euro dafür ausgegeben. Die Rede ist von künstlichen Knie- und Hüftgelenken.

Den Zahlen der AOK zufolge nimmt die Anzahl der Operationen, mit denen sie eingesetzt werden, im Bundesland Nordrhein-Westfalen inzwischen Jahr für Jahr um zehn Prozent zu. Waren es bundesweit im Jahr 2002 noch 150 000 neue Hüft- und 90 000 neue Kniegelenke, so sind es im Jahr 2009 schon 209 000 und 175 000. Die Ersatzkassen Barmer und GEK kritisierten kürzlich eine Tendenz zur Überversorgung und fragten, ob Rentner ohne künstliches Gelenk bald in der Minderheit sein werden.

„Die Zunahme der künstlichen Gelenke ist nicht allein mit der demografischen Entwicklung und der zunehmenden Alterung der Bevölkerung zu erklären“, sagt Reiner Gradinger, Orthopäde am Münchner Klinikum rechts der Isar. Denn die Operierten werden nicht nur immer älter und kränker, sondern auf der anderen Seite auch immer jünger und sportlicher. Sind wir auf dem Weg in eine Implantat-Gesellschaft?

Auf dem Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie, der in dieser Woche im Berliner ICC stattfindet, kritisierte Gradinger den Druck, der zunehmend auf den Ärzten laste, möglichst viele solcher für die Kliniken einträglichen, planbaren Operationen zu vorzunehmen. „Nötig kann ein Gelenkersatz sein, wenn der Patient starke Schmerzen hat und sich dann auf den Bildern zeigt, dass das Gelenk so verschlissen ist, dass keine Aussicht besteht, in Zukunft schmerzfrei zu leben“, sagte Kongresspräsident Daniel Frank vom St. Remigius-Krankenhaus in Leverkusen.

Doch wo und von wem sollte man sich dann welches Kunstgelenk implantieren lassen? Dass man immer wieder von Materialpannen, Operationsfehlschlägen und Zweiteingriffen hört, wirkt auf den mündigen Patienten nicht gerade beruhigend. Trotz solcher Pannenserien sei die Sicherheit der Implantate immer besser geworden, versicherte Gradinger. „Die Wildwest-Zeit der Entwicklung, die in den 60er Jahren begann, haben wir hinter uns gelassen.“ Beim Kongress wurde allerdings kritisiert, dass zu viele Eingriffe in Einrichtungen gemacht werden, die zu wenig Erfahrung haben. „Die Ergebnisse sind besser, wenn der Operateur pro Jahr 100 oder wenigstens 50 Gelenke einsetzt“, sagte Volker Ewerbeck von der Uniklinik in Heidelberg.

Nicht nur das sollten Patienten ihren Arzt fragen, sondern auch, wie lange das Implantat, das eingesetzt werden soll, schon auf dem Markt sei. Schließlich soll es Jahrzehnte halten. Mit welcher Wahrscheinlichkeit es das auch tut, ist nur bei solchen Prothesen klar, die schon länger auf dem Markt sind. „In dem Moment, in dem das belegt werden kann, ist das Produkt nicht mehr neu.“ Neue Produkte sollten deshalb nach Ansicht von Ewerbeck nur stufenweise und im Rahmen von wissenschaftlichen Studien eingeführt werden.

In Deutschland wird allerdings noch nicht systematisch festgehalten, wie lange und wie gut ein künstliches Knie- oder Hüftgelenk und sein Besitzer sich vertragen. Auf freiwilliger Basis haben 41 Kliniken über Jahre solche Daten gesammelt. Anders in Schweden, das deutsche Orthopäden seit Jahren um ein flächendeckendes Register beneiden. „Es hat die Zahl der Nachoperationen dramatisch sinken lassen“, sagte Ewerbeck. In Deutschland soll das Prothesenregister im nächsten Jahr starten. Es soll den Operateuren selbst, aber auch Kassen und Patienten die Qualität der Eingriffe transparent machen, als Frühwarnsystem wirken, wo es Probleme mit neuen Materialien gibt, und zudem Daten für wissenschaftliche Zwecke liefern. „Wir werden damit das Schicksal der eingebauten Gelenkprothesen vom Anfang bis zum Ende verfolgen“, versicherte Ewerbeck.

Transparenz für Patienten und ihre Hausärzte soll auch die Zertifizierung von Zentren bringen, die die nötige medizinische Qualität liefern, ähnlich wie das in der Krebsmedizin mit Brust- oder Darmzentren schon läuft. Die Fachgesellschaften sind derzeit in der Anfangsphase der Entwicklung von „EndoCert“.

Bleibt die Frage, ob die Zahl der Operationen in den kommenden Jahren weiter unaufhaltsam wachsen wird. Das sei nicht automatisch das Los einer alternden Gesellschaft, versichern die Operateure. Mit regelmäßiger Bewegung, die für ein gutes Muskel-„Korsett“ sorgt und Übergewicht vermeiden hilft – das auch die Gelenke belastet –, könne man das Arthrose-Risiko verringern und dem Knochenschwund vorbeugen. Osteoporose ist die wichtigste Ursache für Schenkelhalsbrüche, bei denen ebenfalls oft nur ein neues Hüftgelenk hilft.

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