Wissen : In der Sprache des Körpers schreiben

Die Ägypterin Nora Amin lehrt als Samuel-Fischer-Gastprofessorin an der FU. Die kulturelle Multi-Aktivistin arbeitet als Regisseurin, Schauspielerin und Autorin

Oliver Trenkamp

Das Lachen ist einzigartig. Dieses kräftige, amüsierte und herzliche Lachen. Nora Amin versprüht Freude, Idealismus, Überzeugung und Professionalität. Gerade lacht sie über die gestellte Frage: Wie es komme, dass sie Kunst in so vielen unterschiedlichen Disziplinen betreibe – als Schauspielerin, Regisseurin und Autorin. „Eine sehr traditionelle Frage“, sagt sie, „es ist ja nicht so, dass ich als Ingenieurin und Ärztin gleichzeitig arbeite.“ Der Unterschied zwischen Literatur und Theater sei viel geringer. Für Nora Amin sind das einfach zwei unterschiedliche Sprachen: die physische und die verbale. „Beides sind Arten des Schreibens.“ Und die Sprache des Körpers am Theater „kreiert ihr eigenes Alphabet“. Für Nora Amin liegt beides nahe beieinander und es wundert sie, dass sie immer wieder darauf angesprochen wird.

Literatur und Theater prägten schon ihre Jugend in Kairo. In die höhere ägyptische Mittelklasse hinein geboren – die Mutter Universitätsprofessorin, der Vater Unternehmer – wurde sie fast zwangsläufig zur Kosmopolitin und Kulturbegeisterten. „Unser Haus war immer voller Bücher“, erzählt sie. „Da waren auch viele englische, französische und deutsche Bücher.“ Sie studierte Literaturwissenschaft, arbeitete neun Jahre an der Akademie der Künste in Kairo und übersetzte eine Reihe von englischen und französischen Texten ins Arabische. Und immer interessierte sie auch das Theater: Von Kindesbeinen an nahm sie Tanzunterricht. Sie gründete später eine eigene unabhängige Theatergruppe mit dem Namen „La Musica“, nahm an zahlreichen Theater-Workshops teil, war Tänzerin, Schauspielerin und Regisseurin. Mit „Arab“, einer eigenen Performance, ist sie am 13. Januar in der Schaubühne zu sehen.

Der Durchbruch als Autorin kam mit dem Roman „Ein rosafarbenes Hemd“, der Geschichte einer allein erziehenden Frau, die die Trennung von ihrem Partner durch das Verfassen einer Geschichte über einen neuen Freund zu verarbeiten sucht. Der emotionale Ansatz unterscheidet sich von den meist einfach und klar strukturierten, oft religiös oder politisch motivierten Werken früherer ägyptischer Schriftstellergenerationen. So auch die Sammlung „Momente der Sympathie“ – hier verknüpft Nora Amin 14 geheimnisvolle Liebesgeschichten miteinander. Sätze wie „Ich liebe die geschriebene Sprache“ klingen bei ihr nicht wie eine Phrase. Sie überzeugen.

Im laufenden Wintersemester versucht sie, etwas von dieser Liebe und Begeisterung an FU-Studierende weiterzugeben. Als Samuel-Fischer-Gastprofessorin ist sie bis März 2005 am Seminar für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Im vergangenen Semester dozierte hier der deutsch-türkische Autor Feridun Zaimoglu zum Thema „Literature to go“ und sorgte für Aufsehen, weil er prominente Gäste wie Maybrit Illner, Benjamin von Stuckrad-Barre und Joschka Fischer eingeladen hatte, der allerdings kurzfristig absagte.

Nora Amins Kurs „Streams of Opposition“ kommt mit weniger Prominenz und Medienrummel aus. Es geht um moderne und zeitgenössische ägyptische Literatur. Dabei unterscheidet sie die Romane und Kurzgeschichten aus den 60er, 70er und 80er Jahren auf der einen und dem „Neuen Schreiben“ der 90er Jahre auf der anderen Seite. Ein besonderes Augenmerk legt der Kurs auf Schriftstellerinnen. Der gesellschaftliche und historische Hintergrund bleibt dabei natürlich nicht außen vor. Den Titel „Streams of Opposition“ erklärt Nora Amin so: „Ich betrachte die Texte unter dem Aspekt, ob sie ästhetisch oder kulturell in Opposition zum Althergebrachten stehen“ – Literatur als Strömung des Widerstands gegen die Traditionen.

Nora Amin verwahrt sich gegen das Schubladendenken, das arabische und europäische Kunst und Literatur gegenüberstellt. Sie will eine Brücke zwischen den Kulturen finden, „Trends entdecken, die wir gemeinsam haben“. Dabei ist sie fest davon überzeugt, dass Schriftsteller „neue Horizonte öffnen können“.

Eine Menge Arbeit, die sie sich macht. Sie hat einmal versucht, das Theater aufzugeben. Dann hat sie versucht, das Schreiben aufzugeben. Jemand hatte ihr geraten, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Es hat nicht geklappt. „Ich bin nicht nur eins“, sagt sie, „ich will auch nicht nur eins sein.“ Wieder lacht sie herzlich. „Ich habe es geschafft, beide Karrieren zu machen", sagt sie mit einer angenehmen Portion Stolz in der Stimme.

„Man braucht eine Menge Mut für die herausgestellte Position auf der Bühne oder in Büchern“, steht auf Nora Amins Website. Sie beweist den Mut. Auf vielen Bühnen. Und lacht dabei.

Nora Amin ist mit ihrer Multi-Media-Solo-Performance „Arab“ in mehreren deutschen Städten zu sehen. „Arab“ basiert auf vier Gedichten aus der Sammlung „Moslem“, die sie während eines USA-Aufenthalts 2003 bis 2004 geschrieben hat. Termine: Berlin: Schaubühne (13. Januar 2005), Bonn: Bundeskunsthalle (20. Januar 2005), Weimar: Nationaltheater (27. Januar 2005). Nora Amin im Internet: www.noraamin.tk

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