Wissen : In Deutschland fehlen 70 000 Wissenschaftler

Forschungsgemeinschaft: Mehr investieren

Mehr Investitionen in den wissenschaftlichen Nachwuchs fordert Matthias Kleiner, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Zur Zeit könnten in Deutschland 22 000 Ingenieurstellen nicht besetzt werden, das entspreche einer ausbleibenden Wertschöpfung von 3,7 Milliarden Euro. „Insgesamt fehlen in Europa 700 000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, davon wohl gut zehn Prozent bei uns“, sagte Kleiner am Donnerstag bei der Jahrespressekonferenz der DFG. Mit einem Fördervolumen von rund 1,4 Milliarden Euro (2006) ist die Deutsche Forschungsgemeinschaft die wichtigste Unterstützungsorganisation für die Wissenschaft.

Ein Hauptproblem ist für Kleiner die unzureichende Ausstattung der Hochschulen. Pro Student und Jahr würden in Deutschland je nach Hochschule zwischen 7000 und 9000 Euro zur Verfügung stehen, an staatlichen amerikanischen Lehrstätten wie der Ohio State University dagegen das Dreifache und an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich gar 44 000. Einen abschreckenden Effekt durch Studiengebühren in der in Deutschland üblichen Höhe sieht Kleiner nicht.

Besonders schwierig sei es, junge Wissenschaftler an den Hochschulen zu halten. „In der Schweiz und Großbritannien werden sie doppelt so gut entlohnt“, sagte Kleiner. Auch die Wirtschaft biete wesentlich bessere Einstiegsgehälter. „Wir honorieren Leistung nicht.“ Neid und Mittelmaß verhinderten eine angemessene Bezahlung von Spitzenforschern.

„Dass viel zu wenig junge Leute eine Karriere in der Wissenschaft anstreben und wir diese schlecht bezahlen für brillante Leistungen, hohe Motivation, häufig eine 60-Stunden-Woche, ist eine Schande für eines der wirtschaftsstärksten Länder der Welt.“ Kleiner plädierte für einen Wissenschaftler-Tarifvertrag, mit dem man das Problem lösen könne.

Probleme mit der Karriere hätten in Deutschland auch Wissenschaftlerinnen. Wegen des Spagats zwischen Beruf und Familie endeten ihre Berufswege früher. Liege der Anteil der Frauen bei den Studierenden bei 50 Prozent, betrage er bei den Professoren nur noch 14 Prozent. International sei der Frauenanteil doppelt so hoch. Die DFG versuche, mit einem „Bündel von Maßnahmen“ gegenzusteuern. So wurden bei den Nachwahlen zum DFG-Senat auf vier der acht neu zu vergebenden Sitze Frauen berufen.

Als „großen Gewinn an Identität, Klarheit und Einigkeit“ für die beteiligten Hochschulen bezeichnete Kleiner die Exzellenzinitiative. Sie habe den Wettbewerb in die Wissenschaft getragen und die Illusion von der Gleichheit der Hochschulen beendet. 2009 entscheiden Bund und Länder über die Fortführung. Es gebe positive Signale. „Natürlich ist der DFG – und das gilt auch für den Wissenschaftsrat – an einer Fortführung gelegen.“ Ziele, Kriterien und Verfahren sollen „kritisch reflektiert“ werden.

Wenig abgewinnen kann Kleiner der Idee der hessischen Kultusministerin Karin Wolff (CDU), die Schöpfungslehre in den Biologieunterricht aufzunehmen. Die Schöpfungslehre gehöre in den Religions-, nicht in den Biologieunterricht. Es sei nicht nachzuvollziehen, dass man Wissenslücken bei der Erklärung der Evolution mit der biblischen Lehre ausfülle. Auf diese Idee würde man bei dem bis heute nicht erklärten Phänomen der Schwerkraft ja auch nicht kommen.

Auch Nobelpreisträger Hartmut Michel vom Max-Planck-Institut für Biophysik in Frankfurt am Main hat sich gegen Wolffs Vorschlag ausgesprochen. „Die christliche Schöpfungslehre ist keine wirkliche Wissenschaft“, sagte er bei dem Nobelpreisträger-Treffen in Lindau (siehe Bericht auf dieser Seite). wez

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