Indianer-Kultur : Geschichtsstunde mit Pfeil und Bogen

Roland Bohr ist Professor an der Universität Winnipeg. Der deutsche Historiker erforscht die Traditionen der Ureinwohner Kanadas – und vermittelt sie jungen Indianern.

Lars von Törne[Winnipeg/Manitoba]
Indianer
Getanzte Tradition: Amerikanische und kanadische Indianer. -Foto: Tsp

Der Tabak liegt schon bereit. Roland Bohr hat ihn in einen mit Perlen bestickten Lederbeutel gepackt. Den gibt er dem Besucher, damit der vorbereitet ist für das Treffen mit der Stammesältesten. Der Tabak gehört bei hochrangigen Vertretern der First Nations, wie die indianischen Ureinwohner Kanadas genannt werden, zum guten Ton. „Das ist eine traditionelle Respektsbezeugung“, erklärt Roland Bohr auf dem Weg durch die langen Flure der Universität von Winnipeg, im Zentrum der größten Stadt der kanadischen Prärieprovinz Manitoba.

Das Tabakpäckchen erinnert an die ersten Begegnungen zwischen europäischen Pelzhändlern und nordamerikanischen Ureinwohnern vor rund 400 Jahren. Und wer heutzutage einen „Elder“ trifft, einen Ältesten, der erweist dem hochrangigen und vielseitig gebildeten Vertreter seines Stammes die Ehre, indem er ein Päckchen Tabak mitbringt. Auch wenn das Rauchen inzwischen in Nordamerika streng verpönt ist.

Für Roland Bohr sind solche kleinen Rituale selbstverständlicher Teil seines Alltags. Der aus Dortmund stammende Geschichtsprofessor kennt sich mit der Kultur und den Traditionen der nordamerikanischen Indianer so gut aus wie nur wenige Außenstehende. Seit vier Jahren erforscht und lehrt er an der University of Winnipeg die Geschichte der Ureinwohner Kanadas und der USA. Es ist das Ergebnis einer Entwicklung, die bei Bohr schon in früher Kindheit begann. Die Lebensgeschichte von Sitting Bull kannte er, bevor er lesen konnte. Seine Mutter las sie ihm vor dem Einschlafen vor und nährte damit eine lebenslange Leidenschaft.

Bohr studierte Geschichte und Ur- und Frühgeschichte an der Ruhruniversität Bochum und spezialisierte sich auf die Ureinwohner Nordamerikas. Vor zwölf Jahren verbrachte er neun Monate als Gaststudent an der Universität von North Dakota in Grand Forks. Da schloss sich ein Kreis für ihn: An der Universität lernte er einige Nachfahren der Ureinwohner kennen, die von einem Lakota-Reservat namens Standing Rock kamen – der einstigen Heimat Sitting Bulls. Der Stammeshäuptling und Medizinmann der Hunkpapa-Lakota-Sioux war einer der Führer während der letzten blutig niedergeschlagenen Freiheitsbewegung der nordamerikanischen Indianer vor 118 Jahren.

Wer Roland Bohrs kleines Büro in der Universität von Winnipeg betritt, fühlt sich ein wenig in die Zeit von Sitting Bull zurückversetzt. An der Wand lehnt ein handgeschnitzter Bogen aus Eschenholz, zur Verstärkung belegt mit Hirschsehne und versehen mit einer Schicht aus Klapperschlangenhaut. Daneben steht ein Köcher mit Pfeilen, deren Spitzen aus Feuerstein, Knochensplittern oder Eisen gemacht sind. Auf dem Schreibtisch liegt ein lederner Schulterbeutel, verziert mit bunten Perlenstickereien. Auf einem Regal liegt, neben dicken Abhandlungen zur Geschichte der Indianer Nordamerikas, eine zusammengerollte Tierhaut. Sie stammt von einem Wapiti, einem in der Region um Winnipeg verbreiteten Hirsch. „Was ich damit mache, weiß ich noch nicht“, sagt Roland Bohr. „Vielleicht eine Trommel.“ Und aus dem Hirschgeweih, das auf einem anderen Regal liegt, will er Knöpfe machen. Bogen, Pfeile und Lederbeutel hat er bereits in akribischer Handarbeit selbst hergestellt, mit den gleichen Methoden wie früher die Prärieindianer. „Man kann noch so viel über die Geschichte reden – aber wenn die Studenten erst mal so einen Bogen in der Hand halten, haben sie gleich ein ganz anderes Gefühl für die Zeit“, sagt er.

Um die Geschichte so anschaulich wie möglich zu machen, lädt er oft auch indianische Älteste oder Künstler als Gastredner ein. So plant er jetzt ein Seminar, in dem traditionelles indianisches Spielzeug wie handgeschnitzte Puppen und Geschicklichkeitsspiele aus Wapiti-Horn den Studenten ein Gefühl für die Traditionen der Region vermitteln sollen. Und für ihre eigene Geschichte.

Für viele Studenten sind die Seminare des deutschen Professors die erste Begegnung mit einem Teil ihrer Tradition, der in den Schulen und in den Medien Kanadas nur selten vermittelt wird. Mit tiefgreifenden Folgen gerade für die Nachfahren der Ureinwohner, die in der Stadt Winnipeg etwa zehn Prozent der Bevölkerung stellen. Ähnlich hoch ist ihr Anteil unter den Studenten der Universität. „In diesem Seminar habe ich zum ersten Mal eine andere als die von Weißen geprägte Sicht auf unsere Geschichte gehört“, sagt Wanda Spence, Ojibwa-Indianerin und eine der Studentinnen in Roland Bohrs Seminar zur Geschichte der Ureinwohner.

Der Professor aus Deutschland war für sie der erste Lehrer, der nicht nur die offizielle, von den Nachfahren der europäischen Einwanderer geprägte Sicht der Geschichte lehrt, sondern auch die Perspektive der Ureinwohner zu vermitteln sucht. „So etwas lernen wir einfach nicht in der Schule.“ Und ihre Kommilitonin Darlene Ross, ebenfalls eine Ojibwa, ergänzt: „Mir ist erst durch dieses Seminar bewusst geworden, wie einseitig die offiziell gelehrte Sicht der Geschichte ist.“

Die beiden sitzen im Zentrum für indianische Studenten, einem mit traditionellen Symbolen, handgeknüpften Decken und Bildern bekannter Indianerhäuptlinge geschmückten Raum, den die Universität eingerichtet hat, um Studenten indianischer Herkunft zu unterstützen. Viele von ihnen kämpfen mit sozialen und persönlichen Problemen, die oft auf die bis vor wenigen Jahrzehnten praktizierte staatliche Unterdrückung ihrer Kultur zurückgeführt werden. „Wir fangen gerade erst an, uns unsere Kultur wieder anzueignen“, sagt Linda McEvoy, die Stammesälteste, für die der Tabakbeutel gedacht war. Sie ist an der Universität für die indianischen Studenten eine Ansprechpartnerin in kulturellen, geistigen und persönlichen Fragen. In einem Teil des Raumes arbeiten ein Dutzend Studenten an Computern, viele durch ihre tiefschwarzen Haare und die kräftigen Wangenknochen als Angehörige der „First Nations“ erkennbar. Auf Linda McEvoys Arbeitstisch liegen bunte Stoffrollen, Nähgarn und Werkzeug, mit denen sie mit den Studenten traditionelle Quilts näht, bunt bestickte Decken, oder Hemden mit bunten geometrischen Mustern, die Studenten zu rituellen Zeremonien anziehen.

Wenn Linda McEvoy von der historischen Unterdrückung der Indianer spricht, wird der Ausdruck in ihrem freundlichen Gesicht hart und bitter. Vor allem als es um die so genannten „Residential Schools“ geht, oft von Kirchen geführten und von der Regierung finanzierten Schulen, auf denen die Indianer seit Mitte des 19. Jahrhunderts im Sinne der weißen Kanadier erzogen wurden. Die waren Teil eines umfassenden Programms, das die lange als unterlegen angesehene Kultur der Ureinwohner auslöschen sollte.

So wurde den Schülern ihre eigene Sprache verboten, ebenso traditionelle Gebräuche und religiöse Praktiken. Oft ging dieses Verbot mit Gewalt und Missbrauch durch die Lehrer einher. Erst mit dem Aufkommen der Philosophie des Multikulturalismus Anfang der 1970er Jahre änderte sich das langsam, die letzten dieser Schulen wurden erst in den achtziger Jahren geschlossen. Seitdem versucht die kanadische Regierung, zumindest einige Sünden der Vergangenheit wiedergutzumachen. „Die Zeit der Unterdrückung ist für uns trotzdem keine Vergangenheit, sondern macht uns immer noch zornig und vorsichtig gegenüber Fremden“, sagt Linda McEvoy. Zugleich sieht sie Seminare wie die, die Roland Bohr anbietet, als einen Beitrag zur Versöhnung an. „Ich bin glücklich, dass heute zumindest offen darüber gesprochen werden kann, was uns in der Vergangenheit angetan wurde.“

Wieso ausgerechnet ein deutscher Historiker den Nachfahren der Ureinwohner und der europäischen Pioniere die eigene Geschichte näherbringt? „Ich sehe mich als Brücke, als jemand, der weder Indianer ist, noch Kanadier – mit all den dazu gehörenden Vorurteilen“, sagt Roland Bohr. Dem stimmt seine Studentin Darlene Ross zu: „Es ist gut, wenn jemand diese Themen unterrichtet, dessen Blick nicht durch Einseitigkeit getrübt ist.“ Vielleicht spielte das auch eine Rolle, als Bohr bei der Bewerbung auf die Stelle als Assistenzprofessor vor zwei Jahren unter seinen Mitbewerbern auch ein paar Akademiker mit indianischen Vorfahren abhängte.

Nach Manitoba war er bereits 1999 gekommen, damals noch als Student, um seine Doktorarbeit zu schreiben. Das Thema: Pfeil und Bogen der nordamerikanischen Indianer im Vergleich mit den Waffen der europäischen Einwanderer im 17. bis 19. Jahrhundert. Für den Historiker, der schon als Kind begeistert mit Pfeil und Bogen spielte und später eine Ausbildung als Feinmechaniker machte, kann seine Arbeit nie nur theoretisch sein. Also baute er die Waffen nach, über die er schrieb, und arbeitete sich zugleich durch historische Dokumente.

Winnipeg ist dafür eine Fundgrube, sagt er. Hier befinden sich die umfangreichen Archive der Hudson’s Bay Company, die einige Jahrhunderte den Pelzhandel und viele andere Dinge in diesem Teil Nordamerikas kontrollierte. Und es gibt für Roland Bohr viele qualifizierte Gesprächspartner, denn in und um Winnipeg leben mehr Nachfahren der Ureinwohner als in den meisten städtischen Regionen Kanadas.

Dass das Zusammenleben nicht immer spannungsfrei ist, ist auch in den Seminaren an der Universität zu spüren. „Es ist manchmal sehr schmerzhaft, wie ungerecht andere Studenten über uns urteilen und sich dabei dessen nicht bewusst sind, was sie sagen“, sagt Wanda Spence. So hätte neulich in einem Wirtschaftsseminar eine Studentin gesagt, sie verstehe nicht, wieso die kanadischen Indianer Teile des Landes zurückfordern, das ihnen einst gehörte und um das sie sich betrogen fühlen. Das sei wie ein verkauftes Auto, das man nicht einfach zurückfordern könne, habe die Studentin gesagt. Dass viele Indianer bei den Verträgen mit den Weißen über den Tisch gezogen wurden und oft anderes im Sinn hatten, als ihr Land dauerhaft zu verlieren und im sozialen Abseits oder in ärmlichen Reservaten zu enden, ist für manche Studenten mit nicht-indianischem Hintergrund offenbar nur schwer zu verstehen.

Auch das ist etwas, das die indianischen Studentinnen an Roland Bohrs Klasse schätzen, sagt Darlene Ross: „Dass wir lernen, was für schlimme Dinge passiert sind, und offen darüber reden können – auch wenn es manchmal sehr hart ist.“ Vielleicht ist so der Spruch zu verstehen, der auf einem Aufkleber in Roland Bohrs Büro zu lesen ist. Darauf steht: „Die Hoffnung lebt, wenn Menschen sich erinnern.“

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