Infektionsschutz : Überforderter Föderalismus

Charité-Experte: Im Kampf gegen Infektionskrankheiten ist ein zentral organisiertes Vorgehen wirkungsvoller. Nur so können ausreichend hohe Impfzahlen erreicht werden.

Roland Knauer

Vielleicht ist die Schweinegrippe ja so eine Art Test im Ernstfall, der Schwächen in der deutschen Infektionsbekämpfung aufdeckt. So hat Sieghart Dittmann es auf dem herbstlichen „2. Nationalen Innovationsforum Medizin“ in Berlin zwar nicht formuliert. Und doch legt der Vortrag des ehemaligen Chefs der Programme für Infektionskrankheiten und Impfungen des Europabüros der Weltgesundheitsorganisation WHO diese Überlegung nahe. Denn der Charité-Epidemiologe verteilt Lob und Kritik für die deutsche Reaktion auf die Schweinegrippe-Pandemie gleichermaßen.

Lob zollt Dittmann vor allem dem Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin, das sich zu einem guten Infektionszentrum gemausert habe. An der entscheidenden Stelle hat das RKI jedoch kaum Einfluss: Die beste Maßnahme gegen Infektionen ist ihre Verhinderung und damit oftmals die Impfung. Die wiederum kann das RKI zwar empfehlen, für die Ausführung aber sind die Länder zuständig.

Genau da aber zeigen sich massive Probleme. Denn für die gerade anlaufende Massenimpfung gegen die Schweinegrippe werden rund 30 000 Impfärzte benötigt, rechnet Dittmann vor. Aufgrund knapper Kassen haben die Bundesländer den öffentlichen Gesundheitsdienst aber so stark geschrumpft, dass er inklusive Hausmeister und Bürokräfte nur noch 3000 Beschäftigte in ganz Deutschland hat. Also müssen niedergelassene Ärzte die Lücke füllen. Diese werden allerdings erst zu einem Zeitpunkt angesprochen, an dem die Impfkampagne bereits läuft. Bei einer vorläufig relativ mild verlaufenden Infektion wie der Schweinegrippe klappt die Kampagne wohl trotzdem, weil die Menschen vermutlich erst nach und nach zum Impfen gehen. Bei einer dramatischeren Infektion aber würden die Impfärzte leicht überfordert.

Genau diese mangelnde Vorbereitung kritisiert Dittmann. Eine zentrale Organisation wie es sie etwa in Frankreich gibt, könnte einiges verbessern. Wie erfolgreich dieser in Deutschland oft genug verpönte Zentralismus bei Infektionskrankheiten sein kann, zeigt der Experte am Beispiel von Lateinamerika. Länder zwischen Mexiko im Norden und Argentinien und Chile im Süden konnten als erste Region weltweit melden, dass die gefürchtete Kinderlähmung Polio verschwunden sei. Auch die nicht minder gefährlichen Masern sind dort inzwischen kein Thema mehr.

In Deutschland dagegen erhalten nur 60 bis 70 Prozent aller Kinder die notwendige zweite Immunisierung. Allein im Jahr 2008 wurden 915 Masernfälle im Land registriert. Zentral organisiert könnten Ärzte und Bevölkerung viel besser über Impfungen aufgeklärt werden. Nur so aber lassen sich die Impfraten erhöhen, die nach wie vor das beste Mittel gegen Infektionen sind, erklärt Dittmann nachdrücklich.

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