Ingenieurpromotion : Freiheit für Doktoranden

Acatech ist gegen die verschulte Promotion von Ingenieuren. Die Technik-Akademie will aber auch Kurse für Soft skills.

Anja Kühne

Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften Acatech sorgt sich um die Zukunft der Ingenieurpromotion. Es sei zu befürchten, dass die im Bologna-Prozess geplante stärkere Strukturierung der Promotionsphase „die weitgehende Selbständigkeit der Doktoranden in Forschung, Lehre und Projektarbeit stark einschränken“ werde. Eine Empfehlung zur Promotionsphase will die Acatech am heutigen Freitag in Berlin vorstellen. Auch der „berufliche Leistungsaspekt“ werde durch die „Ausweitung ausbildungsartiger Elemente wie verpflichtender Promotionsstudien“ geschwächt.

Haben die Professoren vielleicht nur Angst, die Graduiertenschulen könnten den wissenschaftlichen Nachwuchs dem Zugriff der Lehrstühle entziehen? Diesen Verdacht weist Michael F. Zäh, unter dessen Leitung die Acatech ihre Empfehlungen erarbeitet hat, zurück. Vielmehr sorge man sich um die Doktoranden. Sie müssten Erfahrungen im Beruf, also in Lehre und Forschung, sammeln. Außerdem gehöre Selbstständigkeit während der Promotion zur „persönlichen Weiterentwicklung“: „Wenn die Promotion so wird wie das Masterstudium, ist sie sinnlos“, sagte Zäh, Professor für Ingenieurwissenschaften an der TU München, dem Tagesspiegel.

Wie verschult darf die Promotionsphase sein? Diese Frage beschäftigt auch andere Disziplinen. Denn im Zuge der Bologna-Reform soll in allen Fächern auch die dritte Phase des Studiums stärker strukturiert werden. Doktoranden sollen in Programmen forschen und dort neben der Arbeit an der Dissertation Kurse belegen, etwa in Methodik, Theorie oder „soft skills“. Ein bis zwei Tage pro Woche müssten sie für solche Veranstaltungen aufwenden, berichten Doktoranden aus Graduiertenkollegs der DFG, an denen sich die Reform des Doktorandenstudiums in Deutschland orientieren wird. Als Vorteil der Promotion in Graduiertenschulen gilt im allgemeinen, dass die Doktoranden sich nicht mehr nur mit ihrem Betreuer austauschen, sondern auch mit anderen am Programm beteiligten Professoren.

In den Ingenieurwissenschaften sind die Vorbehalte gegen den Bologna-Prozess seit langem besonders stark. Auch die Acatech hat sich in der Vergangenheit skeptisch zu der Vorstellung geäußert, der Bachelor könne für die Mehrheit der Absolventen der Ingenieurwissenschaften in den Beruf führen. An Universitäten müsse der hohe Theorieanteil des Studiums in den ersten Semestern beibehalten werden. Insofern ist es folgerichtig, wenn die Acatech nun auch der Promotion in Graduiertenschulen skeptisch gegenübersteht.

Die promovierten Ingenieure werden nach Ansicht der Acatech auf den traditionellen Wegen „für die Übernahme von Führungsaufgaben in Wissenschaft und Wirtschaft bestens vorbereitet“, heißt es in dem Papier. Neunzig Prozent der Doktoranden in den Ingenieurwissenschaften – das sind pro Jahr 2200 – promovieren bisher laut Acatech auf einer Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter, einige auch als Externe in der Wirtschaft („Industriepromotion“). Trotzdem sieht die Acatech Verbesserungsbedarf. In einer Umfrage unter promovierenden Ingenieuren wünschten sich viele „eine systematische Vermittlung von betriebswirtschaftlichen und juristischen Kenntnissen“, von Soft skills sowie eine bessere Betreuung.

Darum macht die Acatech eine Reihe von Verbesserungsvorschlägen: So sollen die Doktoranden neben ihrer Forschung auch Soft skills wie Gesprächsführung und Moderationstechniken, Projektmanagement und Personalführung vermittelt werden. Zwischen Doktorand und Doktorvater oder -mutter soll eine Vereinbarung geschlossen werden, in der etwa der Zeitrahmen für die Promotion „mit Meilensteinen im Projektverlauf“ festgehalten wird. Die „dissertationsfremden Aufgaben der Doktoranden in Forschung, Lehre und Verwaltung“ sollen begrenzt werden, damit die Promotion in vier Jahren oder weniger möglich ist. Doktoranden sollen regelmäßig im Kolloquium über den Fortgang ihrer Arbeit berichten. Ein „etwa vierteljähriger Auslandsaufenthalt“ soll eingeplant werden, „sofern er das Promotionsvorhaben fördert“. Um den Anteil von promovierenden Frauen in den Ingenieurwissenschaften zu heben, schlägt die Acatech „verbindliche Zielvereinbarungen zur Steigerung des Anteils von Wissenschaftlerinnen“ vor.

Zäh selbst könnte sich auch vorstellen, einen größeren Teil der Ingenieur-Doktoranden als bislang in Graduiertenprogramme zu schicken. Mehr als zwanzig Prozent sollten es aber nicht sein. 

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