Inklusion : Der Preis des gemeinsamen Lernens

Die Integration von Kindern mit Behinderungen in reguläre Schulen kostet die Länder 660 Millionen Euro im Jahr, hat Bildungsökonom Klaus Klemm errechnet. Der Trend zu mehr Inklusion zeichne sich in den Bundesländern bereits ab.

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In Frankfurt am Main demonstrierten kürzlich Eltern und Kinder für mehr Inklusion.
In Frankfurt am Main demonstrierten kürzlich Eltern und Kinder für mehr Inklusion.Foto: dapd

Deutschland holt auf bei der Inklusion. Der Anteil von Schülern mit Körper- und Lernbehinderungen an regulären Schulen steigt, wenn auch langsam. Bundesweit stieg die Quote im Schuljahr 2010/11 auf 22,3 Prozent, im Vorjahr waren es 20,1 Prozent. Das geht aus einer Studie des Bildungsökonomen Klaus Klemm (Universität Duisburg-Essen) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung hervor. Zwischen den Ländern gibt es große Unterschiede: In Hamburg stieg der Inklusionsanteil um die Hälfte, von 16,2 auf 24,4 Prozent, in Bayern von 15,7 auf 20,2 Prozent. Berlin hat mit 43,9 Prozent nach Schleswig-Holstein den zweithöchsten Anteil, eine Steigerung um 6,3 Prozent. Die bundesweit niedrigste Quote weist Niedersachsen mit 8,5 Prozent auf, gegenüber dem Vorjahr aber eine Steigerung von 18 Prozent.

Ausgelöst wurde die Bewegung durch eine UN-Konvention zur Inklusion, die am heutigen Montag vor drei Jahren in Kraft trat. Danach hat auch Deutschland sich verpflichtet, Kinder mit und ohne Behinderungen gemeinsam zu unterrichten. Für die Länder ist es nicht zuletzt eine enorme finanzielle Herausforderung, ihre Schulen behindertengerecht auszustatten und zusätzliches Personal einzustellen. Den zusätzlichen Finanzbedarf beziffert Klaus Klemm mit rund 660 Millionen Euro pro Jahr. Bei einer flächendeckenden Umstellung auf Inklusion bräuchten die Schulen fast 10 000 Lehrer mehr als heute. Durch die Schließung der meisten Förderschulen würden zwar Mittel und Stellen frei, doch ab 2020/21 würde der Zusatzbedarf in voller Höhe fällig. In den Ländern hofft mancher auf Bundeshilfen, für die allerdings erst das Kooperationsverbot in der Verfassung fallen müsste: „Die Länder müssen in die Lage versetzt werden, hier aktiv handeln zu können“, findet etwa Sylvia Löhrmann, Schulministerin von NRW.

Der Deutsche Philologenverband (DPhV) widerspricht der Grundannahme von Klemms Studie, dass die Förderschulen im Zuge der Inklusion geschlossen werden sollen. Dies sei durch die UN-Konvention nicht gedeckt, erklärt der DPhV-Vorsitzende Heinz-Peter Meidinger. So gebe es auch selbst im Musterland Finnland neben der Integration in Regelschulen auch weiterhin hoch spezialisierte Förderzentren.

Wie hoch der Prozentsatz von Kindern mit Behinderungen an regulären Schulen sei, sage nichts über die Qualität der Beschulung aus, erklärte Meidinger. Grundsätzlich sei es aber zu begrüßen, dass Klemm den Versuch unternehme, die Kosten zu beziffern. „Inklusion ist nicht zum Nulltarif zu haben und schon gar nicht ein Sparmodell.“ Klemm geht bei seiner Berechnung davon aus, dass die behinderten und verhaltensauffälligen Kinder an den Regelschulen ebenso intensiv wie bisher gefördert werden. Dazu müssten die Schulen zusätzliche Lehrer, Sonderpädagogen, Psychologen und Therapeuten einstellen, erklärte Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung. Dies sei die Voraussetzung für den Erfolg und die Akzeptanz von Inklusion. Daneben müsse gewährleistet sein, dass jedes Kind – auch ein nicht behindertes – gemäß seiner Fähigkeiten gefördert wird.

Der Umbau auf inklusiven Unterricht werde die Länder abhängig von der demografischen Entwicklung unterschiedlich viel kosten, schreibt Klemm. Vor allem Länder, die steigende Schülerzahlen erwarten, seien gefordert, ausreichend Lehrkräfte für das gemeinsame Lernen einzustellen. Auf Sachsen, das 1607 zusätzliche Stellen brauche, kämen Mehrkosten von 114 Millionen Euro im Jahr zu, auf Berlin mit einem Bedarf von 864 Lehrkräften 61 Millionen. Mit hohen Kosten müssten auch Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Hamburg rechnen. Unter den Ländern mit sinkenden Schülerzahlen und geringeren Kosten sind Bayern, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein.

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