• Interdisziplinäres Forum der Bundesärztekammer: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen

Interdisziplinäres Forum der Bundesärztekammer : Kinder sind keine kleinen Erwachsenen

Medikamente für junge Patienten sollen sicherer und wirksamer werden.

Rosemarie Stein

Wenn Kinder krank sind, bekommen sie noch immer meist Medikamente, die in klinischen Studien nur an Erwachsenen erprobt wurden. Doch häufig reicht es nicht aus, Kindern einfach eine geringere Dosis einer Arznei zu geben, um sie angemessen und sicher zu behandeln.

Da der kindliche Organismus anders auf bestimmte Wirkstoffe reagiert, gilt seit Januar 2007 eine neue EU-Verordnung, auch in Deutschland. Danach sind die Hersteller verpflichtet, neue Mittel auch auf ihre Anwendbarkeit bei Kindern zu prüfen. Dennoch ist das Problem auch ein Jahr nach Inkrafttreten der Verordnung nicht gelöst. Dies war am Wochenende in Berlin das Fazit einer Vortragsreihe auf dem 32. Interdisziplinären Forum der Bundesärztekammer.

Warum man die Wirkungen und Nebenwirkungen von Medikamenten bei Kindern sorgfältig beobachten muss, begründete Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission, so: „Arzneistoffe wirken im kindlichen Organismus anders als im erwachsenen, so dass es zum Beispiel leicht zu falschen Dosierungen kommt. Manche Medikamente können die Entwicklung der Kinder beeinträchtigen und sogar Spätfolgen haben, die erst beim Erwachsenen erkennbar werden“, sagte der Krebsspezialist.

Die Arzneimittel, die bereits vor Januar 2007 auf dem Markt waren, wurden nicht an Kindern erprobt. Und die EU-Verordnung verpflichtet die Hersteller auch nicht dazu, dies nachzuholen – auch wenn Anreize dazu gegeben werden sollen. Außerdem gibt es viele Medikamente, die nur für Erwachsene zugelassen sind, aber trotzdem Kindern gegeben werden. Ein Beispiel dafür, dass die Fehlmedikation sogar tödlich enden kann, brachte der Marburger Pädiater Hansjörg Seyberth: „Von dem ohnehin riskanten Antibiotikum Chloramphenicol, das man bei uns heute kaum noch verwendet, erhielten Neugeborene früher 100 bis 200 Milligramm pro Kilo Körpergewicht – eine toxische Dosis, die zum Tod durch Herz-Kreislauf-Versagen führen konnte“, sagte er. Man hatte einfach die Erwachsenendosis auf das Gewicht des Kindes heruntergerechnet, ohne die andere Verarbeitung der Substanz im unreifen Organismus zu beachten.

Bei Kleinkindern wurde hingegen oft unterdosiert – bis zur Unwirksamkeit. Denn man berücksichtigte nicht, dass ihre rasch reifenden Organe (Leber, Nieren) bestimmte Arzneimittel besonders schnell abbauen. Deshalb scheint auch das Schmerzmittel Paracetamol die Leber von Kleinkindern weniger zu schädigen als die Erwachsener, meinte Seyberth. Er hob auch hervor, dass „Kind nicht gleich Kind“ sei: „In den verschiedenen Entwicklungsphasen, vom Früh- und Neugeborenen über das Säuglings-, Kleinkind- und Schulkindalter bis zur pubertären Umbauphase können Medikamente verschiedene erwünschte und unerwünschte Wirkungen haben, was wenig bekannt ist.“ Als Leiter der Kommission für Arzneimittelsicherheit der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin kritisierte Seyberth die mangelhaften Kenntnisse auch der Pädiater in Arzneimittellehre. Die Kinderärzte bezögen ihre Kenntnisse fast nur von den Herstellern und begäben sich so „in eine problematische Industrieabhängigkeit“.

Selbst rezeptfreie Mittel können für Kinder schwere Folgen haben. Das zeigte der Heidelberger Pharmakologe Ulrich Schwabe am Beispiel der Erkältungsmittel. Er zitierte aus einem Artikel, der kürzlich im „New England Journal of Medicine“ erschien. Danach ergaben Studien, dass frei verkäufliche Erkältungsmittel für Kinder kaum wirksamer sind als ein Scheinmedikament (Placebo).

Die Nebenwirkungen werden in den USA öffentlich diskutiert. Denn seit Januar 2000 gingen bei den US-Giftzentralen über 750 000 Anfragen dazu ein. In den Jahren 2004 und 2005 wurden mehr als 3500 Kinder unter zwei Jahren nach Anwendung von Erkältungsmitteln in Notfallstationen gebracht, zum Beispiel wegen Herzrhythmusstörungen durch abschwellende Mittel, Halluzinationen durch Antihistaminika und Bewusstseinsstörungen durch Hustenblocker. Und die US-Arzneimittelbehörde (FDA) trug Informationen über 123 Todesfälle bei unter Sechsjährigen in Verbindung mit Erkältungspräparaten zusammen.

„In den Kliniken werden solche Mittel nicht mehr verwendet“, sagte Seyberth. Er empfahl gegen quälenden Husten entzündungshemmende Substanzen wie Ibuprofen.

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